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Alles in Grau: Ein Plädoyer für das Dazwischen

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GREY
planzacap via Getty Images
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Das graue Wunder

Die Moderatorin Birgit Schrowange trägt ihre Haare jetzt ungefärbt grau. Die Popularität dieser Farbe hat in den vergangenen Jahren enorm zugenommen. Das Ausmaß des Grauen erwischte vor einigen Jahren zuerst die Blue Jeans („Mister Grey"), dann folgten Sofas in Asche, Taube und Schiefer. Bereits in den 1980-er Jahren gestaltete Georgio Armani die Inneneinrichtungen seiner Boutiquen am liebsten in Grau. Seitdem wurden immer mehr Wohnräume zur Grauzone, in der Funktionales, Praktisches und Nachhaltiges miteinander verbunden wird. Grau vereint Natur und Zivilisation.

Das Graue stand früher für schlechtes Wetter, Trübsinn oder Sehschwäche. Graue Mäuse wurden wegen ihrer Unscheinbarkeit im Volksmund belächelt. Den „Grauen" in Chamissos Geld- und Schattennovelle „Peter Schlemihls wundersame Geschichte" (1814), der in Gestalt des Verführers auftritt, kennt heute kaum noch jemand. Allenfalls Goethes „Grau ist alle Theorie." Und die grauen Herren aus Michael Endes Kinderbuch „Momo" (1973), die eine ungewöhnliche Kälte verbreiten, sind heute fast verschwunden.

Was bei den Öko-Pionieren einst grün war, ist heute häufig grau: Ablagesysteme, Bürostühle, Briefumschläge, Gürtel, Hosen, Kurbelspitzer, Pantoffeln, Schränke, Socken, Stifte.

Grau als Understatement

Die Gründe für das graue Wunder 21.0 sind vielfältig: Die Gesellschaft ist so unruhig und unübersichtlich geworden, dass eine Bewegung des Rückzugs und des Minimalismus dominiert, verbunden mit dem Wunsch nach Beständigkeit und Sicherheit. Grau ist zu einem Understatement geworden - auch und gerade in politisch schwierigen Zeiten. Deshalb sollte Grau auch die Farbe politischer Verhandlungen sein, weil sie Denk- und Gesprächsräume öffnet. Willy Brandt (1913-1992) sagte einmal: „Ich glaube nicht, dass diejenigen Recht haben, die meinen, Politik besteht darin, zwischen Schwarz und Weiß zu wählen. Man muss sich auch häufig zwischen den verschiedenen Schattierungen des Grau hindurch finden." Grau fungiert als Diplomat. Das empfinden auch viele Menschen heute, die nicht mehr polar sein, sondern differenzieren und integrieren wollen.

Schwarz und Weiß macht das Denken vielleicht bequemer und die Sicht auf die Welt einfacher, aber besser und innovativer ist das nicht. Neues entsteht dort, wo es keine Abgrenzung gibt, sondern Übergänge.

Grauabstufungen: Von Ödipussi bis zur Küche

Das menschliche Auge kann etwa sechzig Grautöne unterscheiden. Auch in der Zeit zwischen Tag und Nacht nehmen wir verschiedene Grautöne wahr - im Morgengrauen und in der Abenddämmerung. Grau wirkt im jeweiligen Kontext: elegant, zurückhaltend und sachlich. Derselbe Grauton wirkt in unterschiedlicher Umgebung heller oder dunkler.

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Foto: Dr. Alexandra Hildebrandt

Sprachlichen Ausdruck fand das Thema in Loriots Komödie „Ödipussi" (1988): „Ich habe hier eine Graukollektion von einer belgischen Firma ... da haben Sie 28 Grautöne in jeder Qualität, da werden Sie bestimmt zufrieden sein: Mausgrau, Staubgrau, Aschgrau ... Steingrau, Bleigrau, Zementgrau." („Paul Winkelmann") Auf die Frage nach seiner Lieblingsfarbe antwortet im Film „Herr Blöhmann": „Grau ... aber nicht so Grau ... mehr Grüngrau ... ins Bräunliche. Eine Art Braungrau ... mit Grün ... ein Braungrüngrau.... Also ein grünlichblaues ... Braunrotgrau."

Ein besonderer Trend ist heute betongrau: Neben den vielen Vorteilen, den Beton für das Baugewerbe bietet, wird das Material gerade in der Küchenbranche neu entdeckt: Mit seiner feinen Porung und seinen „Grauabstufungen" (!) ist kein Material besser geeignet, „urbanen Industrielook ins Innere der Wohnung zu holen", sagt Karsten Bäumer, Pressesprecher von Häcker Küchen (Rödinghausen). Als einziger Hersteller der Branche hat der Küchenhersteller eine Echtbeton-Oberfläche entwickelt, die zwei Millimeter dünn ist und im September 2017 auf der Küchenmeile A30, einem Verbund von Hausmessen der vielen Anbieter im niedersächsisch-westfälischen Grenzgebiet entlang der Autobahn 30, präsentiert wurde.

Einigen Küchenfronten verleiht Beton den angesagten urbanen Industrielook, der zum Loft passt: Wohnen wie in einer ehemaligen Fabrik. „Industrial Chic" führen deshalb alle großen Hersteller in ihrem Programm.

Als vor einigen Jahren die ersten Küchen mit Betonoptik in den Markt kamen, zweifelten viele Menschen noch an diesem Trend. Inzwischen hat die Nachfrage allerdings auch die unteren Preisklassen erfasst. Die Hersteller unterscheiden heute nicht nur zwischen unterschiedlichen Beton-Farbtönen. Eine neue Technik ermöglicht es sogar, dass man die Lunker (Einschlüsse) nicht nur sehen, sondern sogar „fühlen" kann. Das ist besonders wichtig, weil der Tastsinn in Sekundenschnelle auf unser Hirn wirkt. Immer mehr Unternehmen nutzen den Effekt, den Berührung auf den Kaufreiz hat.

Grau ist greifbar geworden und macht die Welt dadurch im Kleinen begreifbar.

Weitere Informationen:

Anke Eberhardt: Grauzone. In: Süddeutsche Zeitung (9./10.1.2016), S. 55.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Küchen-Kultur und Lebensart: Warum Verantwortung nicht zwischen Herd und Kühlschrank aufhört. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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