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Amateure hoffen - Profis handeln

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"Amateure hoffen. Profis handeln." Dieses Lebensmotto des amerikanischen Drehbuchautors und Regisseurs Garson Kanin, der einen Oscar erhielt und für drei Oscars nominiert war, steht stellvertretend für all jene, die ins Handeln kommen, als Bedenken zu wälzen, die Dinge schnell umsetzen, weil sie sonst verblassen würden, die dort weitermachen, wo andere zufrieden sind. Hier trennen sich die Wege von Amateuren und Profis. Während Amateure auf einem bestimmten erreichten Leistungsniveau nicht mehr die Notwendigkeit empfinden, konzentriert üben zu müssen, wollen sich Profis ständig verbessern. Die Besten hören nie auf zu lernen.

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Interview mit Karin Helle und Claus-Peter Niem (Coaching for Coaches), die mit zahlreichen prominenten Sportlern, unter ihnen Jürgen Klinsmann, Joachim Löw, Stefan Kuntz und Sebastian Kehl, arbeiten. 2016 erschien bei Campus ihr Buch „One touch. Was Führungskräfte vom Profifußball lernen können".

Frau Helle, Herr Niem, was bringt Sie zum Handeln?

Wenn uns etwas wichtig ist, wenn wir ein Ziel haben und motiviert sind, uns verbessern möchten oder etwas unbedingt erreichen wollen - dann steht das Handeln an erster Stelle. Immer auch geht es dabei um innere Zufriedenheit.

Warum?

Es ist ein wohltuendes Gefühl, abends im Bett zu liegen und sich sagen zu können: „Ich habe einen guten Job gemacht - und bin zudem noch bei persönlichen Projekten ein Stückchen voran gekommen." Auf den Punkt brachte das einmal Jürgen Klinsmann: Schon als junger Spieler war es ihm zu langweilig, im Trainingslager immer nur zu trainieren. Stattdessen brachte er sich das Tippen mit 10 Fingern bei. Er nannte das später „Driving Force - wecke die treibende Kraft in dir." Und letztlich lebt er auch heute noch so - ob mit oder ohne Trainerjob. Dann wird nebenbei der Hubschrauberführerschein gemacht, eine neue Sprache gelernt, Gitarre geübt. Step by step eben.

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Karin Helle (l.) mit Claus-Peter Niem (2.v.r.) und Jürgen Klinsmann (r.)

Foto: Coaching for Coaches

Geht es Ihnen da genauso?

Ja, eben alles aus dem Tag herauszuholen und mit sich selbst und seiner Arbeit zufrieden zu sein. Natürlich gibt es auch noch andere Beweggründe, um ins Handeln zu kommen. Immer dann beispielsweise, wenn der Leidensdruck zu groß wird, wenn man sozusagen dazu gezwungen wird, etwas zu verändern, weil es unumgänglich wird. Auch das kann ein möglicher Antrieb zum Tun sein.

Lernen Menschen, sich selbst zu führen nur durch Praxis?

Ein klares „Ja"! Man kann sich theoretisch noch so viel aneignen, professionell führen lernt man nur im Alltag, durch das tägliche Handeln eben. Dabei bedarf es einen steten Austausch mit anderen und sich selbst, eine harte Schule, „learning by doing", durch „trial and error" und tägliche Selbstreflexion.

Was braucht es dafür?

Unzählige Stunden sind dazu notwendig und so manche schlaflose Nacht - und man lernt dennoch jeden Tag aufs Neue dazu. Wie sagte John Wooden, legendärer US-Basketballcoach, einst so schön: „A great leader is a great teacher who is a lifelong learner."

Wie finden Sie die moralischen Grundlagen für Ihr Handeln?

Für uns sind das die drei Grundbedürfnisse des Menschen: Autonomie, Zugehörigkeit und Anerkennung der Kompetenzen. In anderen Worten: Jeder Mensch braucht einen gewissen Freiraum zur Selbstbestimmung, zudem möchte er sich zu einer Gruppe zugehörig fühlen und außerdem noch in seinen Stärken und Kompetenzen anerkannt werden. Gelingt es mir als professionelle Führungspersönlichkeit, jedem meiner Mitarbeiter oder Teammitglieder genau dieses Gefühl zu vermitteln, habe ich alles erreicht. Denn dann fühlt sich mein Gegenüber ernst genommen und leistet gerne fürs Team. Je höher der Grad der drei Grundbedürfnisse zudem ist und je mehr sie in der Balance sind, desto besser.

Auch das persönliche Wertesystem spielt natürlich eine Rolle und beeinflusst die moralischen Grundlagen der eigenen Arbeit genauso wie die eigene Philosophie oder ein Lebensmotto.

Wo sind Ihre Grenzen? Lassen sich die Grenzen durch Bildung und Erfahrung erweitern und verändern?

Wenn ich den Sinn hinter einer Tätigkeit nicht erkennen kann oder etwas tun muss, was gegen meine Werte spricht. Wenn ich mit der Dummheit, Gier und Rücksichtslosigkeit anderer konfrontiert werde oder ich mich hilflos den Dingen ausgeliefert fühle. Und ja, natürlich lassen sich diese Grenzen durchaus verschieben. Wobei wir wieder bei der Erfahrung wären. Je erfahrener ich in meinem Tun und Handeln bin, desto belastbarer werde ich in vielen Fällen. Das wiederum hat häufig etwas mit Gelassenheit zu tun - oder auch mit Wahlmöglichkeiten, die mich mein reicher Erfahrungsschatz gelehrt hat.

Welche Lehren haben Sie aus gescheiterten Unternehmungen gezogen?

Weitermachen, in Wahlmöglichkeiten denken, neue Wege gehen, in Lösungen investieren. Wie heißt es so schön: „Enttäuschungen müssen geplant sein." Eben aus Fehlschlägen lernen und es beim nächsten Mal anders machen, flexibel und offen bleiben. Fehler bedeuten immer auch Weiterentwicklung, es sei denn, man macht immer die gleichen Fehler. Edison brauchte ja bekanntlich mehr als 2000 Versuche, um die Glühlampe zum Leuchten zu bringen. Daraus folgt: Die Dinge zu Ende zu bringen, abzuschließen, also mit Hartnäckigkeit ein Ziel zu verfolgen.

Was halten Sie für Ihren wichtigsten Erfolg?

Die Tatsache, Menschen getroffen zu haben, die uns als Vorbilder dienten, als Mentoren, als Ermutiger und Unterstützer. Menschen, die uns beigebracht haben, auf andere zu zugehen, an uns und unsere Projekte zu glauben und immer aus der Fülle zu denken. Proaktiv aufzutreten und auch nach Rückschlägen immer weiterzumachen, in Wahlmöglichkeiten zu denken und immer neue Wege zu gehen. Letztlich alles Kompetenzen, die auch wir heute in unserer Zusammenarbeit mit Menschen anwenden und weitergeben. Wenn wir dann wiederum sehen, dass sie wirken, dass Klienten durch unsere Inputs ihre eigenen Wege gehen, diese mit Freude beschreiten und zudem noch erfolgreich sind, kann die Freude kaum größer sein.

Gibt es auch eine "Karriere des Herzens", die Sie (wenn auch nicht äußerlich, so doch innerlich) vorangebracht hat?

Letztlich sind wir immer den Weg des Herzens gegangen. Selten bis nie haben wir danach gefragt, was wir denn an materiellem Gegenwert für unsere Arbeit bekommen. Wir haben stattdessen einfach gemacht, gehandelt und uns mit der neuen Aufgabe befasst. Und das hat uns Tür und Tor und vor allem die Herzen der Menschen geöffnet. Jeden haben wir mit seinen Ängsten und Nöten ernst genommen - ob den Profitrainer eines Topteams der englischen Premierleaque oder aber die Frau vom Schalstand vor dem Stadion, die uns von ihren Problemen mit ihren Söhnen berichtete. Das Geschenk dafür war immer ein unglaubliches Vertrauen und eine große Offenheit - und alle Gespräche haben uns innerlich wachsen lassen.

Zudem funktioniert all das natürlich nur dann, wenn die Chemie stimmt. Die Person kann in der Öffentlichkeit noch so wichtig erscheinen - passt es zwischenmenschlich nicht, passt es nicht.

Vielen Dank für das Gespräch.

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