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Akzeptanz: Das braucht es, um die Vision einer elektromobilen Gesellschaft zu realisieren

13/08/2017 14:53 CEST | Aktualisiert 13/08/2017 14:53 CEST
Zhang Peng via Getty Images

Wann sind Nutzer bereit, neue technologische Konzepte aufzugreifen? Die Bundesregierung hat sich zum Ziel gesetzt, dass bis zum Jahre 2020 eine Million Elektrofahrzeuge auf unseren Straßen fahren und „Deutschland zum Leitmarkt Elektromobilität" wird.

Ein nachhaltiger Durchbruch kann allerdings nur gelingen, wenn die Elektromobilität von den Endnutzern akzeptiert wird, die Technologie stimmt und Elektroautos auch gekauft werden.

Das Fraunhofer-Institut für System und Innovationsforschung ISI analysiert die treibenden Kräften und Rahmenbedingungen der Elektromobilität und identifiziert die Anforderungen der Mobilität von morgen. Es befasst sich auch mit den ökonomischen, ökologischen, sozialen und politischen Auswirkungen der Elektromobilität und ihrer Akzeptanz. Innerhalb der sozialwissenschaftlichen Innovationsforschung hat in der letzten Zeit die Akzeptanzforschung, ein Merkmal einer nachfrageorientierten Innovationsforschung, an Bedeutung gewonnen.

Sie beschäftigt sich mit der Frage, unter welchen Bedingungen Nutzer bereit sind, neue technologische Konzepte aufzugreifen, welche Anforderungen sie stellen und wie neue Angebote organisatorisch und politisch integriert werden müssen. So sind bei der Elektromobilität beispielsweise höhere Kosten oder funktionale Einschränkungen wesentliche Faktoren für ihre Akzeptanz. Zudem müssen sämtliche Akteure aus Automobil- und Energiewirtschaft ihre Kompetenzen bündeln und dafür zu sorgen, dass Deutschland zu einem Vorreiter des elektrischen Fahrens wird.

Zu erreichen ist dies nach Ansicht der Forscher nur durch einen forcierten und nachhaltigen Innovationsprozess, der sämtliche Wertschöpfungsstufen der Elektromobilität berücksichtigt, die aufeinander abgestimmt sein müssen: Energieerzeugung, Transport der Energieverteilung durch die Stromnetze, Schnittstellen zwischen Stromnetz und Fahrzeug, Energiespeicherung, neue Fahrzeugkonzepte mit einer neuen Infrastruktur, Nutzungs- und Abrechnungskonzepte.

Zu den wichtigsten Herausforderungen im Kontext der Elektromobilität gehören:

• die Bewältigung der negativen Folgen immer knapper werdender Ressourcen, des Klimawandels und des Umweltschutzes sowie der zunehmenden Feinstaub-und Lärmbelastung

• der Wandel der Bevölkerungs- und Siedlungsstruktur

• das steigende Mobilitätsbedürfnis von Wirtschaft und Gesellschaft

• die Entwicklung der Batterien mit den essentiellen Rohstoffen Lithium und Kobalt

• die Verbesserung der Sicherheit, Lebensdauer und Wirtschaftlichkeit sowie Recycling der Batterien

• die Berücksichtigung der Wechselwirkungen zwischen dem technologischen Fortschritt und dem Rohstoffbedarf in die Technologieplanungen

• Prüfung des Recyclingpotentials.

Der Aufbau einer Beladungsinfrastruktur ist nach Meinung der Forscher beim Fraunhofer ISI finanzierbar, weil der überwiegende Teil der Beladung daheim, an Arbeitsplätzen oder in öffentlichen Parkhäusern geschieht. Hier sind Stromanschlüsse kostengünstig zu installieren.

„Ein weiterer Vorteil beim Aufbau einer Beladungsstruktur ist, dass ein Auto in Deutschland in 95% seiner Zeit steht. In diesem Zusammenhang müssen wir uns mit der Frage auseinandersetzen, inwieweit sich weitere Beladungskonzepte wie Stromzapfsäulen in Städten oder Schnellbeladestationen durchsetzen könnten und wie sich diese Investitionen finanzieren lassen", sagt Univ.-Prof. Dr. Marion Weissenberger-Eibl, Leiterin des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung ISI und Inhaberin des Lehrstuhls Innovations- und TechnologieManagement am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Beide Institute haben für die Region Stuttgart ein Geoinformations-Tool für die Analyse von Standorten für Schnellladestationen entwickelt. Das Planungswerkzeug berücksichtigt u.a. die Erreichbarkeit der Stationen, prognostiziert den Ladebedarf und lässt sich an unterschiedliche Rahmenbedingungen anpassen (Pressemitteilung KIT, 8/2017).

Der „Masterplan Schnellladeinfrastuktur Region Stuttgart" spielt verschiedene Fragestellungen und Szenarien für die rund 3.600 km² große Region Stuttgart durch:

• Wie hoch ist der Bedarf an öffentlich zugänglichen Schnellladestationen für welche Anzahl von Elektroautos?

• Wie viele Standorte werden benötigt, wenn sie von jedem Punkt der Region aus innerhalb einer bestimmten Fahrtzeit erreichbar sein sollen?

• Wie viele Ladevorgänge sind täglich bei welcher Anzahl von Elektrofahrzeugen zu erwarten

• Wie viel Energie wird je Ladevorgang abgegeben?

Beispielsweise würden 58 Ladestationen benötigt, wenn sie jeweils innerhalb von zehn Autofahrminuten erreichbar sein sollen, und 218 für eine Erreichbarkeit innerhalb von fünf Minuten. Für die Erstellung des Masterplans haben Forscher des KIT Daten des von ihnen entwickelten mikroskopischen multi-agentengestützten Verkehrsnachfragemodells mobiTopp zugrunde gelegt.

Das Modell bildet in einem Simulationszeitraum von einer Woche die Mobilität aller Einwohner der Region Stuttgart mit allen zurückgelegten Wegen, Zielen und Verkehrsmitteln ab.

Die Verkehrsnachfragesimulation ist im Auftrag des Verbands Region Stuttgart erstellt worden und beinhaltet etwa 50 Mio. zurückgelegte Wege je Woche mit allen Verkehrsmitteln.

„Möge der Strom mit Euch sein": Wo die Akzeptanz der Elektromobilität besonders spürbar ist

In der Tourismusbranche ist „eine steigende Akzeptanz der Elektromobilität zu verzeichnen", sagt die CSR- und Tourismusexpertin Andrea Lachmuth. Das bestätigt auch Ben Förtsch, Hotelier im Creativhotel Luise in Erlangen, wo die Gäste vor allem mit Elektrofahrzeugen anreisen. Das Hotel wird als Business- und Stadthotel in Erlangen in dritter Generation von Ben Förtsch und seinem Vater Klaus Förtsch geführt. Ihr Projekt „Das Nachwachsende Hotelzimmer" wurde mit dem ADAC Bayern Sonderpreis Nachhaltigkeit und dem 3. Preis der GEO SAISON Goldenen Palme 2017 ausgezeichnet.

Das Hotel ist Teilnehmer im Modellvorhaben „Check-in Energieeffizienz" der dena und wurde 2015 als erster Gastgeber in die Exzellenzinitiative der Klimaschutz-Unternehmen aufgenommen.

Das Hotel ist seit 2017 Partner im „Destination-Charging-Programm" von Tesla: Tesla-Fahrer erhalten das Ladestationsnetz auf ihren Reisen im Tesla-Navigationssystem angezeigt. So können sie in Erlangen als Hotelgäste ihr E-Auto in der Tiefgarage über Nacht aufladen.

In Erlangen und Umgebung ist das das Hotel der einzige Destination-Partner des Unternehmens, das es mit drei Ladestationen (17 Ampére) für Euro-2-Norm-Stecker ausgerüstet hat. Bereits seit 1993 ist das hoteleigene Elektromobil im Hotel in Betrieb, und die Tiefgarage ist schon lange mit Schuko-Steckdosen zum Laden von E-Bikes und E-Autos für Gäste ausgerüstet.

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Zudem werden die Elektromobile zu 100 Prozent mit ERconomy proNatur, dem Grünstrom der Erlanger Stadtwerke, geladen. „Das ist ökologisch nachhaltig und positiv für unsere Klimabilanz", so Ben Förtsch, den auch die Frage beschäftigt, wie es gelingen kann, hoteleigene Nachhaltigkeitsmaßnahmen in Klimaschutz und Energieeffizienz erlebbar an Hotelgäste zu kommunizieren - ohne erhobenen Zeigefinger.

„Elektromobilität gehört für uns selbstverständlich zur Nachhaltigkeit. Ziel war es, neue Wege zu gehen und technisch sozusagen ‚langweilige' Sachen emotional aufzuladen", sagt der Hotelier. „Ein E-Auto an die Ladestation zu stellen, ist noch nichts Besonderes. Unser Ziel war es, Nachhaltigkeit sichtbar und mit einem Designkonzept erlebbar zu gestalten. Also haben wir die Elektro-Ladestation futuristisch ins Bild gesetzt und Zukunft sichtbar gemacht."

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„Möge der Strom mit euch sein". Die neue Ladestation für E-Autos © Creativhotel Luise

Weiterführende Informationen:

TAB Innovationsreport zur Zukunft der Automobilindustrie

Marion A. Weissenberger-Eibl: Innovationsforschung - ein systemischer Ansatz. Merkmale, Methoden und Herausforderungen. In: Denkströme. Journal der Sächsischen Akademie der Wissenschaften 17 (2017).

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Mobilität und Logistik: Richtige Wege, die nicht aufs Abstellgleis führen. Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017.

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