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Abas, Willkür trifft Mensch

09/06/2017 18:18 CEST | Aktualisiert 09/06/2017 18:18 CEST

Dr. Katja Doubek, die zu Deutschlands Gesichtern der Nachhaltigkeit gehört, arbeitet derzeit mit einem Team an einer integrationsfördernden Buchreihe für den Hueber Verlag. Das Schicksal von Abas Ahmed Salih berührt die engagierte Autorin zutiefst:

In Eritrea am 4. September 1995 geboren, ist Abas seit seinem zweiten Lebensjahr Vollwaise. Nachdem sich seine Mutter das Leben nahm, wird der Vater Opfer des Regimes und verschleppt. Abas und seine Schwester Halimah, sechs Jahre älter als er, sind allein:

Ein Bekannter bringt sie nach Äthiopien, Ausweise, Papiere? Gibt es nicht, braucht man an dieser Grenze nicht. Der Mann lebt mit Frau und zwei Kindern in Addis Abeba. Seine Frau hält nichts vom plötzlichen Familienzuwachs - und zeigt es.

Gefährliche Zeiten. Der Konflikt zwischen Eritrea und Äthiopien prägt den Alltag. Addis Abeba ist voll von eritreischen Flüchtlingen. Illegal haben sie keinen Zugang zu Medizin und Arbeit. Aufgegriffen von der Polizei, drohen Gefängnis, Folter und Schlimmeres. Die inzwischen dreizehnjährige Halimah hat große Angst. Wie viele ihrer Landsleute flieht sie in den Sudan.

Ohne seine Schwester ist Abas schutzlos. Die Hausherrin hält ihn wie einen Kindersklaven. Täglich Schläge, Demütigungen und Essenentzug. Einziger Lichtblick: Abas darf die Schule besuchen.

Fünfzehnjährig flieht Abas in den Sudan. Er findet Arbeit in Khartum, lebt auf der Straße. Die Gewalt dort treibt ihn weiter. Auf dramatische Weise gelangt er nach Benghazi. Keine Papiere, keine Rechte - Gefängnis - Folter - Flucht. Juli 2015, Abas erreicht München.

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Foto: Abas Ahmed Salih

Frau Dr. Doubek, was macht Abas heute?

Im Bescheid steht es: Der Asylantrag von Abas Ahmed Salih ist abgelehnt. Die Begründung: eine Anhörung am 7. April 2017, anlässlich derer der Antragsteller nicht glaubhaft nachweisen konnte, dass er schutzbedürftig ist. Abas Ahmed Salih ist schockiert. Es gab keine Anhörung am 7. April 2017! Es gab kein Schreiben. Es gab keinen Termin.

Betreuerin Carmen Heilmann-Hagen wendet sich an Anwalt Dr. Thomas Galli. In Abas' Schule bittet sie um eine Anwesenheitsbescheinigung. Der Kalender beweist: Abas hat am 7. April. 2017 den Unterricht in Landsberg besucht, kann unmöglich zeitgleich in München bei einer BAMF-Anhörung gewesen sein. Fristgerecht klagt Dr. Galli gegen den Bescheid. Abas ist ruhiger, aber nicht beruhigt.

2010 ist Abas 15 Jahre alt und flieht. Was wissen Sie über seine Flucht?

Das Leben im Haus ist unerträglich. Die Sehnsucht nach Halimah auch. Abas entwendet Geld und wagt die Flucht nach Khartum. Eritreische Teeverkäuferinnen helfen bei der Suche nach seiner Schwester. Vergeblich. Abas gibt nicht auf. Er findet einen Putzjob in einer Cafeteria. Er schuftet, 16 Stunden täglich für ein Existenzminimum, schläft auf der Straße, um Geld zu sparen. Sein Traum: Koch werden und ein eigenes Restaurant zu haben. Er sagt rückblickend: „Manchmal, wenn der Chef nicht da war, durfte ich kochen - derho ms shgurti - Huhn mit Zwiebeln. Mein Lieblingsessen."

Das Leben auf der Straße ist hart. Immer wieder wird Abas Opfer von Überfällen, zusammengeschlagen und bestohlen: „Sie haben mir viele Male das Geld weggenommen, aber ich konnte es niemand sagen." Keine Papiere, keine Rechte! Illegale können sich nicht an die Polizei wenden. Die Polizei steckt sie ins Gefängnis.

Fünf Jahre sucht er vergeblich nach seiner Schwester. Spart eisern für seinen Traum und legt in dieser Zeit 27.000 dschineh sudani (~ 3000 Euro) zurück. Abas findet Halimah nicht. Er entscheidet, den Sudan zu verlassen. Er deponiert den größeren Teil seines Geldes bei einer eritreischen Freundin.

Schlepper bringen ihn von Khartum bis zur Grenze und von dort durch die Wüste nach Libyen. 28 Menschen auf der Ladefläche eines Pickups. Kaum Wasser, noch weniger zu essen. Menschen sterben. Abas hat Todesangst, fürchtet, die Fahrt nicht zu überleben.

Erschöpft erreicht er Benghazi, versucht sich zu orientieren und gerät in eine Polizeikontrolle. Abas hat keine Papiere. Er kommt ins Gefängnis.

Und dann?

Monatelange Zwangsarbeit, schwere Folter, traumatisierende Gräuel. Abas zittert, als er mir erzählt: „Im Gefängnis gab es zwei Käfige aus dicken Eisenstangen. In dem einen etwa 50 Männer, im anderen 50 Frauen und Kinder. Es war so eng, dass immer nur einige sitzend schlafen konnten. Die anderen standen. Das Wachpersonal war brutal und sadistisch. Sie tranken und nahmen Drogen. Fast jede Nacht holten sie Frauen und Kinder aus der Nebenzelle und vergewaltigten sie vor der Männerzelle. Alle mussten es sehen. Die Frauen und Kinder schrien. Männer, die protestierten, wurden aus der Zelle geholt, mit Elektroschocks und Schlägen und Verbrennungen gequält. Sie kamen auch einfach so und holten uns, um zu foltern. Fast jede Nacht."

Aus dem Gefängnis heraus knüpft Abas Kontakt nach Khartum. Die Freundin sorgt dafür, dass sein Geld an die richtigen Stellen gelangt. Abas wird frei gelassen.

Er gelangt nach Tripolis. Aus Angst vor der Polizei taucht er unter. Schlepper organisieren einen Platz auf einem Fischkutter. Panisch, bei der geringsten Bewegung zu kentern, sitzen 300 Menschen reglos fast den ganzen Tag in einer „Nussschale".

Wurden sie entdeckt?

Ja, der Pilot eines Hubschraubers funkt Hilfe herbei. Die Flüchtlinge werden von einem Rettungsschiff aufgenommen. Ende Juni 2015, das Schiff ankert vor der italienischen Küste. Ein Auffanglager in Rom: Am nächsten Morgen sollen die Neuankömmlinge registriert werden. Abas will seine Fingerabdrücke nicht in Italien lassen.

Er hat gehört: Flüchtlingen drohen hier Obdach- und Arbeitslosigkeit. Noch in der Nacht flieht er mit einer Gruppe Eritreer aus dem Lager und schafft es bis zum Hauptbahnhof Rom. Ohne Geld steigt er in den nächsten Zug nach Mailand. Schaffner weisen ihn mehrfach aus der Bahn. Abas steigt aus und in den nächsten Zug wieder ein - immer wieder - bis Mailand. Helfer spenden Essen und Kleidung.

Zwei Tage später - Juli 2015 - die letzte große Etappe. In den Zugtoiletten versteckt, erreicht Abas München. Ausgemergelt, am Ende seiner Kräfte, wird er in ein Auffanglager gebracht und wenig später nach Fuchstal-Leeder verlegt.

Hatte er die Möglichkeit, sich hier zu betätigen?

Abas spricht ein wenig Englisch. Er hilft den ehrenamtlichen Mitarbeitern des Helferkreises Fuchstal bei Übersetzungen und fängt an, Deutsch zu lernen.

Seit Anfang 2016 haben Sie ihn begleitet und unterstützt. Was haben Sie (mit)erlebt?

21. Januar 2016: Anhörung beim Bundesamt für Migration. Ich begleite Abas. Er ist furchtbar nervös. Der Dolmetscher ist feindlich unpräzise. Abas überwindet sich, beschreibt die Gräuel seiner Inhaftierung. Der Dolmetscher macht daraus: „Er war fünf Monate im Gefängnis." Ich unterbreche. Die Anhörerin rügt den Übersetzer. Abas sammelt sich und wiederholt die Geschichte so gut er kann auf Englisch. Im Protokoll steht später ein Halbsatz: „...war er 5 Monate im Gefängnis."

14. März 2016: Abas soll eine Sprachprüfung ablegen. Ich begleite ihn, wir warten - stundenlang. Plötzlich eine hektische Stimme: Alle Anwesenden sollen sofort das Gebäude verlassen!

Warum?

Im oberen Stockwerk gibt es Probleme. Ein Mannschaftswagen fährt vor, bewaffnete Polizisten stürmen die Treppen hinauf. Verschreckte, entsetzte Menschen laufen aus dem Gebäude. Abas und ich gehen in den Schalterraum, sind alleine dort. Im Gebäude herrscht Chaos. Abas braucht eine Bescheinigung, dass er auf dem Amt war. Ohne, so fürchtet er, wird er von der Schule gewiesen. Nach einer halben Stunde betritt eine Angestellte das Zimmer. Ich bestehe darauf, dass Abas' pünktliche Anwesenheit zum Termin bestätigt wird. Außerdem verlange ich die Garantie, dass dieser Termin nachgeholt wird.

Eine Stunde später haben wir einen Zettel mit Stempel in der Hand. Schuldlos ausgefallene Termine werden auf jeden Fall nachgeholt, heißt es. Abas wartet über ein Jahr auf die Einladung der Behörde.

Hat sich Abas korrekt verhalten?

„Dreh dich zur Sonne, lass die Schatten hinter dir", sagt ein Sprichwort in seiner Heimat. Abas versucht genau das, und er macht alles richtig. Er lernt und spricht Deutsch, geht zur Schule, wird demnächst seinen Abschluss absolvieren. Er hat einen unterschriebenen Ausbildungsvertrag für eine Lehrstelle in seinem Traumberuf Koch in der Tasche. In seiner Freizeit singt er in einer Band, spielt im örtlichen Fußballverein und arbeitet mit mir gemeinsam an einem Wörterbuch für Geflüchtete: „Deutsch B1-Tigrinya".

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Foto: Abas Ahmed Salih

April 2017, Abas wartet noch immer. Statt der Einladung kommt der Bescheid.

Wie kam er zustande? Und warum?

Wir wissen es noch nicht. Aber wir werden es erfahren. Der Bescheid ist unterschrieben. Ob Willkür, Überforderung, Inkompetenz, Ignoranz, Gleichgültigkeit oder alles zusammen - nichts davon kann und darf Grundlage sein, für die Entscheidung über ein Schicksal, möglicherweise über Leben und Tod!

Vielen Dank für das Gespräch.

Katja Doubek, Jahrgang 1958, arbeitete bereits während ihres Studiums der Germanistik, Geschichte und Philosophie als freie Autorin für die FAZ und nach dem Abschluss als Redakteurin beim ZDF. Sie absolvierte ein Psychologiestudium und veröffentlicht seit Anfang der 90er Jahre Sachbücher und Belletristik u.a. bei Bertelsmann, Piper und Rowohlt. Katja Doubek ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder. Sie lebt in München und Italien.

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