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Arbeit und Leben: Warum sich immer mehr Menschen eine Trennung wünschen

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WORK LIFE BALANCE
Artsanova via Getty Images
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Wie sich Ablenkung vermeiden lässt

Ständig online und auf Abruf bereit, digitale Vernetzung auch am Wochenende und im Urlaub, Abschied vom Feierabend - das Konzept der Work-Life-Balance weicht heute einem Work-Life-Blending, in dem die Grenzen zwischen Privat- und Arbeitsleben immer mehr verschwimmen. Immanuel Kant bezeichnete einmal die „Ruhe nach der Arbeit" als den größten Genuss für einen gesunden Menschen. Diesen Zustand erreichen flexible Wissensarbeiter heute allerdings immer seltener.

Wer ständig kommuniziert, mag zwar produktiv scheinen, ist es aber nicht, was sich auch an der Qualität der Arbeit zeigt. Die gleichzeitige Erledigung von Aufgaben und das ständige Kommunizieren nennt der US-Informatiker Cal Newport in seinem aktuellen Buch „Deep Work" - in Deutsch erschienen unter dem Titel „Konzentriert arbeiten" - als „Geschäftigkeit". Das ist allerdings etwas anderes als echte Arbeit, deren Erfolg tiefe Konzentration und Disziplin voraussetzt.

Um konzentriert seine Aufgaben richtig erledigen zu können, empfiehlt es sich, das Handy und die Push-Funktion der E-Mails auszuschalten. Anschließend lässt sich alles gebündelt in kurzer Zeit abarbeiten. Die Management- und Sportexperten Claus-Peter Niem und Karin Helle, Autoren des Buches „One touch. Was Führungskräfte vom Profifußball lernen können", empfehlen : „Armbanduhr ablegen oder: draufschauen verboten! Das ist zumindest das Motto von Joachim Löw, wenn er mit seinen Jungs auf dem Platz steht."

Das ist nicht nur wichtig für aktives Lernen, deren Qualität sich an der Zahl neuer Verknüpfungen bemisst, die im menschlichen Gehirn hergestellt werden, sondern auch „für das Erbringen von Bestleistungen, die nur möglich sind, wenn man sein Augenmerk auf die wichtigen Angelegenheiten im Leben setzt", so die Autoren. Auch der Wechsel des Arbeitsorts kann hilfreich sein, ebenso Rituale, die für Vertrautheit und wohltuende Auszeiten sorgen und den eigenen Energiehaushalt regenerieren.

Menschen müssen dafür ihre Aufmerksamkeit bündeln. Der Psychologe und Bestsellerautor Daniel Goleman unterscheidet drei Grundformen: die Konzentration nach innen, auf andere und nach außen. Nachdem er in seinem Buch „Konzentriert Euch!" die Lüge vom Multitasking anprangerte (weil das menschliche Gehirn niemals mehrere Dinge gleichzeitig erfassen kann) und sich der Kunst widmete, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, avancierte in den USA das Buch von Newport nun zu einem Bestseller, in dem er pragmatisch argumentiert, dass nur konzentrierte Arbeit produktiv macht:

Nur wer fähig ist, sich über einen längeren Zeitraum hinweg einer einzigen Sache zu verschreiben, ist wirklich lernfähig und kommt voran. Wenn sich jemand ständig selbst unterbricht und ablenkt, ist er nicht wirklich lernfähig und kommt auch nicht nachhaltig voran. Es ist nicht möglich, dort weiterzumachen, wo man aufgehört hat, weil es Zeit braucht, um in einen kreativen Zustand zurückzufinden.

Im Zuge der Digitalisierung wird sich die Verschmelzung von Arbeit und Leben noch verstärken - beispielsweise, wenn digitale Nomaden überall und jederzeit an ihrem Laptop arbeiten oder sich in Coworking-Spaces zusammenschließen. Großunternehmen versuchen dies zu imitieren, indem sie ihre Büros mit Plastikblumen, Ruheboxen oder schalldichten Glaszellen gestalten.

Die Rückkehr der Work-Life-Balance

Es gibt inzwischen einen Gegentrend zu dieser Entwicklung: Die Forderungen nach strikteren Trennlinien zwischen Work und Life werden immer lauter, um wieder in Balance zu kommen. Work-Life-Balance bedeutet, dass verschiedene Lebenssphären miteinander in Einklang gebracht werden. Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) spricht von einer „dreifachen Win-Win-Situation" für das Unternehmen, den Beschäftigten und die Gesellschaft. Das Konzept wurde erstmals Ende der Siebzigerjahre in Großbritannien beschriebenn - damals bezogen auf berufstätige Mütter. Auf beide Geschlechter wurde der Begriff ab 1986 in den USA angewandt im Zusammenhang mit immer längeren Arbeitszeiten. In Deutschland wurde der Begriff in den 1990-er Jahren populär.

Einige kritisieren, dass die Proklamierung der Work-Life-Balance dazu führt, dass die Arbeit pauschal als Belastung gesehen wird, sonst würde keine Balance mit der positiven Life-Komponente entstehen können. Doch echte Arbeit und gutes Leben bedürfen auch der Abgrenzung und strikter Trennungslinien. Grenzen zu ziehen bedeutet, etwas auszuschließen, zuweilen auch Nein zu sagen. Das drückt sich im Begriff Work-Life-Balance treffend aus.

Werner Neumüller, Autor und Geschäftsführer der Neumüller Ingenieurbüro GmbH, betont, dass flexible Arbeitsmodelle jedoch nicht dazu führen sollten, dass sich Mitarbeiter_innen genötigt fühlen, rund um die Uhr zu arbeiten. Auch sei es wichtig, dass Führungskräfte Erwartungen hinsichtlich der Erreichbarkeit ihrer MitarbeiterInnen klar kommunizieren und diese auch selbst vorleben, beispielsweise indem sie ihre Angestellten nach bestimmten Uhrzeiten oder am Wochenende nicht (mehr) mobil kontaktieren. Der Personalexperte hält den Begriff Work-Life-Balance für unverzichtbar.

Die Neumüller-Gruppe in Nürnberg beschäftigt mehr als 300 MitarbeiterInnen an fünf Standorten. Kerngeschäft ist die Rekrutierungsunterstützung über die Personaldienstleistung vor allem im akademischen Umfeld und bezüglich Ingenieurqualifikationen. „Ich suche den Menschen" ist ein Leitsatz der Geschäftsführung, der zugleich ausdrückt, wie wichtig es ist, die richtigen Menschen für Unternehmen zu finden und zu fördern. Sein Ansatz deckt sich weitgehend mit dem der Businessexperten Karin Helle und Claus-Peter Niem, die auf die Arbeit am und mit dem Menschen selbst setzen.

„Tun statt reden" ist der Titel seines aktuellen Buches, in dem er dafür plädiert, mit Taten zu überzeugen, mehr zu agieren anstatt zu reagieren, sich auf den Moment zu konzentrieren (!), optimistisch, fair und freundlich zu bleiben, sein Bestes zu geben und nie aufzugeben, aber auch, nicht nur Verantwortung für andere, sondern auch für sich und seine Ergebnisse zu übernehmen.

Er ist ein Visionär mit Wirklichkeitssinn wie ihn Karin Helle und Claus-Peter Niem in ihrem lesenswerten Buch beschreiben:

„Sie haben den Glauben daran, etwas bewirken zu können. Sie packen Dinge an und nennen sie beim Namen, auch wenn sie vielleicht nicht gern gehört werden. Alles, was sie unternehmen, dient ihren Mitmenschen oder sogar allen Menschen. Es sind Persönlichkeiten, die Kraft ihrer Integrität, moralischen Gesinnung, Intelligenz und ungeheurer Erfahrung das Fundament für eine neue und lebenswerte Welt begründen können. Visionäre wissen, was sie wollen, haben klare Vorstellungen davon, was wichtig und richtig ist und sind sich ihrer Stärken voll bewusst. Ihre Einstellungen und Fähigkeiten sind mit ihren Handlungen vollkommen kongruent."

Sie „ent-scheiden" richtig, weil sie trennen können. Im Leben und in der Arbeit.

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