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Abdrücke hinterlassen und Fühlung aufnehmen: Was Medien und Matratzen heute verbindet

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SLEEP
Daly and Newton via Getty Images
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Orte der Kommunikation

Es gibt nicht viele Dinge, die dem Menschen über lange Zeit so nah und vertraut sind wie die Matratze: Schließlich verbringen wir ein Drittel unseres Lebens im Bett und hinterlassen unseren Abdruck auf diesem stummen Zeugen des Lebens.

Die Matratze als Ort der Kommunikation spielt auf alles an, was auf ihr getan wird: schlafen, lieben, träumen, faulenzen, ruhen, (re)produzieren oder sterben.

Auch in der Werbung wird die Matratze inzwischen mit „Starqualitäten" verbunden: So ist die ESC-Gewinnerin Lena Meyer-Landrut das neue Gesicht der Firma „Emma Matratzen". Die 25-Jährige sagte kürzlich in einem Interview: „Ich bin viel unterwegs und freue mich immer, wenn ich zuhause in meinem eigenen Bett schlafen kann". Vor dieser Kooperation habe sie sich eigentlich kaum Gedanken über ihre Matratze gemacht.

Die Matratze ist ein Grundelement des Wohnens und der Inbegriff von Intimität und Körperlichkeit. Das Wort hat eine faszinierende Geschichte: Es ist ein Lehnwort aus dem Arabischen, das über das Italienische ins Deutsche gelangte.

Abgeleitet wird es vom italienischen materazzo, das auf das arabische matrah, für Bodenkissen, zurückgeht und auf den orientalischen Einfluss im mittelalterlichen Italien verweist.

Das Bett kam mit den alten Römern, aber die Matratze folgte unter diesem Namen erst Jahrhunderte später, „ein orientalistisch verklärter Zauberteppich, beladen mit Bildern einer Trägheit und Sinnlichkeit, die das Abendland ersehnte und fürchtete, verachtete und verehrte, ablehnte und zugleich selbst übernahm", heißt es im aktuellen Herausgeberband „Matratze/Matrize" von Irene Nierhaus, Professorin für Kunstwissenschaft und ästhetische Theorie an der Universität Bremen, und der Kunstwissenschaftlerin Dr. Kathrin Heinz.

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Einprägsam: Zur Lage des Menschen

Die beiden Herausgeberinnen zeigen unterschiedlichste Denkzusammenhänge, den Matratze (ein Medium der „Zwischenräumlichkeit") und Matrize herstellen:

„Wer sich mit der Matratze anlegt, versinkt unweigerlich in einer sehr, sehr tiefen Matrize."

Die Beiträge beschäftigen sich u.a. mit dem Liegen - das als „öffentliche" Körperhaltung bis ins 18. Jahrhundert hinein (zumindest im Rahmen fürstlichen Hofzeremoniells) einen akzeptierten Ort hatte - und dem Schlaf.

Die Wende zum 20. Jahrhundert war nicht nur mit „mehr Licht", sondern auch mit zunehmenden Schlafstörungen und Schlafmangel verbunden, die auf Dauer krank machen.

Matratze und Bett stehen immer auch für einen Abdruck des Alltags und der Gesellschaft. Ein Bild des Menschen in seiner „Lage".

Yoko Onos und John Lennons Werbekampagne für den Frieden, die bed-in-Performance, wird von den Autorinnen als Folie für ein Leben gedeutet, „in dem das Arbeiten im Bett und vom Hotel aus als äußerste Fantasie der Arbeiter/innen - als äußerste Freiheitsfiktion - zunehmend Wirklichkeit wird". Hochaktuell sind die hier zusammengetragenen Aspekte um das Thema Matratze im Flüchtlingskontext.

Auch wenn der Band auf den ersten Blick für Kultur- und Kunstwissenschaftler_innen geschrieben sein mag, so enthält er doch Inspirationen und zahlreiches Material, das im Nachhaltigkeitskontext und im Zusammenhang aktueller Entwicklungen - auch im Medienbereich - von Interesse ist.

Sleep Economy

Beispielsweise gehört die Matratze ebenfalls zu den „weichen" Themen von Arianna Huffington, Mitbegründerin der Huffington Post, die von Beginn an die „Sleep Economy" im Blick hat.

Es ist kein Zufall, dass die Huffington Post mit dem Matratzenproduzenten Sleep Number kooperiert.

Zu den anderen Partnern gehören u.a. die Mariott-Kette und Herstellern von Armbändern, die die Schlafqualität messen.

Schlafen und Matratzen gehören derzeit zu den größten Lifestyle-Themen, wie auch Celina Plag in ihrem Beitrag über hippe Matratzen und luxuriöse Nachtfashion, „Komm, süßer Schlaf" (Süddeutsche Zeitung, 11./12.6.2016), anhand zahlreicher Beispiele belegt hat.

Schlaf ist heute kein Problem mehr, sondern die Lösung für viele Probleme, die wir selbst verschuldet haben. Dies erkennen immer mehr Menschen - damit einher geht ein „Wirbel" im Matratzen-Markt. Auch online: So hat das deutsch-englische Startup Eve 8,2 Millionen Euro von namhaften Investoren eingesammelt.

Ashton Kutcher oder Leonardo DiCaprio schlafen angeblich auf einer Matratze des US-Start-ups Casper, das die Matratze zu einem coolen Produkt machen und den Kauf für Kunden so unkompliziert wie möglich gestalten möchte.

Auslöser war die Beobachtung, dass Geschäfte und Verkäufer an Gebrauchtwarenhändler erinnern, der Transport kompliziert ist und relevante Vergleichskriterien fehlen würden.

Schließlich wurden Hunderte Kunden nach ihren Bedürfnissen befragt. Danach entwickelten die Gründer mit Materialexperten ein Modell in sechs Größen zwischen 500 und 950 Dollar (Versand und Rückgaberecht inklusive). Die Lieferung erfolgt in kompakten Kartons in New York, San Francisco und L.A. noch am selben Tag (in Manhattan sogar via Fahrradkurier).

Diese Entwicklung stärkt zugleich auch nachhaltig ausgerichtete Unternehmen und Lieferanten, die Schlafzubehör wie Matratzen anbieten. Sie gehören zwar schon seit Jahren zum Sortiment, erhalten heute jedoch mehr Aufmerksamkeit, da Schlaf immer mehr als unverzichtbarer Nachhaltigkeitsaspekt im eigenen Leben erkannt wird.

„Ein gesunder und erholsamer Schlaf ist eines der wertvollsten Güter, die wir haben", sagt Katja Schneider, Gesundheitsexpertin beim Verbraucherportal Ratgeberzentrale.de.

Mit einer passenden Matratze lassen sich viele gesundheitliche Probleme vermeiden. Deshalb ist es wichtig, bei der Matratzenauswahl auch auf eine Reihe von Normen zu achten, die in diesen Kontext hineinspielen, z.B. wissenschaftliche Kriterien zu Wirbelsäulenlagerung, Schlafgewohnheiten, Gesundheitszustand, Körpergewicht, Schlafpositionen, Materialeigenschaften, Schichtenaufbau und -techniken, Härtegrade.

Claudia Silber, Nachhaltigkeitsexpertin und Leiterin Unternehmenskommunikation beim Öko-Pionier memo AG, bemerkt dazu:

„Die Anforderungen an eine Matratze für einen Rückenschläfer sind anders als an die eines Bauch- oder Seitenschläfers."

Bei Bauchschläfern sollte die Matratze vor allem im Lendenwirbelbereich nicht zu weich sein, damit die Wirbelsäule nicht durchhängt - hier sind flächenelastische Matratzen empfehlenswert. Sie geben nicht punktuell, sondern im belasteten Bereich flächenartig nach und bieten ein eher festes, kompaktes Liegegefühl. (Ein ausführlicher Ratgeber dazu findet sich auf memolife, dem Nachhaltigkeitsportal für bewussten Konsum.)

Wichtig sollte bei der Auswahl einer Matratze auch sein, dass sie dort erworben wird, wo man mit ausgewählten Anbietern und Lieferanten zusammenarbeitet, die ebenfalls sämtliche Kriterien der Nachhaltigkeit sowie gesundheitsverträgliche Aspekte berücksichtigen und in ihren Produkten umsetzen.

In diesem Zusammenhang verweist Claudia Silber auf das Gütesiegel GOTS (Global Organic Textile Standard), das die Umwelt- und Sozialverträglichkeit des gesamten Produktionsprozesses belegt.

Matratzen unter Nachhaltigkeitsaspekten auszuwählen bedeutet für sie, sich z.B. für Produkte aus Deutschland zu entscheiden, die unter Einhaltung höchster Schadstoffnormen hergestellt sind, die Atemwege nicht belasten und auch für empfindliche Haut geeignet sind. Eine perfekte Hygiene bieten Matratzen mit abnehmbaren Bezügen (vgl. GOTS).

Eine gute Matratze ist für sie „eine teure, aber lohnenswerte Anschaffung, die leider zu oft vernachlässigt wird, wenn man nur auf den Preis schaut".

Wie man sich bettet, so liegt man.

Darauf verwies schon vor einem Jahr die Trendforscherin Lidewij „Li" Edelkoort im FOCUS: Matratzen werden in unserem Leben immer wichtiger werden - schließlich sind sie eine gute „Grundlage", um Zukunft zu träumen und dem Weckruf der Nachhaltigkeit zu folgen.

Literatur:

Irene Nierhaus / Kathrin Heinz (Hg.): Matratze/Matrize. Möblierung von Subjekt und Gesellschaft. Konzepte in Kunst und Architektur. transcript Verlag, Bielefeld 2016.

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