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Abfälle und Einfälle: Welche gesellschaftlichen Prozesse uns in Zukunft helfen, weniger Lebensmittel zu verschwenden

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Täglich landen Tonnen von Nahrungsmitteln auf dem Müll, obwohl sie noch völlig in Ordnung und genießbar sind. Nach Schätzungen der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen werden weltweit jedes Jahr ein Drittel aller zum Verzehr bestimmten Lebensmittel weggeworfen - insgesamt 1,3 Milliarden Tonnen. Andere Schätzungen kommen sogar auf bis zu 50 Prozent aller produzierten Lebensmittel.

Gleichzeitig gibt es aber weltweit rund 870 Millionen unterernährte Menschen. Die Anzahl derer, die sich eine gesunde Ernährung nicht leisten können, steigt stetig. Der Sozialwissenschaftler David Evans, Research Fellow am Lehrstuhl für Nachhaltigen Verbrauch an der University of Manchester, widmet sich in seinem Buch „Verschwendung. Wie aus Nahrung Abfall wird" Prozessen im Kreislauf der Nahrungsproduktion und der allgegenwärtigen Verschwendung von Nahrungsmitteln durch uns Konsumenten. Es geht buchstäblich ans „Eingemachte".

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David Evans zeigt, wie Verschwendung zum festen Bestandteil des modernen Alltags geworden ist, warum überschüssiges Essen überhaupt in der Tonne landet, und welche nachhaltigen Ansätze es gibt, mit wenig Aufwand diese Probleme zu lösen.

Dazu hat er ganz normale Menschen daheim besucht und an ihrem Leben teilgenommen. Dabei stellte er fest, dass das routinemäßige Einkaufen überschüssiger Nahrung nicht einfach auf Fragen der Auswahl von Lebensmitteln und verantwortungsloses Verbraucherverhalten reduziert werden kann.

Der Abfalleimer spielt hierbei eine genauso wichtige Rolle wie „die einzigartige Stofflichkeit von Lebensmitteln und die Art und Weise, wie diese Elemente ganz allgemein mit der materiellen Kultur des Haushalts in Einklang stehen": Ein Haushalt kann das, was er als Abfall definiert, in einem Abfalleimer platzieren, doch dann übernimmt die öffentliche Abfallwirtschaft die Verantwortung dafür.

Es ist also keinesfalls damit getan, sich nur um die Privathaushalte zu kümmern. Die Abfallforschung muss sich damit auseinandersetzen, welche anderen Faktoren und Akteure zur Lebensmittelverschwendung beitragen.

Sein Fazit: „Vor allem muss sie sich mit den Verbindungen beschäftigen, die zwischen den einzelnen Faktoren bestehen. Erst dann werden wir wissen, welche kulturellen und wirtschaftlichen Prozesse uns in Zukunft helfen können, weniger Lebensmittel zu verschwenden."

Viele praktische Beispiele zum Thema sowie eine Zusammenfassung aktueller Entwicklungen enthält die Kindle Edition „Circular Thinking 21.0", die gemeinsam mit der Nachhaltigkeits- und Kommunikationsexpertin Claudia Silber entstand.

Präsentiert wird eine Vielzahl von Möglichkeiten, knappe oder umweltbelastende Ressourcen durch bereits vorhandene Materialien zu schonen und der Wiederverwertung und dem Recycling Vorrang vor dem Abbau neuer Rohstoffe zu geben: reduce - reuse - recycle. Nachhaltige Kreisläufe messen sich an Vernunft, Klugheit und gesellschaftlichen Fundamenten, die sich als „tragfähig" erweisen.

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Intelligente Technologien verändern die Wirtschaft und stellen bisherige Ansätze auf den Kopf, sagt Henning Banthien, Chef des IFOK-Instituts. Im Auftrag des Rates für Nachhaltige Entwicklung (RNE) erstellte er die Studie „Industrie 4.0 und Nachhaltigkeit: Chancen und Risiken für die Nachhaltige Entwicklung", die Anfang 2017 vorgestellt wurde.

Banthien beschäftigte sich in der Studie besonders mit der Kreislaufwirtschaft: Sie habe in der deutschen Umweltpolitik zwar schon immer eine Rolle gespielt, ist aber heute von besonderer Relevanz. Es liegt darüber hinaus auch im Interesse der Wirtschaft selbst, wenn künftig kaum noch von Abfall die Rede wäre.

Die Unternehmensberatung Accenture Strategy schätzt, dass die „Circular Economy" bis zum Jahr 2030 global rund 4,5 Billionen US-Dollar zusätzliche Wirtschaftsleistung bringen könne (Stand: 2017). Deren Abfallexperten gehen davon aus, dass ohne eine kluge Kreislaufwirtschaft im Jahr 2030 zwischen dem Angebot und der Nachfrage natürlicher Ressourcen eine Lücke klaffen würde - und mehr als sieben Milliarden Tonnen an Rohstoffen wie Metallen, Mineralien, fossilen Brennstoffen und Holz fehlen.

Literatur:

David Evans: Verschwendung. Wie aus Nahrung Abfall wird. Theiss Verlag - WBG. Darmstadt 2017.

Claudia Silber und Alexandra Hildebrandt: Circular Thinking 21.0: Wie wir die Welt wieder rund machen von Amazon Media EU S.à r.l. Kindle Edition 2017. (Der vollständige Erlös dieses Buches kommt HORIZONT e.V. zugute. HORIZONT e.V. wurde 1997 von der Schauspielerin Jutta Speidel gegründet und hilft wohnungslosen Müttern und deren Kindern schnell und unbürokratisch.)

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