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Alte Welt und Neue Zeit: Herausforderungen und Chancen der Digitalisierung

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"Digitalisierung ist in Deutschland mehr eine Rede als ein Tu-Thema." (Claus Kleber am 29.9.2017 im heute-journal)

Digitalisierung ist kein Zaubertrank

Jens Tönnesmann schrieb am 28. September in seinem lesenswerten Artikel „Aus der alten Welt" in der ZEIT, dass viele Vorstände deutscher Konzerne zwar nicht an großen Worten sparen, wenn es um Digitalisierung geht, aber sich zu wenig damit auskennen. Vieles klingt so, als sei Digitalisierung ein „Zaubertrank, der sich nach Belieben anrühren und ausschenken lässt und dann viel Gutes bewirkt... Die Sprechbläschen im Zaubertrank blubbern." Das Problem: Viele wissen gar nicht genau, was hier hineingehört oder was er bewirkt.

Verwiesen wird auf eine Studie vom Investment Lab Heilbronn, einer Denkfabrik der Dieter-Schwarz-Stiftung, die der ZEIT exklusiv vorliegt. Das Ergebnis: „92 Prozent der Vorstandsmitglieder haben keine Digitalerfahrung, die sich im Lebenslauf niederschlägt... viele haben also in einer zeit studiert oder die Ausbildung absolviert, in der das Internet noch eine Sache für Nerds mit zu viel Zeit war."

Die sogenannten „Learning Journeys" ins Silicon Valley würden zwar optisch verändern, aber innerlich substanzlos bleiben. Das betrifft auch die danach eröffneten „Brutstätten" der Beschleunigung (z.B. Inkubatoren) gerade entdeckter Ideen, die mitunter Feigenblatt-Charakter haben und signalisieren sollen, dass das Unternehmen etwas zum digitalen Wandel beiträgt.

Zwei Drittel der Befragten beklagten, dass die Verteidigung alter Organisationsstrukturen einer nachhaltigen Entwicklung im Weg steht. Damit sich die Digitalisierungseuphorie am Ende nicht als „fauler Zauber" entpuppt, braucht es zuerst die Anpassung der Organisationsstruktur und der Unternehmensprozesse, da sie viel länger dauern als die Etablierung neuer Technologien.

Die digitale Transformation, die nach Roland Berger über die vier Kernhebel „Digitale Daten", „Automatisierung", „Vernetzung" und dem „digitalen Kundenzugang" wirkt, ist also weit mehr als nur eine technologische Herausforderung. Sie erfordert auch eine kulturelle Transformation. „Smart Services brauchen Smart People - und Smart Leadership!" lautet das Motto des Buches „Smart Services und Internet der Dinge" von Arndt Borgmeier, Alexander Grohmann und Stefan F. Gross.

Neue Denkwerkzeuge - neue Sprache

Bei der Konferenz „Verantwortung" von FAZ Business Media, die am 8. September in Frankfurt stattfand, war ebenfalls die Rolle der CSR-Manager angesichts der Digitalisierung ein wichtiges Thema. Mehr denn je müssen sie die Chancen verantwortungsbewussten Handelns aufzeigen, anstatt sich von der Digitalisierung verschrecken zu lassen - nicht nur, weil Online-Plattformen neue Möglichkeiten für ressourceneffiziente Lösungen bieten, sondern auch, weil in einer Wirtschaft, die mehr denn je auf Chancen fokussiert ist, Verantwortung eine entsprechende Sprache finden muss.

Damit sind wesentliche Aspekte angesprochen, die auch im Fokus des gerade erschienenen Herausgeberbandes „CSR und Digitalisierung" stehen: Die Angst vor dem Unbekannten, das generell Ängste verursacht, weil keine ausreichenden Informationen vorliegen, wohin die Reise führt, darf nicht dazu führen, dass unser Chancenblick getrübt wird. Voraussetzung dafür ist unsere innere, geistige Freiheit, die wir für einen klaren Chancenblick brauchen.

„Datenschutz und Technikfolgenabschätzung verbauen unseren Blick für die Chancen, die wir haben könnten, wenn wir Technik wieder den Möglichkeitsraum öffnen würden, die unsere Väter und Großväter ihr einmal eingeräumt hatten", schreibt Christoph Keese, Executive Vice President für die Axel Springer SE, in seinem Vorwort zum Band „CSR und Digitalisierung".

Die Verunsicherung, die das Unbekannte erzeugt, ist heute in vielen Unternehmen mit dem Wunsch verbunden, „möglichst lange am etablierten Geschäftsmodell" und Managementstandards festzuhalten, schreibt Metro-Chef Olaf Koch in seiner Einleitung.

Doch was macht sie aus? Der Managementvordenker Niels Pfläging, der in mehreren Beiträgen des Buches eine wichtige Rolle spielt, verweist in seinen Publikationen auf Frederick Taylor, der im Jahr 1911 „The Principles of Scientific Management" veröffentlichte und damit Management als eine Organisationsmethodik begründete, die dem Effizienzstreben des Industriezeitalters Flügel verleihen sollte. Taylors Idee war die konsequente Trennung des Denkens (das den Managern vorbehalten war) vom Handeln.

Manager wurden zu „denkenden Führern nicht denkender (Mit-)Arbeiter". Nach seinem Tod 1915 setzten sich seine Ideen zur hierarchischen und funktionalen Trennung branchenübergreifend durch: Das Management der alten Welt, das bis heute überlebt hat und sich an den Methoden Taylors orientiert, funktioniert über Weisung und Kontrolle.

Im Komplexitätszeitalter ist dies jedoch nicht mehr möglich, ja es droht sogar ein Kollaps des sozialen Funktionierens, wenn es so weitergeht wie bisher. Der Herausgeberband zur Digitalisierung bietet eine Vielzahl von Beispielen, die zeigen, was dringlich und möglich ist. Lesens- und empfehlenswert sind parallel dazu aber auch die Lehrbücher zum Denken über Organisation von Niels Pfläging, denn sie enthalten eine Zusammenstellung leistungsfähiger Denkwerkzeuge für dynamikrobuste Organisationen.

Komplexität ist für ihn das Maß „für die Menge der Überraschungen, mit denen man rechnen muss." In einem solchen Umfeld geht es um die Frage, wer (!) Probleme lösen kann. Deshalb sind Menschen mit Erfahrung heute von besonderer Bedeutung: „Menschen mit Können und Ideen. Wir nennen sie Könner. Könner, die Schüler haben, nennen wir Meister."

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Foto: Dr. Alexandra Hildebrandt

Auf der FAZ-Konferenz wurde auch darauf verwiesen, dass Verantwortung jetzt eine entsprechende Sprache finden muss. Ein unverzichtbares Wörterbuch dafür sind die „Komplexithoden", in denen Niels Pfläging und Silke Hermann ebenfalls darlegen, dass komplexe Organisationen neue Begriffe und präzise Unterscheidungen brauchen. Denn ohne passende Begriffe können wir die nötige Veränderung weder denken, noch sie hervorbringen." Sie sind der Schlüssel zur Neuen Welt.

Quellen und weiterführende Informationen:

Arndt Borgmeier, Alexander Grohmann, Stefan F. Gross: Smart Services und Internet der Dinge: Geschäftsmodelle, Umsetzung und Best Practices. Carl Hanser Verlag GmbH & Co. KG, München 2017.

Alexandra Hildebrandt: CSR-Manager gesucht! Ein Berufsbild zwischen Wunsch und Wirklichkeit von Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2016.

CSR und Digitalisierung. Der digitale Wandel als Chance und Herausforderung für Wirtschaft und Gesellschaft. Hg. von Alexandra Hildebrandt und Werner Landhäußer. SpringerGabler Verlag, Heidelberg Berlin 2017.

Niels Pfläging: Organisation für Komplexität. Wie Arbeit wieder lebendig wird - und Höchstleistung entsteht. Redline Verlag, Münchner Verlagsgruppe GmbH 2014.

Niels Pfläging und Silke Hermann: Komplexithoden. Clevere Wege zur (Wieder)Belebung von Unternehmen und Arbeit in Komplexität. Redline Verlag, München 2015.

Jens Tönnesmann: Aus der alten Welt. In: DIE ZEIT (28.9.2017), S. 37.

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