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Merkwürdig! Wie Notizbücher im Onlinezeitalter unser Handeln beeinflussen

25/03/2016 13:44 CET | Aktualisiert 26/03/2017 11:12 CEST
anyaberkut via Getty Images

Die Welt in Ordnung bringen

Als Bloggerin möchte ich herausfinden, was sich lohnt, mit unserer Zeit und unserer Welt in Beziehung gesetzt zu werden. Was im Netz abgelegt ist, kann ich im Kopf durchstreichen.

Alle Blog-Texte haben etwas von einer Arznei, die entweder gleich, später oder manchmal auch gar nicht wirkt. Besonders überraschend aber ist, wenn sie dort wirkt, wo man es nie vermutet hätte. Und schließlich kommt das meiste zurück - angereichert mit neuer „Substanz", aus der dann neue Inhalte hervorgebracht werden.

Das regelmäßige Bloggen entspricht der Sehnsucht, das Leben und die Welt buchstäblich in Ordnung zu bringen. In der Vergangenheit hat das die Menschheit mit allen möglichen Listen versucht, auf denen Aufgaben und Gedanken notiert und der Reihe nach abgearbeitet wurden.

Auch im Onlinezeitalter erfreuen sich die alten Gedankenstützen noch immer großer Beliebtheit.

„An schönen Notizbüchern komme ich nicht vorbei - ich habe sogar eine kleine Sammlung zu Hause. Manch einer mag es in Zeiten von Handy und Tablet seltsam finden, aber ich trage immer ein kleines Notizbuch inklusive Kugelschreiber bei mir, um mir Notizen zu machen oder Dinge zu notieren, die ich nicht vergessen darf oder will", sagt Claudia Silber, Leiterin der Unternehmenskommunikation beim Öko-Versender memo AG.

Auch Handlettering, Poesie und sinnliches Design boomen heute. „... ich genieße Ordnung und alles Sinnliche. Poesie, Kalligrafieanfertigungen und die nebenberufliche Designtätigkeit spenden mir ... in dieser schnellen Welt die nötige Ruhe", heißt es auf der Website von Jeannette Mokosch.

Die Ordnung der Dinge wird auch in der Bloggerszene sehr geschätzt - besonders die Bedeutung von Notizbüchern.

Notizen im Netz

Christian Mähler startete 2009 mit seinem Notizbuchblog, weil ich keinen deutschsprachigen Fan-Blog zum Thema Notizbücher fand. Er arbeitet in der Softwareentwicklung, wo ein Notizbuch ebenfalls zu seinen wichtigsten „Organisationswerkzeugen" gehört.

Der amerikanische Blogger Shaun Usher sammelt seit Jahren schöne, traurige und skurrilen Notizen und veröffentlicht sie auf seiner Website Lists of Note.

2015 veröffentlichte der Heyne Verlag seine "Lists of Note". Enthalten sind zum Beispiel Johnny Cashs Tagesplan ("June küssen", "Husten"), da Vincis Projekte, die Fake-Bücher von Charles Dickens oder Galileis Einkaufsliste ("Deutsche Linsen, poliert").

Die Leserinnen und Leser „lernen", wie und warum Menschen Auflistungen erstellen, was sie bewegt und welche Prioritäten sie setzen.

Diese Art des Lernens hat nichts mit „Pauken" zu tun, das zum Erwerb von Können bei weitem nicht ausreicht. Der Blog setzt auf reflektierte Erfahrung in Form von Üben (disziplinierte Praxis), die es für echte Könnerschaft braucht und von Niels Pfläging und Silke Hermann in ihrem Buch „Komplexithoden" beschrieben wurde.

In einer sich stetig wandelnden Welt kann Wissen („Sinn machen") allein keine Zukunft sichern. Darum braucht es Könner („geübte Menschen mit Ideen") und Können („Wissen machen").

Individuelles Können ist für Niels Pfläging die einzige sinnvolle Möglichkeit, Probleme in einem komplexen Umfeld zu lösen.

Was Können mit Notizbüchern zu tun hat

Der Student Paul Valéry ist 23 Jahre alt, als er damit beginnt, sich täglich in den frühen Morgenstunden an den Schreibtisch zu setzen und in Schulheften seine Gedanken zu notieren. Mehr als fünfzig Jahre lang.

Die „Cahiers" sind Hervorbringungen, die sich der Gymnastik des Denkens, den Akten und Übungen (!) des Geistes, verdanken.

Darin gründet Valérys Philosophie, die sich der Fähigkeit des Menschen widmet und den damit verbundenen Fragen: Was kann ein Mensch? Und: Wie „geht" das?

„Ich KANN tun, handeln, ändern - das ist die Bedeutung von Fähigkeit - und der Aspekt des Handelns."

Wirkliches Wissen ist für ihn Können: „Du bringst mir nichts bei, wenn du mir nicht etwas zu tun beibringst."

Sein philosophisch-literarisches Ziel war es, die unterschiedlichen Ordnungen zu zeigen, die sich gegenseitig fordern und fördern und die Komplexität des Menschen ausmachen. Eine enorme Geduldsarbeit, ausgeführt von einem Unruhegeist. Notiert werden sollte immer nur das, was ihn selbst etwas gelehrt hat.

Valérys Arbeit als Schriftsteller bestand vor allem darin, Fragmente und Notizen über die Dinge des Lebens buchstäblich ins Werk zu setzen. Auch sein Leben war für ihn niemals abgeschlossen - es reichte ihm, es als Fragment, Probestück, Entwurf anzunehmen und weiterzudenken.

Alle großen Geister wollen das Unabgeschlossene, das sich in der ständigen Veränderung zeigt.

Das, was sie unterwegs finden, legen sie in ihren Notizbüchern ab. Der Publizist Roger Willemsen notierte in seinem Notizbuch immer, was er für das Flüchtigste hielt:

„Ein Einfall, eine Beobachtung, eine Metapher, der Teil eines Satzes, den ich vom Nachbartisch aufschnappe.

Es gibt vieles, von dem ich glaube, dass man es nicht einfach aus dem Spontan-Gedächtnis befreien kann, sondern dass man es sammeln muss. Ich bin in dieser Hinsicht auch Dokumentarist. Ich schreibe in meine Kladden sehr viel, was ich dann niemals brauche."

Maßlos las er Aufzeichnungen, Notizbücher, liebte Tagebücher und las in Paul Valérys Heften.

„Analoge Cloud" und modernes Nomadentum

Auch Karl Lagerfeld umgibt sich gern mit Papier, Stiften und Musik, um zu zeichnen und gründlich nachzudenken, sein Hirn „durchzupusten und Briefe zu schreiben". Alles, was ihm je gelungen ist, hat er im Schlaf gesehen. Deshalb liegt neben seinem Bett auch immer ein Zeichenblock.

Der internationale Marketingexperte Tim Leberecht verbindet mit Notizbüchern im modernen Nomadentum auch einen emotionalen Anker, während sie gleichzeitig ein handhabbares Mittel der Neugier, „der Entdeckungen und der Erkundungen darstellen".

Die handgefertigten Moleskine-Notizbücher sind für ihn demokratische Vehikel der Selbstdarstellung und zugleich handgefertigte Objekte, die als konkrete, schlichte Gefäße unseres komplexen Lebens dienen. Aber auch ein narrativer Kompass sind: „voller Kontext (in jedem Buch steckt ein Zettel, der Moleskines Geschichte in Erinnerung ruft) und doch völlig offen für etwas Neues."

Maria Sebregondi nennt sie die „analoge Cloud". Die Italienerin segelte 1995 mit Freunden vor der tunesischen Küste. Einer träumte vom geschäftlichen Erfolg und bat sie um eine Idee.

An Deck las Maria Bruce Chatwins "Traumpfade" und blieb immer wieder an jener Stelle hängen, an der er klagt, dass ihm seine Kladden fehlen. Er kaufte sie in der Pariser Rue de l'Ancienne Comédie, doch dann starb der einzige Lieferant aus Tours.

Seine Geschichten sind phantastisch, dachte sie sich, denn sie klingen nach Fernweh und Sehnsucht. Sie wollte eine eigene Geschichte daraus zu machen, betrachtete alte Skizzenbücher berühmter Maler sowie Fotos, auf denen Ernest Hemingways Notizbücher abgebildet waren. Alle sahen sehr ähnlich aus: klein und schwarz.

1997 wurde das Unternehmen Moleskine gegründet, das seit April 2013 auch an der Mailänder Börse ist.

Das Notizbuch wird seitdem als „ein dinghaftes Reservoir des Kunstvollen und Verspielten" vermarktet, schreibt Tim Leberecht in seinem Bestseller „Business Romantiker".

Eine geniale Marketingidee für ein simples (und überteuertes Notizbuch), das in China produziert wird, „weil das billiger ist".

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Foto: Dr. Alexandra Hildebrandt

Woran man nachhaltige Notizbücher erkennt

Wenn es darum geht, sich ein Notizbuch zuzulegen, sind die Moleskine-Varianten heute für viele Menschen Standard. Aber es gibt auch nachhaltige Alternativen mit entsprechenden Qualitätsmerkmalen. Dazu gehören:

• die Art der Bindung

• das Innenleben

• Cover/Einbandmaterialien

• Veredelungen

• Verschluss-Gummiband mit hoher Spannkraft und Dehnungsfähigkeit

• Lesebändchen

• Froschtasche.

Brandbooks produziert zu 100% in Deutschland. Für jeden Auftrag werden automatisch zwei Bäume für Bergwaldprojekt e.V. gespendet. Notizbücher, die Gutes tun und schön anzusehen sind, finden sich auf der Website notes to herself.

Nachhaltig ist auch das in verschiedenen Größen und Farben erhältliche memo Skizzen- und Notizbuch "Leinen" (inklusive Bleistift mit Radiertip). Dafür wird zu 100 % Recyclingpapier verwendet. Es wurde wie das Notizbuch „Grüner Baum" mit dem Umweltzeichen Blauer Engel ausgezeichnet.

Der Einband des Notizbuchs "Think Book" mit Gummiband und Lesebändchen ist aus Recyclingleder. Die Herstellung aus TCF-gebleichtem Frischfaserpapier erfolgt in Deutschland.

Notizbücher machen ein komplexes Thema wie Nachhaltigkeit zu einem greifbaren und persönlichen, denn es wird über die Sinne wahrgenommen und verarbeitet. Das ist die Voraussetzung für schöne klare Gedanken, ohne die es keine gegenwartsbezogene Achtsamkeit gibt.

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