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Schau auf Deine Stärken - Vergiss das Problem!

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COACHING
Robert Nicholas via Getty Images
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Eine kritische Würdigung des lösungsorientieren Ansatzes von Steve de Shazer

Hinter dem lösungsorientierten Ansatz steht der Appell nach mehr Eigenständigkeit und das Vertrauen darauf, seine Lösungen selber zu finden.

Die Idee, nicht das Problem, sondern gleich die Lösung zum Gegenstand von Therapie- oder Coaching-Sitzungen zu machen, hat das Denken einer ganzen Generation von professionellen Helfern verändert.

Um eine Lösung für das Problem des Klienten zu finden, identifizierte Steve de Shazer, der Vater des "lösungsorientierten Beratungsansatzes", gemeinsam mit dem Klienten zunächst die Bereiche des Lebens, die nicht davon betroffen sind und deshalb nicht verändert werden dürfen. Die Aufmerksamkeit darauf zu lenken, was nicht das Problem ist, schafft ein Gegengewicht zur Problemklage und wird damit die Entwicklung hin zu einer ausgewogeneren Balance des Systems unterstützen.

Zweck dieser Interventionstechnik ist die Fokussierung auf das, was funktioniert beziehungsweise was funktionieren könnte. Und genau darum geht es in der lösungsorientierten Beratung - um die systematische Identifikation von vorhandenen Ressourcen. Das Prinzip der radikalen Ressourcenorientierung stellt sozusagen das Credo der lösungsorientierten Beratung dar.

Damit grenzt sich die lösungsorientierte Beratung von all jenen Beratungskonzepten ab, die in ihrer Vorgehensweise eine tiefgreifende Problemanalyse als Voraussetzung dafür ansehen, dass sozusagen ein exakt passender Schlüssel für die Problemlösung gefunden werden kann. Lösungen konstruieren statt Probleme analysieren! Auf dieses Motto haben sich die lösungsorientierten Berater eingeschworen.

Die "Lösungs-Werkzeuge" in der Beratungspraxis

Es sind hauptsächlich drei Interventions-Werkzeuge, mit denen der Blick eines Klienten in die Zukunft gerichtet wird und die dazu dienen, Lösungen zu schaffen.

1. Lösungsorientierte Fragen

Steve de Shazer sorgte durch seine Art zu fragen dafür, dass die Menschen sich auf Lösungsvisionen fokussierten. Folgende Fragearten sind in seinem Modell besonders wichtig:

"Ausnahme-Fragen". Oft nehmen Probleme eine so dominante Stellung im Bewusstsein eine Ratsuchenden ein, dass er quasi nur noch das Problem sieht und sonst nichts. Aber: Kein Problem ohne Ausnahme! Ausnahmen sind unbewusst funktionierende Lösungen! Sie gilt es mit entsprechenden Fragen bewusst zu machen.

Es lohnt sich also zu fragen: "Wahrscheinlich wird es bei Ihnen Tage geben, an denen dieses Problem Sie sozusagen voll in Besitz nimmt und es Ihnen besonders schwer macht. Und dann wahrscheinlich auch Tage, an denen es weniger Einfluss hat. Gab es in den letzten Wochen irgendwann Zeiten, in denen Sie das Problem schon einmal weniger schlimm erlebt haben?"

Hypothetische Fragen. Wenn der Klient über keine Ausnahmen zu berichten weiss, kann der Berater die Flucht nach vorne antreten und hypothetisieren.

"Angenommen, unser Gespräch würde Ihnen tatsächlich weiterhelfen, was wäre die erste kleine Veränderung in Ihrem Leben, an der man das erkennen könnte?" Solche hypothetische Fragen, die mit dem Zauberwort "angenommen" oder "stellen Sie sich einmal vor" beginnen, machen dem Klienten Mut, die im Augenblick problembelastete Realität gedanklich zu verlassen.

Ressourcen-Fragen. Wann immer eine Ausnahme sich zeigt, heisst es genau nachzuhaken: Was tut der Klient dann, was er sonst nicht tut? Was sieht er dann, wofür er sonst blind ist? Was denkt er dann, worauf er sonst nicht kommt? Was fühlt er dann, was ihn sonst unberührt lässt? Was plant er dann, wo er sonst ohne Visionen ist? Es geht hier um die berühmten "Unterschiede, die einen Unterschied machen".

All die Ausnahmen repräsentieren Begabungen, Kenntnisse, Fertigkeiten und Fähigkeiten, die alle für eine Lösung genutzt werden können.

2) Komplimente für den Klienten

Komplimente des Therapeuten an den Klienten dienen dazu, ihm seine Ressourcen ins Bewusstsein zu bringen und sie zu verstärken. Häufig werden Komplimente explizit formuliert: "Es ist beeindruckend, wie Sie in diesem Meer von Schwierigkeiten doch immer wieder Inseln finden, wo Sie dann Kraft und Energie aufnehmen können. Und damit schaffen Sie es, Ihre Entscheidung für ein Durchhalten so erfolgreich umzusetzen!" Mindestens genauso wichtig sind jedoch implizite Komplimente, mit denen eher beiläufig einem problematischen Sachverhalt eine ressourcenorientierte Bedeutung verliehen wird. Aus dem "Ich bin ängstlich" des Klienten macht der Therapeut "Sie sind vorsichtig, gewissenhaft, weitsichtig...". Ausserdem soll sich der "gelobte" Klient wertgeschätzt erleben und diese Erfahrung als zusätzliche Ressource abspeichern.

3) Hausaufgaben

Natürlich soll der Klient lernen, im täglichen Leben, lösungsorientiert zu denken und zu handeln. Unter dieser Zielsetzung werden mit dem Klienten Hausaufgaben vereinbart.

Die eigentliche Veränderung vollzieht sich nicht im Beratungszimmer, sondern in der Lebenswelt des Klienten. Es gibt zum Beispiel Beobachtungsaufträge nach dem Motto: Beobachte, was funktioniert und wo vielleicht ein "Mehr desselben" die Lösung bringt.

Ein anderer Aufgabentyp verlangt vom Klienten Vorhersagen bezüglich seines eigenen Verhaltens.

Therapeut: "So wie am Ende der Tagesschau immer eine Wetterprognose für den nächsten Tag gesendet wird, sollten Sie jeden Abend eine Vorhersage für den nächsten Tag treffen - und zwar ob eine Ausnahme vom Problem eintreten wird oder nicht, ob es ein Problemtag oder ein Lösungstag sein wird. Und versuchen Sie dabei herauszufinden, wodurch Ihre Prognosen für das Eintreten eines Lösungstages immer zutreffender werden."

Der Wirkmechanismus besteht einerseits darin, dass Ausnahmen als sich wiederholende Realität suggeriert werden, und andererseits, dass der Klient in seiner Wahrnehmung sensibilisiert wird.

Ein dritter Aufgabentyp zielt darauf ab, den Klienten mit "So-tun-als-ob-Aufgaben" zum Handeln zu animieren. Therapeut: "Ich möchte Ihnen ein Experiment vorschlagen, das mir helfen soll, das Ganze noch besser zu verstehen: Wählen Sie in der nächsten Woche durch Münzenwurf zwei Tage aus.

An diesen Tagen tun Sie ein klein wenig so, als ob die Lösung von der wir gesprochen haben, schon eingetreten sei. Beobachten Sie genau, wie die anderen darauf reagieren." Mit einer so formulierten Einladung erhält der Klient die Möglichkeit etwas zu ändern, ohne quasi ändern zu müssen, denn er tut ja nur "als ob".

Steve de Shazer vertraute strickt darauf, dass jeder Klient letztlich selber weiss, was für ihn gut ist. Wenn er etwas will, was nicht gut für ihn ist, soll der Therapeut ihn so lange nach den Konsequenzen seiner Handlungsvorschläge fragen, bis er von sich aus von "nicht lebensbejahenden" Wünschen oder Aktionen Abstand nimmt.

Der Therapeut unterstützt die Suchprozesse des Klienten mit Fragen. Die wichtigste und gleichzeitig am schwierigsten zu stellende Frage ist die sogenannte "Wunderfrage". Durch eine quasi "hypnotische Induktion" wird der Klient in seine Zukunft versetzt, in der die Lösung bereits eingetreten ist.

So bekommt er einen Einblick in seine gewünschte Lebensform, was etwas ganz anderes ist, als nur ein punktuelles Ziel zu haben. Eine "Wunderfrage" kann folgendermassen formuliert sein:

"Ich stelle Ihnen jetzt eine vielleicht etwas merkwürdige und auch schwierige Frage. Es braucht etwas Phantasie, sie zu beantworten. (Pause) Wenn Sie nach dieser Sitzung nach Hause gehen (Pause) und anschliessend noch mit Ihrer Familie sprechen, zu Abend essen und eventuell noch etwas unternehmen, (Pause) und irgendwann werden Sie müde und legen sich schlafen, (Pause) und irgendwann (Pause) schlafen Sie ein, und (Pause) angenommen, (Pause) in dieser Nacht (Pause) geschähe ein Wunder, (Pause) und das Wunder bestünde darin, (Pause) dass alle Probleme, die Sie heute hierher geführt haben, (Pause) gelöst sind (Pause), auf einen Schlag, (Pause) einfach so, (Pause) und das wäre ja wirklich ein Wunder, nicht wahr? (Pause) Und wenn Sie nun morgen früh aufwachen, (Pause) und niemand sagt Ihnen, dass dieses Wunder geschehen ist, (Pause) woran könnten Sie dann erkennen, dass dieses Wunder eingetreten ist?"

Die Pausen sind wichtig, da ohne sie der Suchprozess des Klienten nicht richtig angeregt wird. Die ersten Bilder vom Wunder werden durch weitere Fragen konkretisiert.

Auch hierbei gilt: Fragen verleiht Flügel. Die weiteren Sitzungen im Rahmen des lösungsorientierten Ansatzes (im Durchschnitt waren es bei Steve de Shazer 4,6 Treffen) dienen dazu, Veränderungsschritte einzuleiten. Wenn ein Klient Schwierigkeiten mit dem Wort "Wunder" hat, so kann man es durch "etwas Überraschendes" oder "etwas Erfreuliches" ersetzen.

Die Grenzen des lösungsorientierten Ansatzes

Es versteht sich von selbst, dass jemand, der nur neue Informationen braucht, um ein Problem zu lösen oder erst eine neue Fähigkeit erlernen muss, keinen Nutzen aus de Shazers Ansatz ziehen kann. Auch kann es u.U. sinnvoll sein, zuerst eine ausführliche Problemanalyse durchzuführen, bevor man eine Lösung ansteuert.

Oft werden die Probleme nämlich von den Klienten als identitätsstiftend angesehen, da die Identität eines Menschen sich eben auch über seine Vergangenheit definiert. Eine forsche Lösungsorientierung hinterlässt dann oft das unangenehme Gefühl, in der Vergangenheit nur Mist gebaut zu haben.

Damit lösungsorientiertes Vorgehen gelingen kann, müssen die bisherigen Lösungsversuche wertgeschätzt und als Kompetenz definiert werden. Ein ganzheitlich-lösungsorientierter Ansatz ist hier gefragt.

Eine weitere kritische Anmerkung zum lösungsorientierten Ansatz bezieht sich auf das Vertrauen, dass die Klienten von sich aus die für sie passenden Ziele und Lösungen finden. Man muss aber berücksichtigen, dass sich Menschen oft täuschen in dem, was für sie gut ist. So wollen Manager oft mehr arbeiten können, ohne den entsprechenden (gesundheitlichen) Preis dafür zahlen zu müssen.

Die "Lösung" besteht dann in der Minimierung der Folgekosten - und damit ist niemandem geholfen. In der ganzen lösungsorientierten Literatur gibt es so gut wie keine Hinweise, wie mit "unreifen" Zielen oder "Wundern" umzugehen ist.

Wenn ein Mensch den Wunsch "hin zu etwas" verspürt, meldet sich oft automatisch eine innere Stimme, die Zweifel anmeldet, ob der Erfolg einem überhaupt zusteht. Diese Selbstzweifel kommen zeitversetzt - oft erst nachdem die lösungsorientierten Therapeuten ihre Arbeit für beendet erklärt haben.

Die Notwendigkeit , mit den Emotionen eine Menschen zu arbeiten, bekommen sie so gar nicht mit. Klienten welche im Gefolge von inneren Konflikten Visionen noch nicht entwickeln können, werden zumindest von den Standardangeboten des Lösungsorientierten Ansatzes eher enttäuscht sein.

Dies hat mit der fehlenden Perspektive auf die Emotionen zu tun, denn de Shazer beschäftigte sich eher mit der behavioristischen Dimension des menschlichen Handelns. Es wird ausgeschlossen, dass es psychische Dynamiken gebe, die Klienten daran hinderten, Lösungen zu finden.

Stattdessen wird den Therapeuten gesagt, dass es an ihrer unzureichenden Fragetechnik liegt, wenn kein Wunder auftaucht. Zudem lässt sich gelegentlich eine Ratlosigkeit bei den Therapeuten beobachten angesichts vager, nicht fassbarer Ergebnisse im Gefolge der "Wunderfrage".

Als Fazit kann festgehalten werden, das der lösungsorientierte Ansatz sehr anspruchsvoll ist und sehr viel Praxis braucht, um beherrscht zu werden. Allen Kritik ist eines gemeinsam: Sie sind voll des Lobes für eine wesentliche Neuerung, die Steve des Shazer in die Therapie und das Coaching eingebracht hat.

Er hat gezeigt, wie man die Ressourcen eines Menschen gezielt freilegen und für ihn nutzbar machen kann. Ressourcenaktivierung ist heute ein wichtiges Element in jeder professionellen Coaching-Sitzung - ganz gleich, aus welcher theoretischen Schule der Coach kommen mag.

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