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Können statt Quote: Das finden Menschen in der Arbeitswelt der Vielfalt

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In Großorganisationen sind bürokratische und veraltete Strukturen leider oft noch die Regel: Clemens Fischer, Jahrgang 1975, studierte zwar Medizin und Betriebsökonomie, wollte aber niemals als Arzt arbeiten, weil er kein Freund von Hierarchien war.

Immer wollte er sein „eigenes Ding" (Pharma FGP - Eine der größten Werbetreibenden in der Pharmaindustrie) machen, deren Produkte allerdings auch auf Kritik stoßen.

Seine berufliche Laufbahn begann er dennoch 2001 in einem Großkonzern: bei einem Schweizer Pharma-Konzern. 2006 stieg er in die Geschäftsleitung der deutschen Tochter auf:

„Das Wort groß hat mich gereizt. Ich dachte, da habe ich Möglichkeiten ohne Ende, da kann ich viel erreichen." Aber er täuschte sich und verließ 2007 das Großunternehmen:

„Je höher der Platz in der Hierarchie, desto enger das Korsett. Da sagen dann die Investoren, wo es langgeht, und die denken in Quartalen." (Elisabeth Dostert: Der Kämpfer, in: SZ, 6.4.2016, S. 18.)

Der Personalexperte Werner Neumüller sagt im Interview mit der verantwortlichen Redakteurin von N-Kompass, Marie-Lucie Linde, auch, dass es dem Menschen langfristig gut gehen soll. Das sei für die Zukunftsfähigkeit eines Unternehmens essentiell, vor allem in Zeiten des zunehmenden Fachkräftemangels.

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Werner Neumüller (Neumüller Unternehmungen und Marie-Lucie Linde (N-Kompaß)
Foto: Anestis Aslanidis

Konkret bedeutet das laut Werner Neumüller:

• Arbeitgeber können nicht nur fordern, sondern sollten auch unterstützen, helfen und fördern, denn die Zeit der Kontrolle und des autoritären Führungsstils ist mit der Generation Y und der neuzeitlichen Denkweise zunehmend vorbei.

• Die Leistung und das Können eines jeden Einzelnen sollte - unabhängig von Ausbildung, Alter, Unternehmenszugehörigkeit oder Herkunft - zum zentralen Kriterium gemacht werden.

• Niemand sollte Stereotypen verfallen und andere Menschen in Schemata pressen.

• Wer Diversity im Unternehmen heute ausklammert, kann heute und in Zukunft keine nachhaltig erfolgreichen Geschäfte machen.

• Nicht nur augenblickliches Wohlergehen ist entscheidend, sondern ein Sicherheitsgefühl für die Zukunft - etwa durch Jobsicherheit. Denn Individuen haben ein Recht auf Beschäftigung bis in das Rentenalter.

Was heißt das konkret für die Neumüller Unternehmensgruppe?

Im Oktober 2014 unterzeichnete Neumüller die „Charta der Vielfalt", die 2006 auf Initiative der Deutschen BP in Zusammenarbeit mit der Daimler AG, der Deutschen Bank und der Deutschen Telekom ins Leben gerufen wurde.

Angela Merkel ist Schirmherrin der Unternehmensinitiative zur Förderung von Vielfalt in Unternehmen und Institutionen, die von der Beauftragten der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration, Aydan Özoğuz, unterstützt wird.

Bei Neumüller werden beispielsweise drei ehemalige Auszubildende beschäftigt, die ähnlich leistungsfähig sind wie manch älterer und erfahrener Mitarbeiter. Nur die Arbeitsweisen würden sich unterscheiden, sagt der Geschäftsführer im Interview:

„Der Jüngere versucht z.B. kreativ mit modernen Arbeitsmitteln und Fleiß sein Ziel zu erreichen, der Erfahrenere eher über bewährte Strategien und langjährige Erfahrung." Neumüller versucht beide im Team gleichzustellen und mit ähnlichen Positionen zu versehen und so von den jeweiligen Arbeitsweisen in der Leistung zu profitieren.

Er macht seinen Mitarbeitern Angebote, mehr Geld für mehr oder bessere Leistung zu verdienen, ohne sie mit Nachdruck dazu anzuhalten. Jeder kann so größtenteils auf seinen Verdienst und seine berufliche Weiterentwicklung sowie zukünftige Position im Unternehmen selbstbestimmt Einfluss nehmen:

Einige entscheiden sich für ein jeweiliges Mehr und arbeiten engagiert darauf hin; andere definieren sich aus Werten außerhalb des Beruflichen und entscheiden sich für mehr Freizeit:

„Eine physische und psychische Entlastung setzt Energie frei, die Mitarbeiter gerne für ihre persönlichen und privaten Belange, aber natürlich auch wieder für die Firma oder ihre Karriere einsetzen können."

Langjährige ältere Mitarbeiter wurden schon immer mit Ausbildungs- oder Aufsichtstätigkeiten, leichteren Arbeiten der alternative Tätigkeiten in die Rente gebracht „und nicht in den zeitweise günstigen Vorruhestand verabschiedet".

Sie verfügen über Erfahrung und Wissen in Bezug auf Verfahren und Techniken, aber auch in Bezug auf Stammkunden und kommunikative Mitarbeiterführung.

Der Personalexperte betont allerdings auch, dass dieser Ansatz für Konzerne eine große Herausforderung darstellt, denn sie leben in einer eher starren Tarifstruktur, in der das Alter, die Berufsjahre und Jahre der Zugehörigkeit wesentlich sind. Dennoch ist er davon überzeugt, dass auch dort über ein intelligentes und leistungsorientiertes Diversity- und Gruppenmanagement sowie der Stärkung kleinerer Einheiten viel erreicht werden kann.

Interesse an Gewinnmaximierung um jeden Preis hat der Unternehmer nicht - vielmehr strebt er eine Balance zwischen wirtschaftlichem Erfolg, Zufriedenheit der Menschen sowie dem Schutz und Erhalt der Umwelt an.

Die Neumüller Unternehmungen gehören zu den Gründungsmitgliedern von „Ethics in Business", einer Werte-Allianz des Mittelstands. Ethik hat für den Geschäftsführer vor allem mit Vertrauen und Kommunikation zu tun, denn sie ist nicht nur an den Menschen im Allgemeinen gerichtet, sondern spricht ihn auch persönlich als Individuum in einer Gemeinschaft an.

Wenn Führungskräfte und Manager allerdings das Persönliche beim Marketing und der externen Kommunikation fordern, es in der eigenen Organisation aber unterdrücken, ähnelt dies „lausigen Pianisten, die immer nur auf einigen weißen Tasten herumklimpern" (Wolf Lotter).

Gelebtes Diversity-Management braucht echte Könner.

Weitere Informationen:

Warum Gemeinschaftsinitiativen zum Thema Vielfalt Schule machen


Hier ist ein Mensch: Mit Vielfalt für Vielfalt

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