Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform f√ľr kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Dr. Alexander Stevens Headshot

Verbotene Liebe oder wer mit wem, wann, wie oft und wie lange Sex haben darf

Veröffentlicht: Aktualisiert:
14 YEAR OLD
Mark Mawson via Getty Images
Drucken

Am 10.11.2016 ist nun das neue Sexualstrafrecht in Kraft getreten.

Da ist sie also nun. Die sagenumwobene ‚ÄěNein hie√üt Nein Regelung" oder besser gesagt ‚ÄěJede Art von mutma√ülich entgegenstehendem Willen hei√üt jetzt Nein". Wer das genau feststellen will, wann man Sex will und wann nicht und woran man das als Richter, der ja dann im Zuge einer Anzeige genau hier√ľber entscheiden werden muss, fest macht - keine Ahnung.

Interessanter Weise hat es aber Herr Maas nebst seinem Corps an Hardcore-Feministinnen (noch) nicht geschafft, dass wirklich jedwede Art von Sex strafbar ist. Erstaunlicher Weise hat der Sexminister sogar einiges an feuchtfröhlichen Sexpraktiken durchaus offengelassen.

Wobei die Frage, wann man Sex haben darf, zumindest schon mal das hochdekorierte Amtsgericht Rendsburg entschieden hat: Zwischen 22 und 6 Uhr hat in einem Mietshaus Nachtruhe zu herrschen. Einem jungen Pärchen wurde gerichtlich untersagt, beim Sex zu laute Stöhngeräusche von sich zu geben, um den Schlaf der Nachbarn nicht zu stören.

Gut, bleibt nur noch zu kl√§ren, mit wem man eigentlich noch Sex haben darf. Obwohl, so genau wollen das viele auch gar nicht wissen, man denke da nur an die eigenen Kinder, die wohl hinsichtlich ihrer Zeugung eher die Geschichte vom Storch bevorzugen w√ľrden, anstatt sich ihre Eltern beim Geschlechtsverkehr vorzustellen.

Umgekehrt wird auch den Eltern Angst und Bange dabei, den Nachwuchs, der doch gerade erst noch im Sandkasten gespielt hat, sexuell aufzuklären.

Tja, so verkorkst ist das deutsche Sexualstrafrecht

Und was lernen wir daraus: Sex mit Verwandten - ob Eltern, Großeltern, Kindern oder Geschwistern - ist in Deutschland straflos solange es sich um gleichgeschlechtliche Liebe oder eben keinen Vaginalverkehr handelt.

Sex zwischen einem 99-jährigen und einer 14-jährigen ist in Deutschland erlaubt, aber bloß nicht das gemeinsame Pornogucken zwischen einer 17-jährigen und ihrem 18-jährigen Freund. Und wenn der 16-jährige seinem 15-jährigen Bruder sein Schlafzimmer anbietet, damit dieser dort ungestört Sex mit seiner Freundin haben kann, ist das auch strafbar.

Sie sehen, Sex ist zwar die schönste aber nicht unbedingt die einfachste Sache der Welt - zumindest rein rechtlich ...

Doch ab welchem Alter ist Sex eigentlich erlaubt? Welche Altersgrenzen gibt es bei der Partnerwahl? Und gibt es Personen, mit denen man keinen Sex haben darf?

‚ě® Mehr zum Thema: Ich wurde vergewaltigt und Deutschland ist es schei√üegal

Bevor Sie jetzt voreilig antworten wollen, bitte einen Moment Geduld, denn Ihre Antwort w√ľrde aller Wahrscheinlichkeit nach falsch sein. Sie w√ľrden vermutlich so etwas sagen wie: Sex zwischen Jugendlichen untereinander ist erlaubt, mit Erwachsenen aber fr√ľhestens erst ab 16 Jahren und Inzest ist g√§nzlich verboten.

Das denken zumindest die meisten Leute, aber weit gefehlt. Denn ausgerechnet eine der nat√ľrlichsten Dinge der Welt, n√§mlich Sex, ist im deutschen Gesetz ziemlich abstrus - und mit Verlaub sowas von st√ľmperhaft - geregelt. Aber sehen sie selbst:

Ab wie viel Jahren ist Sex also erlaubt?

Ab welchem Alter ein junger Mensch √ľberhaupt Sex haben darf, ist schon mal gar nicht geregelt. Das ist auch gut so, denn ein solches Verbot w√§re ein grob verfassungswidriger Eingriff in die Grundrechte eines Menschen - mal abgesehen von der Frage, was man √ľberhaupt alles unter dem Begriff Sex versteht: Selbstbefriedigung, hei√üe Gedanken, heavy petting oder doch erst der Vollzug des Geschlechtsverkehrs?

Ab welchem Alter man welchen Sex haben m√∂chte, steht also im Belieben eines jeden Einzelnen, ob jung oder alt. W√§hrend der eine erst mit 18 loslegt und damit gut vier Jahre √ľber dem Bundesdurchschnitt liegt, versp√ľrt vielleicht manch einer schon im Grundschulalter erste pr√§pubert√§re Lust: Kurz, es steht jedem frei.

Nur bei der Wahl seines Geschlechtspartners muss man dagegen höllisch aufpassen, will man sich nicht strafbar machen. Personen unter 14 Jahren gelten im deutschen Strafrecht als Kinder, jeglicher Sex mit ihnen ist strafbar.

Eine Person √ľber 21 macht sich zudem theoretisch strafbar, wenn sie Sex mit einer Person unter 16 Jahren hat. Theoretisch deswegen, weil dies nur gilt, soweit man die aus Unerfahrenheit resultierende fehlende F√§higkeit zur sexuellen Selbstbestimmung des oder der Unter-16-j√§hrigen ausnutzt - was aber hierzulande dank pr√§pubert√§rer Selbstaufkl√§rung in Schule, Massenmedien und im Freundeskreis bei Personen √ľber 14 Jahren quasi nie der Fall ist, (zumal der bundesweite Durchschnitt (!) des ersten Geschlechtsverkehrs ohnehin schon bei 14 Jahren liegt).

Starre Altersgrenzen sind Unsinn

In der Praxis heißt das: Solange beide Sexualpartner 14 Jahre oder älter sind, spielt der Altersunterschied strafrechtlich keine Rolle mehr - abgesehen von ein paar Ausnahmen wie Prostitution oder Sex mit Erziehungsberechtigten.

Diese starren Altersgrenzen f√ľhren aber zu folgender Groteske: Lernen sich zwei 13-j√§hrige kennen und haben auch noch miteinander Sex, ist das eigentlich streng verboten, beide erf√ľllen strafrechtlich betrachtet den Tatbestand des Kindesmissbrauch, weil der Sexualpartner ja 14 Jahre oder √§lter sein muss. Eigentlich darum, weil beide strafrechtlich betrachtet als unter 14-j√§hrige noch als Kinder gelten und somit noch nicht strafm√ľndig sind.

Noch einmal Gl√ľck gehabt, die beiden k√∂nnen also straflos - abgesehen vom vielleicht durch die entsetzten Eltern verh√§ngten Hausarrest - so viel und so lange Sex haben, wie sie wollen - bis einer von beiden 14 Jahre alt wird!

Nehmen wir also an, dass bei einem fast gleichaltrigen 13-j√§hrigen P√§rchen der eine von beiden einen Tag nach seiner ebenfalls 13-j√§hrigen Freundin Geburtstag hat: W√ľrde nun die Freundin an ihrem 14ten Geburtstag als frisch gebackene Jugendliche ein kleines Sch√§ferst√ľndchen mit ihrem nur einen Tag j√ľngeren Freund haben, w√ľrde sie sich des sexuellen Missbrauch an ihm strafbar machen, mit einer Strafdrohung bis zu 15 Jahren Freiheitsstrafe (bei Jugendlichen wenigstens begrenzt auf 10 Jahre - als kleiner Trost).

Dabei spielt es f√ľr die Strafbarkeit √ľberhaupt keine Rolle, ob die beiden schon lange zusammen sind und von wem die Initiative ausging - selbst wenn ihr nur √§u√üerst unwesentlich j√ľngerer Freund das M√§dchen anl√§sslich ihres Geburtstag mit Kerzen und Rosen zum Kuschelsex verf√ľhrt hat, bleibt sie die T√§terin.

Alternativ k√∂nnte sie dagegen ganz legal mit dem 50-j√§hrigen Vater des Freundes schlafen - der sich ab ihrem 14ten Geburtstag ebenfalls nicht strafbar machen w√ľrde. So ist also das deutsche Gesetz: Schl√§ft die 14-j√§hrige mit ihrem 13 Jahre und 364 Tage alten Freund, ist sie eine Verbrecherin; w√ľrde dagegen der 50-j√§hrige Vater des Freundes mit der kraft Gesetz zwangsabstinenten 14-j√§hrigen schlafen, dann w√§re das laut deutschem Gesetz v√∂llig in Ordnung. Den Papa freut's.

Im Drang, Kinder m√∂glichst umfassend vor dem Einfluss P√§dophiler zu sch√ľtzen, hat der Gesetzgeber also schlicht vers√§umt, eine Ausnahmeklausel f√ľr jugendtypische Beziehungen einzuf√ľhren.

Ab 14 Jahren gelten Jugendliche als voll sexualm√ľndig

Zusammengefasst: Bis 14 Jahre werden Kinder in Hinblick auf ihre Sexualit√§t strafrechtlich extrem umfangreich auch vor nur unwesentlich √Ąlteren gesch√ľtzt; ab 14 Jahren gelten die Jugendlichen dagegen als voll sexualm√ľndig und sind damit, zumindest was ihren rechtlichen Schutz angeht, quasi Freiwild f√ľr auch 4-Mal so alte Sexualpartner.

Wobei: Nicht mehr gesch√ľtzt sind die Jugendlichen nur vor "echtem" Sex. Wehe aber, jemand erdreistet sich, einem 17-j√§hrigen einen Pornofilm zu zeigen! Dann macht sich der T√§ter sofort strafbar wegen "Verbreitung pornographischer Schriften" an Minderj√§hrige. Wenn also der 17-j√§hrige Johnny mit seinem gleichaltrigen Kumpel Peter nach der Schule ein paar Pornofilme austauscht, machen sich alle beide strafbar.

HuffPost-Tarif

Europa-Flat, Daten-Flat: Einer der g√ľnstigsten Handy-Tarife auf dem Markt

Mit der Spar-Aktion der Huffington Post in Zusammenarbeit mit Chip und Tarifhaus bucht ihr einen Smartphone-Tarif, der preislich kaum zu schlagen ist und eine Vielzahl an Vorteilen bietet.
‚ě® Mehr Infos findet ihr hier.


Insgesamt gilt im deutschen Strafrecht rund um das Thema junge Leute und Sex anscheinend die Regel: "Je weniger, desto strafbarer". So d√ľrfte n√§mlich die 18-j√§hrige Jenny mit ihrem 17 Jahre alten Freund Walter den h√§rtesten Sex haben, s√§mtliche Praktiken aus "50 Shades of Grey" rauf und runter exerzieren und das ganze sogar filmen - solange dies einvernehmlich geschieht. Wenn sie ihrem minderj√§hrigen Freund aber anschlie√üend die Videoaufnahmen dieser gemeinsamen sexuellen Handlungen vorf√ľhrt, dann macht sie sich strafbar.

Ebenso strafbar macht sich auch der 17-j√§hrige Walter, wenn er auf einer von den Eltern erlaubten Hausparty mit Schulfreunden seinem 15-j√§hrigen Freund Timmy sein Zimmer zur Verf√ľgung stellt, damit diese dort seine Freundin flachlegen kann!

Denn strafbar macht sich, wer sexuellen Handlungen einer Person unter sechzehn Jahren "durch Gewähren oder Verschaffen von Gelegenheit Vorschub leistet", und zwar mit Freiheitsstrafe von bis zu drei Jahren.

Zum Geschlechtsverkehr muss es dabei nicht einmal gekommen sein, denn unter Strafe gestellt ist dabei auch die Förderung sexueller Handlungen ohne Körperkontakt - was man auch immer darunter verstehen mag.

Da hätte der kleine Walter mal lieber selber bei Timmy's Freundin Hand angelegt, das wäre komplett erlaubt gewesen - und zwar auch mit sehr viel Körperkontakt.

Und mit wem darf man keinen Sex haben?

Auch daf√ľr gibt es einen Paragrafen. Wer n√§mlich mit einem leiblichen Abk√∂mmling, also seinen Kindern, Enkeln bzw. Urenkeln den Beischlaf vollzieht, wird mit bis zu drei Jahren Freiheits- oder mit Geldstrafe bestraft. Etwas weniger hart, n√§mlich ‚Äěnur" mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder Geldstrafe trifft es denjenigen, der mit einem leiblichen Verwandten aufsteigender direkter Linie, also Eltern, Gro√üeltern Urgro√üeltern oder mit leiblichen Geschwistern den Beischlaf vollzieht.

Jetzt werden vermutlich auch die meisten Leser sagen: Richtig so! Nur sei an dieser Stelle die Frage erlaubt, warum eigentlich? Was ist denn genau der Grund daf√ľr, dass Inzest strafbar sein soll - wobei ich Ihnen gleich vorweg sagen kann, jeder Inzest ist nach dem deutschen Recht ja gerade nicht strafbar!

Denn der Gesetzgeber spricht ausschließlich von Beischlaf: Unter den Begriff des Beischlafs fällt aber nur der Geschlechtsverkehr im engeren Sinne, also die Vereinigung der Geschlechtsteile von Mann und Frau. Der Beischlaf muss so vollzogen werden, dass das männliche Glied in die Scheide eindringt.

Blo√üe beischlaf√§hnliche oder sonstige sexuelle Handlungen, unterfallen dem Gesetz erst gar nicht, auch dann nicht, wenn sie mit der Penetration eines der Geschlechtspartner verbunden sind. Dies gilt insbesondere auch f√ľr homosexuelle Handlungen.

Daher ist der Inzestparagraf nur dann anwendbar, wenn eine Frau mit einem Mann kopuliert. Im Umkehrschluss können also Vater mit Sohn, Mutter mit Tochter, Bruder und Bruder, Schwester und Schwester Geschlechtsverkehr und in allen anderen Konstellationen den härtesten Sex haben, solange kein Penis in eine Vagina eindringt.

Grund f√ľr das Gesetz kann also eigentlich nur noch sein, dass man das Zeugen genetisch defekter Kinder vermeiden will. Allerdings ist die Gefahr genetischer Sch√§den bei Inzestabk√∂mmlingen wissenschaftlich nicht nur keineswegs gesichert, vielmehr gibt es wissenschaftliche Erkenntnisse, die besagen, dass es in einem solchen Fall - jedenfalls bei genetisch Gesunden - sogar zu besserem Erbgut und damit genetisch verbesserten Abk√∂mmlingen kommen w√ľrde.

Des Weiteren kann einer solchen ‚ÄěGefahr", sollte sie denn bestehen, heutzutage durch Kontrazeptiva wirksam vorgebeugt werden, wobei es ja dem Gesetzeswortlaut nach gar nicht auf die Zeugung von Nachwuchs ankommt.

Im √úbrigen m√ľsste dann aber ganz grunds√§tzlich Personen, die aufgrund genetischer Disposition in Gefahr stehen, Behinderungen auf ihre Nachkommen zu √ľbertragen, sprich Menschen mit Behinderung, die Zeugung von Nachwuchs untersagt werden, was in aller Konsequenz die Existenz genetischbedingt behinderter Menschen in Frage stellen w√ľrde und (v√∂llig zu Recht) mit dem Menschenbild des Grundgesetzes schlechterdings unvereinbar w√§re.

Also daher nochmal meine Frage: Warum ist Inzest verboten? Antwort: Es gibt keine Antwort. Die Gefahr von Gendefekten scheidet nach dem oben Gesagten apodiktisch aus. Und warum h√§rtester Sex zwischen M√§nnlein und Weiblein erlaubt sein soll, solange sie keinen vaginalen Geschlechtsverkehr haben und gleichzeitig homoerotischer Sex ebenfalls v√∂llig legitim sein soll, mag auch keine moralischen Aspekte als Grund f√ľr das deutsche Inzestverbot begr√ľnden.

Und wer jetzt mit dem Schutz der Familie ankommt, die von inzestu√∂sen Sexualbeziehungen in erheblichem Ma√üe beeintr√§chtigt, wenn nicht sogar zerst√∂rt w√ľrde, dem wird man schlechterdings entgegenhalten, warum dann der Inzest auch au√üerhalb intakter Familien verboten ist, z.B. der Beischlaf zwischen verwitwetem Vater und alleinlebender, erwachsener Tochter, was aber wiederum nach dem Gesetz f√ľr beide Seiten strafbar w√§re. Obwohl in dieser Konstellation beiderseits weder eine Ehe noch eine Familie beeintr√§chtigt werden k√∂nnte.

Ach ja und das Familienleben d√ľrfte doch auch schwer belastet sein, wenn es zwischen einem Ehepartner und einem Kind des anderen Partners zum Beischlaf kommt (‚ÄěPatchwork-Familie"), was aber mangels Verwandtschaftsgrad nach deutschem Recht eben nicht strafbar w√§re.

Lesenswert:

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform f√ľr alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.