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Allein und trotzdem erfolgreich: Was Kleinunternehmen anders machen

19/01/2016 17:27 CET | Aktualisiert 19/01/2017 11:12 CET
Vstock LLC via Getty Images

Warum wir den Sprung in der Schüssel brauchen

Das Kleinunternehmertum erhält im Zeitalter des digitalen Wandels eine neue Dimension, weil sich die organisatorischen und kulturellen Rahmenbedingungen in einem grundlegenden Transformationsprozess befinden. Kein Unternehmen kann sich heute mehr leisten, selbstgefällig und fett zu werden, weil es dann seine Innovationskraft verlieren würde, was schnell das Aus bedeuten kann.

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Schlanke Organisationseinheiten in kleinen Teams führen dazu, dass besser und erfolgreicher an großen, wichtigen Projekten gearbeitet werden kann. Junge, kreative Menschen werden von diesen Unternehmen angezogen. Hier finden sie das Individuelle, das in vielen deutschen Konzernen gar nicht erst gedeihen kann:

„Schauen Sie sich doch mal die Vorstände der deutschen Großunternehmen an. Da haben Sie doch manchmal das Gefühl, das sind geklonte Menschen", bemerkt Heidi Stopper, Unternehmerin und ehemalige Vorständin Human ResourcesProSiebenSat.1. Ihr Lieblingsspruch lautet deshalb: „Ein Sprung in der Schüssel lässt das Licht herein."

Unternehmen wie Google brechen konsequent mit dem Vergangenen und zerlegen sich gerade selbst. Parallel zu dieser Entwicklung boomen die Ein-Personen-Unternehmen (auch Ein-Mann-Unternehmen), die meistens zur „kreativen Klasse" gehören.

Dazu zählen nicht nur schreibende und künstlerischen Berufe (Freelancer), sondern zunehmend auch Vertreter der Internetökonomie, die vielfach eine Fachexpertise haben, die am Arbeitsmarkt sehr gefragt ist.Zu ihnen gehört beispielsweise der Technik-Nerd, Schauspieler und Digitalnomade Antoine Monot, Jr.:

„Ich bin ein Ein-Mann-Unternehmen und die Technik hilft mir jeden Tag enorm dabei, mein Pensum bewältigen zu können. Ob das mein Handy ist - das sozusagen mein Büro ist - oder all die Apps und Programme. Ich bin ja nicht nur Schauspieler, sondern auch mein eigener Geschäftsführer, Marketing- und Finanz-Vorstand, ich leite meine Personalabteilung und bin eben auch mein technischer Chef." (t3n Magazin Nr. 42, 2015)

Das Motto: Sein heißt allein

Die Stärken des Alleinseins zu erkennen und zu nutzen ist eine wichtige Voraussetzung für die eigene Selbstständigkeit. So rät der Psychologe und Schlafforscher Jürgen Zulley dazu, sich dem Alleinsein auszusetzen, um sich als eigenständige Person zu begreifen.

Als Gestalter ihres eigenen Lebens schöpfen Kleinunternehmer vor allem aus sich selbst. Bei vielen von ihnen deutete sich dies schon in der Kindheit an. So wurde der Publizist Roger Willemsen, dessen „Territorium" immer das geschriebene Wort war, von seinen Eltern „Klokasten" genannt:

„Früher gab es doch unter der Decke diese Wasserkästen, die wieder vollliefen, wenn man an der Strippe gezogen hatte. Meine Eltern meinten, so sei das, wenn man mir eine Frage stelle."

Wie für viele andere Kreative ist Einsamkeit für ihn der „Aggregatzustand", in dem er sich am besten auskennt: „Ich bin sehr gern allein, lebe allein, es ist nicht nötig, jemanden einzulassen."

Das erinnert auch an Karl Lagerfeld, der sich selbst als Modemacher, Zeichner, Verleger, Buchsammler und Fotograf bezeichnet und nur so „viel" gestalten kann, weil er gut mit sich allein lebt und genügend Zeit für sich selbst braucht - sonst wäre er nicht das, was er ist:

"Ich kümmere mich um nichts."

„Ich kümmere mich um nichts. Das ist zwar sehr egoistisch, aber mein Egoismus produziert etwas, wovon viele Leute leben. Denn der Umsatz von Chanel, der in der Mode größer ist als im Parfum, ernährt viele, viele Leute."

Er hat alles in seinem Kopf. „Das ist natürlich viel besser, weil man da alles überall hin mitnehmen kann." Er nahm von der Welt immer, wie sie kam und versuchte, „eine Nische für sich darin zu finden." Schon als Kind war er ein Einzelgänger und wollte nie so sein wie seine Kameraden in der Schule.

Unverständlich sind ihm die Klagen einiger Designer über ihre Arbeit: "Wenn man denkt, es ist zu viel, dann sollte man die Finger von solchen Verträgen lassen." Seine Arbeit empfindet er als ganz normal.

Wer sich allerdings ausschließlich in sich selbst zurückzieht, dreht sich bald nur noch um sich selbst. Lagerfeld sagte einmal selbstironisch: „Es fängt mit mir an, und es hört mit mir auf."

Der Mensch braucht Sozialkontakte, Feedback und das Gefühl der Teilhabe, um geistig nicht zu verarmen. Einsamkeit ist also immer auch eine Frage der Dosis.

Werde, der du bist!

Dass aus vielen Ein-Personen-Unternehmen oft auch Großunternehmen werden, zeigt das Beispiel von Helmut Schlotterer, der das Modehaus Marc Cain gründete.

„Das Ein-Mann-Unternehmen Marc Cain startete, mit einer Italienerin und einem Kanadier fuhr Schlotterer auf Messen, erlebte Höhen, Tiefen und Geldnot, lernte die Banken hassen, die ihm kein Geld leihen wollten - und arbeitete bis zur Erschöpfung. Ohne das, was er 'Selbstausbeutung pur' nennt, wäre aber das eigenständige und kreative Leben eines Unternehmers nicht möglich geworden."

Der Weg zum Erfolg von Marc Cain mit den Sub-Labels Marc Cain Collections und Marc Cain Sports wurde nach Schlotterer durch klare Leitlinien bestimmt: „Sinn für Ästhetik und Kunst, verbunden mit Lässigkeit und Natürlichkeit, innovatives Denken und Exklusivität. Mode, die immer ein bisschen anders ist und doch immer sie selbst."

In der Modebranche zeigt sich aber auch die Sehnsucht nach dem Kleinen: So gründete Wolfgang Joop 1999 die Firma „Wunderkind" Die Idee war eine exklusive Damenmode mit dem Charme der Manufaktur fernab vom industriellen Luxusversprechen. Als er damit beginnt, hat er keine Marketingstrategie. Der Unterschied zu seiner früheren Arbeit besteht darin, dass er keinen Konzern hinter sich hat - er ist allein auf seine Talente und Instinkte gestellt.

"Komm und sieh selbst"

Modeschüler sollten ihren eigenen Zugang zu den Dingen finden. „Komm und sieh selbst", hatte schon Buddha empfohlen. Als strenge Kritiker ihrer eigenen Ideen sollten sie sich nicht im erstbesten Einfall verrennen.

Wichtig ist, dass sie ihre Arbeit lieben, sich ihr mit Haut und Haar hingeben und offen für Überraschungen sind. "Wenn man es in einer Kunst zur Meisterschaft bringen will, muss man ihr sein ganzes Leben widmen", schreibt schon Erich Fromm.

Joop rät jungen Designern, keine Krücken zu nehmen, solange sied noch gehen können. Das bedeutet auch, nicht nach dem Wort Sponsor zu fragen, sondern lieber zu balancieren, allein zu gehen: "Bleib klein und halte durch. Frage nicht nach zuviel Ruhm. Die Manager nehmen dir schnell die Sprache."

Sie erklärten ihn, den Kreativen, zum Feind. In diesem Zusammenhang sei auf einen wichtigen Passus in Tim Leberechts Buch „Business-Romantiker" verwiesen:

„Ob man Firmen kauft, indem man massiv Schulden aufnimmt, die dann das übernommene Unternehmen tragen muss; ob man mit erwarteten Verlusten auf den Aktienmärkten Gewinn macht; ob man Immobiliendarlehen an Leute vergibt, die sie sich nicht leisten können; ob man ein Corporate Social Responsibility-Programm auflegt, um ethisch fragwürdiges Verhalten zu bemänteln; oder ob man einen Angestellten glauben lässt, dass er für eine Beförderung vorgesehen sei, nur um seine Motivation und sein Engagement auszunutzen - der zynische Impuls fühlt sich im Business oft ganz und gar zu Hause. Wie Oscar Wilde einst sagte: ‚Ein Zyniker ist ein Mensch, der von allem den Preis kennt und von nichts den Wert.'"

Im Juli 2001 verkaufte Joop die restlichen fünf Prozent seines Unternehmens an die Wünsche AG und begann, an seinem Roman „Im Wolfspelz" zu arbeiten. Sprache war für ihn damals wie ein umhüllendes Gewand, in dem er seine wahre Größe spürte.

Das ist zugleich ein Merkmal von Kleinunternehmern mit der „Linie anders".

• Sie tragen das Risiko der Selbstständigkeit, schätzen dafür aber ein hohes Maß an Selbstbestimmtheit und vertrauen dem gesunden Menschenverstand.

• Sie begreifen sich nicht als Erleider ihrer Existenz, sondern als Gestalter.

• Sie sind gern mit sich allein, weil sie aus der Einsamkeit Inspiration für ihre Arbeit schöpfen.

• Sie haben ein scharfes Persönlichkeitsprofil und sind kein Mitläufertyp.

• Sie haben unerschütterliches Selbstvertrauen.

• Sie tragen die Konsequenzen für ihre Entscheidungen.

• Sie sind sich ihrer einzigartigen Qualitäten bewusst und in der Lage, sie effektiv zu bündeln.

• Sie widmen sich dem Detail mit der gleichen Aufmerksamkeit wie dem Ganzen.

• Sie bleiben ein Leben lang neugierig und lieben Überraschungen.

• Sie können sich gut auf Veränderungen und Unsicherheiten einstellen und bewegen sich zwischen Angst und Mut - im Bewusstsein, dass sie sich nie gegen alle Risiken absichern können.

• Sie sind niemals (selbst)zufrieden und werde deshalb auch nicht träge.

• Sie verändern selbst die Dinge, die sie verbessern wollen.

• Sie setzen gute Ideen auch gegen Konventionen durch.

• Sie stellen sich auch in Erfolgszeiten immer wieder die Sinnfrage und erneuern sich ständig selbst.

Alle wirklich „Großen" haben den Kleinunternehmer in sich niemals „abgelegt", weil sie zugleich Lebenskünstler sind, die ständig üben und dem Versprechen von Steve Jobs gerecht werden: „Echte Künstler können liefern."

Weiterführende Literatur:

Kai Anderson, Jane Uhlig: Das agile Unternehmen. Wie Organisationen sich neu erfinden. Campus Verlag Frankfurt a. M. 2015.

Insa Wilke (Hg.): Der leidenschaftliche Zeitgenosse. Zum Werk von Roger Willemsen. S. Fischer Verlag, Frankfurt a. M. 2015.

Tim Leberecht: Business-Romantiker. Von der Sehnsucht nach einem anderen Wirtschaftsleben. Droemer Verlag München 2015

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