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Von immer mehr Intoleranzen und immer noch zu niedriger Akzeptanz

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Dieser Beitrag entstand in Zusammenarbeit mit dem Food Innovations Netzwerk HERMANN'S.

Als ich erfahren habe, dass ich laktoseintolerant bin, ging kurz die Welt für mich unter. Ich sollte auf Käse und Milch verzichten? Auf meinen geliebten morgendlichen Joghurt? Wie sollte das denn gehen?

Die Alternativen waren vor acht Jahren ziemlich dürftig. 90 Prozent der Kellner verneinten die Frage nach Sojamilch und ich kam mir manchmal vor, als stünde ein riesengroßes „L" wie Loser auf meiner Stirn.

Tatsächlich hatte die Beschaffung von Ersatzprodukten damals noch ein bisschen was von der Nadelsuche im Heuhaufen. Heute füllt jeder Supermarkt einen ganzen Gang damit. Das ist auch gut so, denn immerhin 15 Prozent der Deutschen teilen mein Problem. Und Milchsäure ist längst nicht das Einzige, was man nicht vertragen könnte.

Als sogenannte Betroffene habe ich mich in den letzten Jahren verstärkt mit den grundlegenden Themen von Ernährung beschäftigt. Spätestens nach dem Erscheinen der Bücher „Darm mit Charme" und „Weizenwampe" wurde mir klar, dass immer mehr Menschen sich ebenfalls Gedanken machen und nach Alternativen zu den bisher üblichen Grundnahrungsmitteln suchen.

Paleo, Veganismus oder Superfood

Noch nie waren die Zeitschriften so voll von Trends wie Paleo, Veganismus oder Superfood. Der Markt reagiert entsprechend, und wenn ich heute durch die Straßen von Berlin fahre, streife ich viele Läden, die darauf aufgelegt sind, besonders innovative, gesunde und regionale Produkte anzubieten.

Ja, das alles ist immer noch ein Nischenmarkt mit teilweise horrenden Preisen. Aber das Bewusstsein der Leute erweitert sich. Gute Ernährung ist genauso wichtig geworden, wie die viel zitierte Work-Life-Balance mit 30-Stunden-Woche und der Frage nach einem möglichen Sabatical gleich beim Vorstellungsgespräch. Auch wenn das Studium noch keine zwei Jahre zurückliegt.

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Es passte gut, als ich HERMANN'S Gründerin Verena Bahlsen das erste Mal traf und sie mir von ihrer neuen Idee erzählte. Von ihrer Zeit in Kalifornien und davon, dass auch sie zurück in Deutschland feststellen musste, dass es hier bei aller Entwicklung noch eine Menge Arbeit zum Thema Ernährung gibt. Also möchte sie ein „Ökosystem" schaffen, das sich mit Trends, Entwicklungen und dem Thema Ernährung ganz grundsätzlich und ganz neu beschäftigt.

Zur gleichen Zeit, als Verena mir von ihrem Vorhaben erzählte, betreute ich einen Kunden, der den Bau eines großen Mikroalgenparks plante und mich um die Unterstützung in den Bereichen Positionierung und Marketing bat. Entsprechend stark habe ich mich mit dem Thema auseinandergesetzt.

Bis dahin hatte ich grüne Pülverchen und Pillen aus dem Reformhaus im Kopf. Dazu ein paar heftig teure Gesichtscremes. Während der Recherche habe ich dann auch noch den kulinarischen Fehler gemacht, mich durch das aktuelle Portfolio mikroalgenbasierter Nahrungsmittel zu probieren.

Schmeckt wie Leberwurst

Da kamen wir unter anderem auf die Frage, warum man auf einen Algenaufstrich „schmeckt wie Leberwurst" schreiben muss (was schlicht gelogen ist). Die Antwort scheint in unseren heimischen Gefilden einfach: Weil es sonst noch weniger Menschen kaufen würden als ohnehin schon.

Algen? Die verdrecken doch den Strand! Immer das Gleiche: Es fehlt an Aufklärung, am sinnvollen Umgang mit dem Produkt und am Ende des Tages - wen wundert's - an Akzeptanz außerhalb eines kleinen Dunstkreises von Menschen, die ein ernsthaftes Grundinteresse mitbringen.

Kenne ich von mir selbst. Ja, ich ernähre mich eher überlegt. Was hinter den zitierten Mikroalgen aber wirklich steckt, war mir nicht im Ansatz klar. Wie gesagt: ein bisschen esoterisch angehaucht und derzeit gerne in den Superfood-Top-Ten. „Chlorella und Spirulina, die kleinen grünen Wunder" schrieb die Apothekenumschau dazu.

Beide Arten von Mikroalgen überzeugen tatsächlich durch sehr hohe Konzentrationen essentieller Inhaltsstoffe. Die Industrie weiß das, die wenigsten wissen allerdings, wie viel Mikroalge die weiterverarbeitende Nahrungsmittel- und Kosmetikindustrie längst einsetzt.

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Moderne Zuchtanlagen können die ohnehin schon vorbildlichen Produkteigenschaften sogar steuern. Ohne dass man Gene manipulieren oder andere schlimme Dinge tun müsste.

Dann wäre da noch die Tatsache, dass Mikroalgenpräparate den nachweislichen Mangel an Vitamin B12 durch rein vegane Ernährung beheben können. Blickt man aber weiter über den Tellerrand, dann kommen wir zu den wirklich großen Möglichkeiten dieser Einzeller.

Mikroalgen brauchen keine landwirtschaftlichen Nutzflächen, können im Gegenteil auch dort angebaut werden, wo sonst kein Grashalm wächst. Zu jeder Jahreszeit, in tendenziell beliebigem Maßstab.

Neue Produktionsverfahren arbeiten fast nur mit Sonnenlicht und Restwärme, also frei von Schadstoffen sowie mit dem einzigartigen Vorteil, dass im Prozess mehr Energie gewonnen als eingesetzt wird.

Mikroalgen produzieren Sauerstoff

Auch Abfälle und Umweltbelastungen sind Fehlanzeige. Es wird noch besser! Reststoffe werden zum Düngemittel für die nächste Generation Mikroalgen oder zur ökologisch sinnvolleren Variante für pflanzlich hergestellte Treibstoffe.

Apropos: Mikroalgen produzieren Sauerstoff, aktuell grob geschätzt den halben Bedarf der Erde. Und dann werden auch noch die Herstellungskosten zunehmend attraktiv. Wir hätten also durchaus wenigstens eine Antwort zu Fragen wie Klimawandel, Ressourcenknappheit und Bevölkerungsexplosion.

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Man kommt schlussendlich mal wieder auf die globalen Auswirkungen von persönlichem Handeln zurück. Wir sind uns einig, dass viel mehr Menschen sensibilisiert, aufgeklärt und irgendwie auch in die Verantwortung genommen werden müssen. Gerade dann, wenn sie kein Problem in der Art von Laktoseintoleranz haben. Dazu braucht es Ideen. Viele Ideen. Deutlich bessere als „schmeckt wie Leberwurst".

Abschließend möchte ich sagen, dass es mehr als wünschenswert wäre, dass ein entsprechendes Bewusstsein wirklich bei jedem ankommt und die Lebensmittelindustrie Möglichkeiten für einen leichten, vor allem bezahlbaren Zugang schafft.

Weil das Thema nur dann auch bei wirklich bei jedem auf dem täglichen Einkaufszettel stehen kann. Denn wie bitte wollen wir sinnvolle Ernährung stärker in der Mitte der Gesellschaft verankern, solange uns Etikettierungen und Preisgestaltung vorgaukeln, alles sei nur ein Luxusproblem?

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Die Zahl der Menschen, die in einigen Jahren Burger, Steaks, und ja, auch Salat essen wollen, steigt dramatisch. Gleichzeitig sehen wir in vielen westlichen Gesellschaften die Folgen ungesunder Ernährung: Wir stehen vor einem Fett- und Zucker-Kollaps.

Doch es gibt längst Ideen und Lösungen für dieses globale Problem. Denen will sich die HuffPost in den nächsten Monaten mit Artikeln, Reports und Expertenbeiträgen widmen.

Dafür arbeiten wir mit der in Berlin entstehenden und von dem Kekshersteller Bahlsen finanzierten Plattform Hermann's zusammen, einer Art Denkfabrik für die Zukunft unserer Ernährung.

Die neue Plattform will die Köche, Wissenschaftler, Blogger, Unternehmer und Firmen zusammenbringen, die sich genau mit diesen Zukunftsfragen beschäftigen.

Die aktuellen Beiträge aus der Kooperation findet ihr hier.