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Das Feuer der Leidenschaft neu entfachen

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KISS
fotografixx via Getty Images
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Am schlimmsten sind diese Liebespaare, die ganz jungen vor allem. Zwei Menschen, die sich abküssen, als wollten sie einander auffressen. Die tuschelnd aneinander hängend versuchen, jeden Quadratzentimeter Haut und Seele des anderen in Besitz zu nehmen, sich zu vermengen, zu durchdringen, unauflösbar.

Warum macht der Anblick sie auf einmal traurig? Und auch neidisch? Warum überzieht sie Melancholie, wenn sie Liebesromane liest oder Filme sieht, in denen eine Frau und ein Mann einander verfallen in wilder Begierde, haltlos und besinnungslos? Sie ist doch nicht alleine, sie hat ihn längst gefunden, den Mann ihres Lebens.

Viele beneiden sie um ihn und um diese Partnerschaft, die verschont wurde von Katastrophen und Verletzungen. Sie sind ein eingespieltes Doppel, in dem einer den anderen achtet, ihm die True wahrt und bedingungslos Vertrauen schenkt. Ohne dass sie darüber reden, ist beiden klar, dass sie gemeinsam alt werden wollen. Aber sieht sie ihn an, hört sie ihn nach Hause kommen, geschieht in ihr nichts.

Diese jähe, heisse Aufwallung, die früher in ihr hochschwappte, wenn sie ihn - zurückgekehrt von einer Reise oder unerwartet auf der Strasse - sah, gibt es nicht mehr. Stattdessen macht sich da eine gleichmässige Wärme in ihr breit, wohltuend, aber so wenig erregend wie ein normal beheiztes Zimmer.

Nein, das Sexleben stimmt noch, sie bekommen es zuverlässig hin, dass sie einander einen Höhepunkt bescheren. Doch mit jener Begehrlichkeit, die sie früher packte, hat das wenig zu tun. Sie treiben es nicht atemlos miteinander, sie betreiben das nur wie routiniertes Liebeshandwerk.

Was heisst da "nur"?, pfeift sie sich zurück. Andere wären dankbar, wenn sie das nach zehn, fünfzehn Jahren zu zweit noch behaupten könnten. Deswegen rafft sie sich auch nicht auf, zum Psychotherapeuten zu gehen.

Sie käme sich dort lächerlich, undankbar, überdreht vor, wie jemand, der sein Kopfweh dramatisiert, als sei gerade ein Gehirntumor festgestellt worden. Ausserdem: Die Diagnose, woran es in ihrem Zusammenleben fehlt, fällt ihr selbst nicht schwer - und ihm vermutlich ebenso wenig: Das was sich Leidenschaft nennt, ist verschwunden. Ganz leise, so wie wenn der Wind sich dreht.

Keiner könnte einen konkreten Zeitpunkt dafür nennen, wann es passierte. Sicher ist nur eines: Beide brennen sie nicht mehr. Nicht die Liebe ist erloschen, sondern das Feuer. Diese Erkenntnis ist nicht etwa wie ein Schock über sie gekommen, sie hat sich unmerklich eingeschlichen und irgendwann nicht mehr unterdrücken lassen.

Wenn sie sich ansehen, bei Tisch, beim Zubettgehen, irgendwo bei Freunden, und der Blick auf einmal länger wird, dann sehen sie beide in den Augen des anderen die Frage stehen: "Was machen wir? Wie machen wir weiter?"

Und jeder liest die Traurigkeit, die Ratlosigkeit im Gesicht des Menschen, ohne den er nicht leben will. Im Freundes- und Bekanntenkreis gibt es ausreichend Paare, die sich getrennt haben, weil er eine andere hatte oder sie einen Seitensprung zugab. Und die sich gerne mit dem Begriff des Lebensabschnittspartners verteidigen.

Sie beide aber haben immer nur gelästert über dieses Unwort und die Feigheit, die sich dahinter verbirgt. Haben geschimpft über die Angst, sich miteinander auseinander zu setzen und eine Partnerschaft nur als Wegwerfprodukt zu behandeln. Doch mit dem, was sie nun erfahren, können sie nicht umgehen.

Die als Wundermittel beschworenen äusseren Veränderungen brächten nichts, denn er findet sie nach wie vor attraktiv und sie ihn. Ausserdem haben sie sich immer lustig gemacht über jene Kluge-Hausfrau-Tipps, zum neuen Lippenstift schwarze Dessous anzulegen, und gerne den Witz zitiert, in dem der heimkehrende Ehemann die solchermassen verkleidete Gattin erschrocken fragt: "Ist was mit Mutter?"

Ein Überraschungslifting bedeutet nur die Dessous-Aktion in aufwändigerer Version. Je länger sie aber über ihr Problem schweigen, desto mehr scheint es zu wachsen. Und in ihrem Kopf kreist die Zeile aus dem Biermann-Song: "Das kann doch nicht alles gewesen sein?" Nein, sie haben genug erlebt, aber gerade deshalb tun sie sich schwer, die Vorstellung zu ertragen, es gehe nun lauwarm weiter, angenehm, friedlich, aber erregungslos.

Schliesslich verband sie von Anfang an die Vision von der grossen Liebe des Lebens. Nur, wenn die bereits jetzt geschwisterlich wird? Der Nähe fehlt der Kitzel, dem Disput das Prickelnde, dem Blickwechsel das Funkelnde.

Wovon reden wir hier? Von einem Luxusproblem, das gar nicht verdient, debattiert zu werden? Oder von einem zutiefst menschlichen Erlebnis, in dem Sehnsucht nach Treue und die Sehnsucht nach dem seelischen Beben miteinander kollidieren? Verlangt jene Krise den Mut, radikal zu werden, oder schadete der ihr nur?

"Die Krise", hat Max Frisch gesagt, "ist ein durchaus produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen."

Das genau ist der Wegweiser aus jener Beziehungsenge. Produktiv wird die Situation schon dadurch, dass jeder sich fragen muss: Was entflammt mich eigentlich? Was lässt in mir die Leidenschaft lodern? Was war es damals, das mich für den anderen brennen liess? Und das war fast immer jene Gier namens Neugier, jene Sucht namens Sehnsucht, die Terra incognita des anderen zu erkunden.

Es schmeckt schal, das Gefühl, den anderen nun ganz und gar zu kennen. Seine Aversionen und Allergien, seine Vorlieben und seine Vergangenheiten, seine Wunden und seine Stärken. Berechenbarkeit ist niemals aphrodisierend. Nur: Die gern propagierten Methoden, sich für den anderen rar und damit wieder reizvoll zu machen, funktionieren fast nie. Das Patentrezept, getrennt auszugehen, bringt wenig, oft nur Eifersüchteleien und Sticheleien über Weiberklatsch und Männerbünde.

Auch getrennt Urlaub zu machen, im Freundeskreis immer wieder zu beobachten, entfremdet die Partner voneinander, es macht keinen spannender für den anderen. Denn Erlebnisse, die nicht geteilt werden, nur im Nachhinein mitgeteilt, erregen nicht mehr als eine Dia-Schau in der Volkshochschule. Verblüffend ist, dass die Worte, die in solch einer Beziehungskrise im Hirn umhergehen, bereits Lösungsvorschläge enthalten.

Leidenschaft, Passion werden vermisst. Und Passion bedeutet immer zugleich auch Leiden. In der Literatur wird um 1900 oft eine Ägyptenreise zur inneren Erneuerung eines Paares beschworen, eine Exkursion, die damals bereits von den Beteiligten sehr viel forderte und zugleich die eigene Existenz relativierte.

Denn angesichts von Pyramiden und jahrtausendealter, ewiggültiger Schönheit erscheint das Ego wenig wichtig und die eigene Endlichkeit wir bewusst. Doch das lähmt nicht, das belebt. Die Lust am Augenblick und am grossen Gefühl, das grösser ist als man selbst, erwacht.

Wenngleich sich aus Gründen des Selbstschutzes Ägypten derzeit weniger als ideales Ziel anbietet, gilt dasselbe Prinzip: Erneuernd wirkt eine Reise, bei der beide gemeinsam einiges durchzustehen, vielleicht sogar zu durchleiden haben. Wenn man nebeneinander das Staunen lernt vor der Übermacht der Zeit, in der unsere Existenz nur ein Wimpernschlag ist, weckt das ein Bedürfnis, einander heiss und glühend zu lieben, als wäre diese Nacht die letzte.

Ob man aufbricht ins Reich der Azteken oder der Inkas, in die Heimat der Inuit oder der Mongolen, ob es Gräberstädte oder Himmelsburgen sind, ob es das ewige Eis ist oder das Labyrinth der Wüste: Gemeinsam tief berührt zu schweigen bringt näher, als endlos zu reden.

Doch noch eine andere Vokabel, die man ohne nachzudenken verwendet, verrät ein Mittel gegen Müdigkeit in der Beziehung: Man redet davon, den anderen entflammen zu wollen. Das aber setzt voraus, dass man selbst für etwas brennt. Gewissenhaft das zu erledigen, was blosse Pflicht ist, hat leider meistens wenig damit zu tun, das ist wohltemperiert.

Doch fast jeder hat einen Tagtraum davon, was ihm heisse Wangen bescheren würde, was ihn nicht mehr losliesse. Sich mit Haut und Haar für etwas zu engagieren - das kann politisch, das kann sozial sein, aber auch intensiv kreativ. Was zählt, ist in diesem Fall die Begeisterungsfähigkeit.

Ob man nun Tango lernt oder Trommeln, sich bei Amnesty International einbringt, Unterricht in Gesang nimmt oder in Bildhauerei, sich um die Strassenkinder in unseren Städten kümmert, bei der Weinlese in Piemont mitarbeitet oder endlich einen Kochkurs bei einer der besternten Grössen macht.

Wenn man glühend vor Interesse das Neue für sich erobert, erlebt, dann hat man auf einmal in den Augen wieder jenes Leuchten von innen heraus, das den Menschen neben einem entzündet. Denn der Funke springt über.

Es gibt aber noch eine andere, sehr nahe liegende Möglichkeit, wieder heiss zu werden auf den vertrauten Menschen: ihn anzusehen, ihm zuzuhören, als sähe man ihn, als hörte man ihn das erste Mal. Und auf einmal zu bemerken, dass es da doch sehr vieles gibt, was man noch nicht weiss, nicht einmal erahnt. Was sind eigentlich seine Sehnsüchte, seine ganz grossen Wünsche, an deren Erfüllung er selbst nicht mehr glaubt?

Welche Talente, welche Gaben fühlt er in sich unerweckt schlummern? Hat es da in der Jugend, lange bevor man sich in ihn verliebt hat, Verwundungen, Enttäuschungen gegeben, die noch immer nicht geheilt sind? Hat er ein unerreichtes Idol, ein Fernziel, das er nicht eingestehen will, weil es zu vermessen erscheinen könnte? Hat er Fantasien, die er nicht auslebt, weil er befürchtet, missverstanden zu werden?

Nicht direkte, drängende, bedrängende Fragen machen heiss auf den gewohnten Menschen, sondern indirekte Erkundungen. Im Stil von: Wenn du einen Film drehen würdest - wovon handelte der? Stell dir vor, du wärst Archäologe - was möchtest du ausgraben? Gibt es ein Buch, das du gern selbst geschrieben hättest?

Bewunderst du irgendeinen Extremisten? Die Antworten werfen einen neuen, erregenden Blick auf ihn. Ihn still und aufmerksam dabei zu beobachten, wie er Aktfotos betrachtet, sich bewegt in einem neuen Anzug: wahrzunehmen, wie seine Stimme klingt, wenn ihn etwas ergriffen hat, wie er über Doppeldeutiges lacht, wann er eine feuchte Stirn bekommt, wann nasse Augen...

Langsam offenbart sich so ein unbekannter Partner, dunkler, tiefer, labyrinthischer, als jemals vermutet. Ein Mensch, der geheimnisvoll ist, weil er sich Geheimnisse bewahrt hat. Und die sollte man auch nie versuchen zu ergründen, nur erahnen.

Denn wir lieben immer nur das andere, das Fremde, das zur Eroberung reizt und doch niemals ganz erobert werden kann. Wer seinen Mann als Adler begehrt, darf ihn nicht aus biederen Motiven zum Suppenhühnchen reduzieren. Dass man keine Garantie auf ihn hat, kein Recht, keinen Anspruch - genau das macht ihn begehrenswert.

Wer sich bewusst wird, dass er den anderen jederzeit verlieren kann, spürt wieder, wie kostbar und erregend seine Gegenwart ist. Reizvoll bleibt der Partner, aufregend die Beziehung, wenn der andere frei ist. Wunderbar beruhigend frei.

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