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Am Scheideweg: So möchte die Generation Y heute Arbeit finden

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YOUNG PEOPLE
Thomas Barwick via Getty Images
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Wir sind dann mal weg. Das sagen sich zum Ende des Jahres viele Manager, die mitten in ihrer Karriere den „Ausstieg" wagen.

Die Geschichten darüber in einschlägigen Wirtschaftsmagazinen wirken allerdings teilweise sehr lebensfremd: Zwar sprechen die meisten der ehemaligen Manager von einem ersehnten selbstbestimmten Arbeitsleben und „alternativen Lebensmodellen", aber die neue Zeit haben die meisten von ihnen „vorweg" geplant: Coachingausbildung auf Kosten des alten Unternehmens, angelegte Sicherheitsgurte und Wochenpläne, die künftig beispielsweise drei Tage für Klienten und zwei feste Tage zum Lesen enthalten.

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Brauchen wir nicht mehr Einsteiger als Aussteiger, die in Unternehmen die organisatorischen und kulturellen Rahmenbedingungen schaffen und gestalten, unter denen sich (junge) Menschen entwickeln können, die nicht nur arbeiten wollen, um Geld zu verdienen, sondern daraus auch Selbstwertgefühl, Würde und Wertebewusstsein beziehen? Die zu profilierten, integren und weltoffenen Persönlichkeiten werden?

Von der Generation Y lernen


Wenn es um den Umgang mit Veränderungen geht, dann lässt sich von der Generation Y mehr lernen als von denen, die alles im Voraus planen - bis zur Buchlektüre. Da alles im Wandel ist, haben sie früh gelernt, das Beste aus dem Augenblick zu machen.

Kein Achtsamkeitstraining kann dies den im Sicherheitsmodus befindlichen Managern vermitteln, weil ihnen der „Veränderungsmuskel" fehlt, denn sie haben ihn in satten Zeiten nicht trainiert.

Diejenigen, die allerdings wenig hatten, haben hingegen besonders gut trainiert. Für sie sind Veränderungen und Unsicherheiten deshalb auch nicht mehr so schockierend.

Viele Vertreter/innen der Generation Y sind sich bewusst, dass sie sich selbst immer wieder verändern und ungewöhnliche Wege nehmen müssen, wenn die Welt um sie herum im Wandel ist. Sie wollen und müssen Einsteiger sein, wenn sie eine Chance auf eine erfolgreiche Zukunft haben wollen.

Sie brauchen Hilfe beim Berufseinstieg


Was sie allerdings brauchen, sind keine Mentoren und Aussteiger, die mit ihren vergangenen Funktionen und Leistungen ihre Website dekorieren, sondern kluge Menschenfischer, die noch „drin" sind und ihnen beim Einstieg ins Unternehmen helfen, die die Botschaften und die Haltung der jungen Menschen erkennen.

Marie Glück, Jahrgang 1987, steht für viele Menschen ihrer Generation, die „einsteigen" möchten. Sie war Projektmanagerin für das Deutsche CSR-Forum und den Deutschen CSR-Preis, studierte nachhaltige Entwicklung und gesellschaftliche Verantwortung von Unternehmen (CSR) in Nürtingen, Grahamstown (Südafrika) und Madrid (Spanien).

Sie ist Lehrbeauftragte für Nachhaltigkeit an der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt Nürtingen-Geislingen, ein Gesicht der Nachhaltigkeit, Botschafterin der Heartleaders und Impulsgeberin im Netzwerk Lebens- & Arbeitswelten mit Zukunft.

Ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit sollte keine Vision bleiben.

Es ist ihr ein Anliegen, dass ökologische, ökonomische und soziale Nachhaltigkeit von einer Vision zu Realität wird, und dass die Menschenrechte weltweit geachtet und gelebt werden.

Sie will jetzt die Zukunft mitgestalten, um Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen und den kommenden Generationen eine lebenswerte Welt zu überlassen. Dafür appelliert sie an die Verantwortung und Gestaltungsmöglichkeiten jedes einzelnen.

Ihr beruflicher Fokus liegt auf CSR- und Nachhaltigkeitsmanagement. Das schließt für sie Social Business und Umweltmanagement ebenso ein wie Lieferantenmanagement und die Nachhaltigkeitsberichterstattung.

Hier kommen ihr ihre Erfahrungen aus dem Eventmanagement und der Kommunikation zugute. Durch Auslandsaufenthalte in Indien, Südafrika und Spanien kennt sie unterschiedliche Kulturen und bringt interkulturelle Sensibilität und Toleranz mit.

Vertreter/innen der Generation Y wie Marie Glück sollen nicht nur Suchende sein, sondern auch „gefunden" werden. Und das können sie nur, wenn wir ihnen Möglichkeitsräume geben, sich zu zeigen. Vor diesem Hintergrund entstand das folgende Interview.

Ein Glücksjob für Marie?

Interview mit Marie Glück

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_ Frau Glück, wie würden Sie sich selbst beschreiben?

Ich bin Optimistin, inspiriere und berate gerne. Beruflich wie privat lege ich sehr viel Wert auf gute Beziehungen. Ich liebe es, im Kontakt mit Menschen zu sein, zu wissen, was die anderen beschäftigt und die Personen, die ein ähnliches Anliegen haben, zu verknüpfen. Ich habe mal in einer Woche zwei Sofas und eine Wohnung vermittelt (lacht). Außerdem bekomme ich häufig als Feedback, dass ich Dinge so erklären kann, dass es andere gut verstehen.

_ Und welchen Wert bieten Sie Ihrem zukünftigen Arbeitsgeber?

Ich habe ein gutes Netzwerk, knüpfe sehr leicht neue Beziehungen, und wenn ich von etwas begeistert bin, bringe ich das auch rüber. Außerdem bin ich pragmatisch und lösungsorientiert. So bin ich gleich auf der Suche nach umsetzbaren Lösungsansätzen, wenn mir jemand von einem "Problem" erzählt.

Zudem befinden wir uns in einer Welt, in der sich die Rahmenbedingungen und Informationen ständig ändern. In dieser Welt bin ich aufgewachsen und habe gelernt, damit umzugehen. Das heißt für mich auch, stimmige Entscheidungen ohne vollständige Information zu treffen.

Spannend finde ich auch die Aufgabe die Kostenstelle CSR, zumindest teilweise, in ein Social Business umzuwandeln. Denn wenn CSR zukunftsfähig sein will, muss es auch Umsatz generieren.
Da ich ebenfalls Lehrbeauftrage für Nachhaltigkeit bin, kann ich Studierende Fragestellungen, die den Arbeitgeber interessieren, empirisch untersuchen lassen.

_ Was können Sie Ihrem zukünftigen Arbeitgeber „geben"?

Die Gesellschaft wünscht sich mehr nachhaltige Unternehmen und Produkte. Für Kunden wird es beim Einkauf immer wichtiger, nicht nur ihren eigenen Nutzen zu maximieren, sondern auch ihrer sozialen Verantwortung gerecht zu werden. Unternehmen und Organisationen suchen händeringend nach Fachkräften, kämpfen mit hohen Fluktuationen, es fehlt an Innovationen oder es sollen neue Märkte erschlossen werden. In meinen Glücksjob arbeite ich als aktive Begleiterin, Multiplikatorin und interne Beraterin an diesen Veränderungsprozessen mit.

_ Welche Erwartungen stellen Sie an Ihren zukünftigen Arbeitgeber?

Grundsätzliches sind für mich ein kollegiales Miteinander, eine wertschätzende Unternehmenskultur, flexible Arbeitszeiten und eine angemessene Bezahlung. Mein neuer Arbeitgeber sollte kooperativ und offen sein, da ein Kulturwandel passende Strategien und Strukturen benötigt. Wenn Veränderungen angestrebt werden, erwarte ich, dass das Führungsteam diese als Beispiel vorlebt und begleitet.

_ Wenn Sie diesen Arbeitgeber finden, sind Sie dann auch bereit umzuziehen?

Wenn ich diesen Arbeitgeber in der Region Stuttgart finde - umso besser. Für meinen Glücksjob würde ich aber definitiv auch umziehen. Und falls Reisen notwendig sind, deutschlandweit oder ins Ausland, bin ich dazu ebenfalls bereit.

_ Weshalb hat Ihre Generation Schwierigkeiten mit dem Begriff Work-Life-Balance?

Mir ist der Begriff der Work-Life-Balance zu kurz gegriffen. Zum einen ist Arbeitszeit auch Lebenszeit, und zum anderen stellt eine strikte Trennung nicht automatisch zufrieden. Wenn es für meine Aufgabe erforderlich ist und Sinn macht, gehe ich auch abends auf Veranstaltungen oder besuche am Wochenende ein Seminar.

Da ich eine Tätigkeit anstrebe, die einen Mehrwert für die Gesellschaft bietet, möchte ich diese möglichst lange ausüben. Um dafür auch im hohen Alter diesen Mehrwert zu erarbeiten, darf ich schonend mit meinen menschlichen Ressourcen umgehen. Dafür benötige ich auch Ruhezeiten und Zeit zur Reflexion.

_ In welchem Arbeitsumfeld können Sie Ihr Potenzial bestmöglich einsetzen?

Wenn der Arbeitgeber sich auf die Veränderungen einlässt und mir Entscheidungsfreiräume und Handlungsmöglichkeiten lässt, kann ich mein Potenzial bestmöglich einsetzen. Idealerweise arbeite ich in einem Team, das gemeinsam an einem Strang zieht, wir die Erwartungen des anderen kennen und Dinge offen ansprechen. Da kann es auch mal Konflikte geben.

Solange wir das große Bild im Blick haben und wissen, dass es allen Beteiligten wichtig ist, finden wir auch wieder zusammen. Zudem motiviert es mich, wenn ich durch meine Arbeit gesellschaftliche Bedingungen verbessere und Menschen neue Perspektiven gebe. Die Formel der Glücksforschung fasst das schön zusammen mit "Gemeinsam sinnvolle Ziele erreichen", und das ist nicht auf die Generation Y beschränkt.

_ Was, wenn das eine oder andere nicht gegeben ist? Nehmen Sie den Job dann nicht an?

Ja, das ist mein Wunschbild. Wie Unternehmen in ihren Stellenanzeigen auch, wünsche ich mir die "eierlegende Wollmilchsau". Natürlich sage ich bei einem Angebot nicht direkt ab, wenn es feste Arbeitszeiten gibt und keine Möglichkeit für Homeoffice. Ich bin flexibel. Gewisse Dinge, wie die Bereitschaft, alte Denkmuster und Strukturen zu überdenken und zu ändern, müssen für mich allerdings ebenso gegeben sein wie ein wertschätzendes Miteinander.

Vielen Dank für das Gespräch.

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