BLOG

Aufbruch in ein Neues Nukleares Zeitalter? Modernisierungsprogramme der Neun Atomwaffenmächte

12/08/2015 15:02 CEST | Aktualisiert 12/08/2016 11:12 CEST

2015-08-10-1439219876-1862641-ColourPhotographofanUnderwaterExplosion.jpg

Ich weiß nicht, welche Waffen im nächsten Krieg zur Anwendung kommen, wohl aber, welche im übernächsten: Pfeil und Bogen. Albert Einstein

Vor 70 Jahren, am 6. und 9. August 1945 warfen amerikanische B-29 Langstreckenbomber die Atombomben "Little Boy" und "Fat Man" auf Hiroshima und Nagasaki ab. Über 200.000 Menschen kamen durch deren Explosion und Spätfolgen ums Leben.

Für die USA gab es mehrere Beweggründe um die neuen Waffen einzusetzen: das Ziel der schnellen und bedingungslosen Kapitulation Japans, die Eindämmung eigener Verluste, eine Demonstration des Abschreckungspotentials gegenüber der Sowjetunion und die Möglichkeit beide Bombentypen (Uran/Plutonium) auf deren Auswirkungen im "Feld" zu testen.

Jedoch gibt es bis heute keinen Konsens darüber, ob die Abwürfe tatsächlich ausschlaggebend für Japans Kapitulation am 15. August waren.

Fakt ist, dass nach den Abwürfen ein nukleares Zeitalter begann, in der die beiden neuen Großmächte, die USA und die Sowjetunion, durch eine Spirale der nuklearen Aufrüstung versuchten ein "Gleichgewicht des Schreckens" (Mutually Assured Destruction-MAD) herzustellen.

15.850 Kernwaffen weltweit

Auch nach dem Ende des Kalten Krieges haben Nuklearwaffen ihre sicherheitspolitische Rolle noch lange nicht eingebüßt. Mit den sich aktuell vermehrenden Krisen und kriegerischen Auseinandersetzungen in unserer multipolaren Welt nimmt auch die nukleare Bedrohung wieder zu.

Dem aktuellen Jahresbericht des Stockholmer Friedensforschungsinstituts (Sipri) zufolge sind seit Januar 2015 15.850 Nuklearwaffen im Besitz von neun Staaten (dabei besitzen die USA und Russland ca. 90% aller Sprengköpfe).

Etwa 1.800 befinden sich in ständiger Alarmbereitschaft. Zum Vergleich: In den Hochzeiten des Kalten Kriegs wurden die Arsenale auf mehr als 70.000 Kernwaffen geschätzt. 1991 gab es noch etwa 48.000 Kernwaffen weltweit, die bis 2010 (22.600) mehr als halbiert worden sind.

Krise des Nichtverbreitungsvertrags

Trotz der signifikant gesunkenen Zahl der Atomsprengköpfe in den letzten Jahrzehnten und der erfolgsversprechenden Vereinbarung über Irans Atomprogramm stagniert das internationale nukleare Abrüstung- und Kontrollregime.

So scheiterte im Mai 2015 die neunte Überprüfungskonferenz des 1968 geschlossenen Nichtverbreitungsvertrags (NVV) und führte zu keiner Verabschiedung eines Abschlussdokuments. Die zentralen Aufgaben des NVV setzen sich aus den sogenannten "drei Säulen" zusammen: nukleare Abrüstung, Stärkung der Nichtverbreitung und friedliche Nutzung der Kernenergie.

Obgleich auch in der Vergangenheit einige Konferenzen ergebnislos blieben, äußert sich aktuell ein zunehmender Unmut über den mangelnden Fortschritt bei den Nichtnuklearwaffenstaaten (NNWS), die unter der Regie Österreichs den offiziellen Kernwaffenstaaten (auch P-5 genannt) Bestrebungen zur Modernisierung und qualitativen Aufrüstung ihrer Arsenale vorwerfen.

Unterstützt wird die sogenannte "Humanitäre Initiative" Österreichs durch kritische NGOs, die als Gefahr der vermeintlichen Modernisierungsprogramme eine Senkung der Hemmschwelle für den Einsatz nuklearer Sprengköpfe sehen.

Die Entwicklung von "smarten" und kleineren Gefechtsköpfen und ihren nuklearen Trägersystemen begünstige eine neue Form des nuklearen Wettrüstens. Moderne Nuklearwaffen hätten wieder Einzug in nationale Verteidigungsstrategien gefunden und deren Einsatzauswirkungen würden von Regierungsvertretern deutlich verharmlost.

Die P-5 halten den Vorwürfen der NNWS ihre erzielten Erfolge entgegen: so hätten etwa die USA und Russland innerhalb der letzten zehn Jahre ein Drittel ihrer Bestände reduziert und sähen sich den Vereinbarungen und Zielen des NVV weiterhin zur Gänze verpflichtet.

Statt die Errungenschaften und die Kohärenz des Vertrags zu unterminieren, solle man gemeinsam Schritt für Schritt dem Ziel "Global Zero" entgegen streben. Die erhöhten Ausgaben für die nächsten Jahre seien auf die Sicherung maroder Bestände, der Schließung gefährlicher Sicherheitslücken und den Erhalt von Arbeitsplätzen zurückzuführen.

Zudem verlange die aktuelle Sicherheitslage, einen Mindestbestand nuklearer Waffen in Bereitschaft zu halten.

Weltweite Modernisierung der Arsenale

Entgegen der Beteuerungen auf Seiten der offiziellen Atommächte keine wirklich neuen Atomwaffen zu entwickeln, lässt sich ein eindeutiger Trend eines qualitativen Rüstungswettbewerbs ausmachen. Beispielsweise sollen die in Deutschland stationierten taktischen und luftgestützten B61-Atombomben der USA durch präzisere, lasergesteuerte B61-12 Modelle ersetzt werden.

Die modernisierte Bombe könnte den Unterschied zwischen taktischen (auf dem Gefechtsfeld) und strategischen (im Hinterland) Einsatzmöglichkeiten aufheben. Dabei steht auch die Frage im Raum, ob deutsche Tornados für das neue Modell umgerüstet werden müssen oder eine Nachrüstung für die neuen Eurofighters in Frage kommt (Deutschland hat eine "nukleare Teilhabe" und kann im Ernstfall seine Kampfflieger mit den Bomben bestücken).

Die technische Neu- und Weiterentwicklung der weltweiten Atomwaffenarsenale betrifft sowohl nukleare Sprengköpfe, als auch deren land-, luft- und seegestützte Trägersysteme, wie Interkontinental-, Mittel- und Kurzstreckenraketen, sowie Marschflugkörper, Bomber und U-Boote.

Dabei kristallisiert sich ein intensiver Wettstreit um die Entwicklung moderner Hyperschallraketen und unabhängig zielfähiger Mehrfachsprengköpfe (Multiple Independently Targetable Reentry Vehicle-MIRV) heraus. Zu den Modernisierungsprogrammen kommen Ausgaben für Nutzungsdauerverlängerungen (life extension programs) alter Bestände und Infrastrukturprojekte (Fabriken, Forschungslabore etc.) hinzu.

Der finanzielle Aufwand für die Modernisierung und Instandhaltung geht dabei in die Milliarden (in den USA wird für die nächsten dreißig Jahre sogar mit einer Billiarde US-Dollar gerechnet).

Die Dynamik des qualitativen Aufrüstens betrifft keineswegs nur die offiziellen Kernwaffenstaaten, auch die restlichen vier Atomwaffenmächte (Israel, Indien, Pakistan und Nordkorea) halten an ihren Arsenalen fest und modernisieren diese.

Die Investitionen der Atomwaffenstaaten werden durch verschiedene Bedrohungen in unterschiedlicher Intensivität geprägt, wie etwa durch die Ukraine-Krise, das Wettstreben um die Vormachtstellung im Nahen und Mittleren Osten oder durch die neue Rolle Chinas und den indisch-pakistanischen Konfliktes im asiatischen Raum.

Machtpolitische Kalküle

Die Stärkung des eigenen Atomwaffenarsenals dient dabei unterschiedlichen Strategien, wie etwa einer Veränderung der jeweiligen Mächtekonstellation oder der Bewahrung des Status-quo. Mittel zur Erreichung dieser Ziele sind z.B. rhetorische Abschreckung, der Ausbau der sogenannten Zweitschlagkapazität, die Simulation von Nuklearschlägen oder die Entwicklung taktischer Nuklearwaffen.

Nukleare Risiken in Südasien

Letztendlich führen die Modernisierungs- und Instandhaltungsprogramme nicht zwangsläufig zu einer Erhöhung der Kernwaffenarsenale, da veraltete Systeme ersetzt werden. Sie sichern jedoch deren Weiterbestehen für die nächsten Jahrzehnte.

Zudem ist anzumerken, dass quantitative Abrüstung zum Etikettenschwindel werden kann, da Kapazitäten mit moderneren, vielseitigeren Bombern und anderer Trägermittel erhalten bleiben. Durch eine Zunahme regionaler Konflikte besteht ferner das Risiko einer verstärkten Integration der Rolle nuklearer Waffen in nationale Militärstrategien.

Als besorgniserregend ist in dieser Hinsicht insbesondere die Rüstungsdynamik Südasiens mit seinem "nuklearen Dreieck" (China, Indien Pakistan) zu betrachten. Dort ist keine Sicherheitsarchitektur etabliert, wie es sie zu Zeiten der Blockkonfrontation zwischen der Sowjetunion und den USA gab.

Im Gegensatz zum weltweiten Trend ist hier ein eindeutiger Zuwachs an Nuklearwaffen zu verzeichnen.

Mittelfristig kein "Global Zero"

70 Jahre nach den Atombombenabwürfen in Japan finden außer in Nordkorea keine Tests mehr statt (wobei an dreidimensionalen Computer-Simulationen für Tests gearbeitet wird), es wurden keine Kernwaffe mehr eingesetzt und es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von Rüstungskontrollverträgen.

Allerdings machen Modernisierungs- und Instandhaltungsprogramme eine komplette Aufgabe der Waffen in den nächsten Jahrzehnten so gut wie unmöglich. Für viele Staaten bleibt das Prinzip der nuklearen Abschreckung und der mögliche machtpolitische Gewinn durch den Besitz einer Bombe weiterhin attraktiv.

Lesen Sie auch:

Sie haben auch ein spannendes Thema?

Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn Sie die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollen, schicken Sie Ihre Idee an unser Blogteam unter

blog@huffingtonpost.de.

Sie warf ihn vom Fahrrad: Diese Spuren hinterließ die Atombombe auf dem Körper eines Nagasaki-Opfers

Hier geht es zurück zur Startseite

Gesponsert von Knappschaft