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Roboterjournalismus im Jahre 2020 - Acht Thesen

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Ob ein Text per Bleiletter, Digitaldruck oder Computer auf dem Papier, einem Online-Portal oder in der App veröffentlicht wird, spielt fĂŒr den Inhalt kaum eine Rolle. Die neuen Medien haben zwar den Medienkonsum der Menschen nachhaltig verĂ€ndert. Aber nun verĂ€ndert die Technologie zunehmend die Erstellung der Inhalte.

Bereits heute werden immer mehr Online-Seiten automatisch produziert. So gestaltet bei manchen Regionalmedien die Redaktion nur noch die Startseite, wÀhrend die Inhalte der einzelnen Rubriken wie Sport oder Wirtschaft automatisiert von Nachrichtenagenturen oder dem eigenen Printmedium eingespielt werden. Der Redakteur nimmt nur noch vereinzelte manuelle Anpassungen vor.
Doch in der Zukunft wird der Arbeitsalltag in Redaktionen von einem noch grĂ¶ĂŸeren FĂ€cher an Computerprogrammen geprĂ€gt sein. Software wird Daten auswerten, Informationen selbstĂ€ndig einordnen, Themen zusammenstellen und sogar Texte schreiben - datenbasiert.

Welchen Einfluss wird dieser „Roboterjournalismus" auf die Presse nehmen, welche Entwicklungen erwarten Verleger, Journalisten und Leser bis zum Jahr 2020? Der Computerlinguist Alexander Siebert, als GrĂŒnder von Retresco spezialisiert auf die Automatisierung digitaler Medien, beobachtet die Entwicklung der Medienbranche genau. Er hat folgende Thesen ĂŒber den Roboterjournalismus der Zukunft aufgestellt.

#1 Schon 2020 kann man nicht mehr unterscheiden, ob ein Text von einem Computer generiert oder von einem Menschen geschrieben wurde.
Heute macht man sich noch gerne lustig ĂŒber einzelne weniger gelungene computergestĂŒtzt generierte SĂ€tze. Aber die „Intelligenz" der Maschinen steigt stetig weiter an. Semantische Verfahren zur Erfassung vorhandener Texte, ihrer Strukturierung und schließlich sogar zur Textgenerierung werden immer leistungsfĂ€higer und bilden unsere Sprache fortwĂ€hrend genauer ab.

#2 In 2020 wird Datenjournalismus das Ressort von Computern sein.
DatengestĂŒtzte Texte wie Spielberichte, Börsenmeldungen oder Bilanzanalysen eignen sich sehr gut fĂŒr die Automatisierung, da sich ErzĂ€hlstrĂ€nge und ZusammenhĂ€nge wiederholen. Die Maschinen nutzen die derzeit im Aufbau befindlichen riesigen Datenmengen, „Big Data", um SchlĂŒsse abzuleiten und passende Texte zu generieren. Auch bisher unbeachtete Daten bekommen nun Aufmerksamkeit. So machen die Maschinen lesbar, was sonst kaum wahrgenommen wĂŒrde.

#3 Der Computer stellt in 2020 Artikel stÀndig neu zusammen, um sie der Leserneigung anzupassen.
Die Maschinen werden Informationen automatisch je nach Situation des Lesers portionieren und dieselben Inhalte selbstĂ€ndig vom knappen ExposĂ© bis zum multimedialen Hintergrundartikel neu aufbereiten. Heute ist es beispielsweise noch eine besondere Herausforderung fĂŒr Regionalzeitungen im Ruhrgebiet, das Interesse von Schalke- wie Dortmund-Fans zu treffen. In 2020 kann man die TonalitĂ€t eines Beitrags automatisch anpassen, so dass Fußballberichte fĂŒr beide Fanlager entsprechend generiert werden.

#4 Im Jahr 2020 wird beliebig viel generierter Unique Content bereitgestellt.
Sobald jede Regionalzeitung computergenerierte Spielberichte anzeigt, werden wir in einer Informationsflut ertrinken. Wenn Computer beliebig viele einzigartige Texte zu einem Datensatz generieren können, kann im Prinzip jeder zum Inhaltsanbieter werden, der ĂŒber entsprechende Daten und Software verfĂŒgt. So wird der Wettbewerb grĂ¶ĂŸer, wĂ€hrend aber die Menschen nicht mehr Zeit haben werden, Inhalte zu konsumieren. Und auch fĂŒr Suchmaschinen wird es zunehmend schwieriger, die relevanten Hintergrundartikel zu finden. Mit dieser Entwicklung muss sich die Gesellschaft auf allen Ebenen kritisch auseinandersetzen.

#5 Fakten vom Computer - Meinungen vom Menschen
Die elementaren journalistischen FÀhigkeiten der Einordnung, Formulierung und PrÀsentation wird die Maschine auch 2020 nicht ersetzen können.
Sarkasmus, Ironie, Sprachspiele - alle diese besonderen Feinheiten und BrĂŒche in der Sprache kann die Maschine weder erkennen, noch produzieren. Dies bleibt auf absehbare Zeit Menschen vorbehalten. Daher kommen zwar datengetriebene Artikel vom Computer, der Meinungsartikel aber wird weiterhin vom Menschen gemacht.

#6 Intelligente Maschinen schaffen 2020 Freiraum fĂŒr QualitĂ€tsjournalismus.
Trotz aller berechtigten Sorge und gesundem Argwohn der Journalisten und Leser: Um in einer immer stĂ€rker rationalisierten Zukunft erfolgreich zu bestehen, mĂŒssen Journalisten lernen, mit den Maschinen zu arbeiten und sie gezielt fĂŒr ihre Zwecke einzusetzen. Dann schafft Automatisierung Freiraum fĂŒr QualitĂ€tsjournalismus.

#7 Der gesamte Journalismus wird datengetrieben.
Sind Kennzahlen bereits heute auch in Redaktionen wichtig, werden sie 2020 eine elementare Rolle bei der Auswahl und Distribution von Inhalten spielen. Die ÜberprĂŒfung und Optimierung erfolgt automatisiert im Hintergrund anhand von Fragen wie: Wer liest was und wann? Welche personenbezogenen Interessen bestehen? Welche Inhalte funktionieren fĂŒr Vermarktung in welcher Situation am besten? Wann, wo und warum schließen Nutzer Abos ab? Dazu erfolgt ein Tracking des Leseverhaltens ĂŒber alle KanĂ€le hinweg, durch das sich Interessen noch besser erkennen und verwerten lassen.

#8 Medien-Portale stellen ihren Lesern bis 2020 Inhalte zum ĂŒberwiegenden Teil automatisiert und individualisiert zur VerfĂŒgung.
Personalisierung von Inhalten heißt, dass man individualisierte Angebote und damit bessere Vermarktungsumfelder und -möglichkeiten schafft. Das geht ĂŒber alle KanĂ€le hinweg nur mit der Maschine: AbhĂ€ngig davon, wie intelligent, treffend und hochwertig die maschinengeschriebenen Texte sind, wird sich die Zahl der eigenen Nutzer entwickeln. Die zu Grunde liegende Semantik und Automatisierung werden daher zu unternehmenskritischen Wettbewerbsfaktoren schlechthin.

Fazit
FĂŒr Medienunternehmen und Portalbetreiber bergen diese Entwicklungen die große Chance, trotz starkem Rationalisierungsdruck aufgrund sinkender Auflagen hochwertige Medien zu erstellen. Aber auch das Risiko, in Beliebigkeit zu versinken, wenn das Vertrauen der Leser in „ihre" Journalisten abnimmt. Mit dieser Entwicklung mĂŒssen sich sĂ€mtliche Medienmacher und Mediennutzer auf allen Ebenen kritisch auseinandersetzen.

Nicht entstehen darf eine „Filter Bubble". Gemeint ist hiermit, dem Leser durch jedwede - auch noch so gut gemeinte - Vorauswahl nur noch News anzubieten, die seinen ermittelten Interessen, seiner Nutzungssituation, dem genutzten Medium oder Ă€hnlichem entsprechen. Dadurch könnten sich Informationen fĂŒr den einzelnen Leser sehr stark verengen, was dem journalistischen und demokratischen Prinzip der freien Meinungsbildung widerspricht