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Für Putin und Erdogan

26/04/2017 21:18 CEST | Aktualisiert 26/04/2017 21:18 CEST
kav777 via Getty Images

Der Großteil der Deutschtürken hat, zum Erschrecken deutscher Politiker und Leitmedien, im Referendum für Erdogans Verfassungsänderung und somit für ein autoritäreres System in ihrer Ex-Heimat gestimmt. Das ist keine Überraschung. Deutschrussen geben bei Präsidentschafts- und Parlamentswahlen ebenfalls Putin ihre Stimme. Bloß hat das hierzulange niemand hinterfragt.

Keine Assimilation erwünscht

Türken und Russen, die in Deutschland ihre zweite Wahlheimat gefunden haben, ähneln sich von ihrer Mentalität sehr. Sie leben in Deutschland, weil das Leben hier komfortabler und sicherer ist, weil die deutsche Wirtschaft momentan die beste der Welt ist und sie hier mehr Geld verdienen können. Aber in der Mehrzahl sind sie keine echten Deutschen vom Denken und Politikverhalten geworden.

Eine deutsche Leitkultur interessiert sie nicht, die Idee einer europäischen liberalen Wertegemeinschaft auch nicht sehr, mit der deutschen Nachkriegs-Vergangenheitsbewältigung identifizieren sie sich nicht.

Sie besuchen nicht formal, sondern mit dem Herzen und einem Schuss Patriotismus ihre Moscheen und ihre orthodoxen Gemeindekirchen in Deutschland. Der Gedanke, sich in Deutschland für immer assimilieren zu müssen, ist ihnen fremd.

Heimatliebe statt Leitkultur

Der Trugschluss deutscher Politiker war es lange Zeit zu glauben, dass Ausländer, die die Vorzüge des demokratischen Rechts- und Wirtschaftssystems in Deutschland annehmen, automatisch auch das hier vorherrschende liberale Wertesystem und die deutsche Leitkultur verinnerlichen würden.

Nein, je stärker der Druck auf diese Emigranten, ordentliche Deutsche oder liberale Europäer zu werden steigt, umso mehr kapseln sie sich in ihrer traditionellen Wertewelt, die sie mit der Muttermilch aufgesogen haben, ab.

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass die Mehrzahl der in den letzten Jahrzehnten aus der Sowjetunion emigrierten Russen sich formal als deutsche Staatsangehörige aber nicht als Deutsche bezeichnen würde. Im Herzen bleiben sie, so wie Millionen Deutschtürken, ihrer ersten Heimat verbunden. Konkret heißt das: sie arbeiten und zahlen ihre Steuern in Deutschland, doch emotional interessieren sie sich weitaus stärker für das Leben in ihren früheren Heimatländern.

Eine Untersuchung, welche TV-Sender diese Menschengruppen täglich schauen, spricht Bände.

Verletzter Nationalstolz

Konkret heißt das: wenn deutsche Politiker und vor allem Medien den Staatspräsidenten der Türkei oder Russlands kritisieren und, wie in der jüngsten Vergangenheit beschimpfen, erwecken sie bei den Deutschtürken und Deutschrussen ein Gefühl der Ungerechtigkeit und verletztem Stolz. Dass türkische Minister in Deutschland Auftrittsverbote bekamen und russische Politiker aufgrund von Sanktionen nach Deutschland Einreiseverbote erhielten, empfinden diese Menschen als Schmähungen. Es folgt eine trotzige Gegenreaktion.

Diese Menschen sind vielleicht gar nicht für Erdogan und Putin - aber sie stellen sich schützend vor ihr Geburtsland, wenn die Angriffe zu aggressiv werden. Mit anderen Worten: wäre die Kritik gegen Erdogan und Putin in Deutschland sanfter ausgefallen, wäre die Unterstützung der Emigranten für beide schwächer.

Wenn Deutschtürken oder Deutschrussen Kritik an der deutschen Politik äußern, oder gar protestieren, wie im Falle des vermeintlich vergewaltigten Mädchens Lisa, wird von den Behörden und Medien sofort der Verdacht geäußert, die Geheimdienste der Türkei und Russlands würden ihre ehemaligen Mitbürger instrumentalisieren.

Wieder so ein Trugschluss. Vielmehr waren die russischen Proteste vor dem Kanzleramt Ausdruck einer tiefen Entfremdung zwischen Deutschrussen und der Merkel-Regierung inmitten der Flüchtlingskrise. Diese Entfremdung war auch in breiten Kreisen der deutschen Bevölkerung zu spüren.

Loyalitätsprobleme in Konflikten

Eigentlich sind die Deutschtürken und Deutschrussen der Bundesrepublik dankbar, dass sie oder ihre Eltern hierher emigrieren konnten um sich ein besseres Leben aufzubauen. Aber in Zeiten der Globalisierung und unbegrenzter Reisemöglichkeiten, haben sie - anders als die Vertriebenen aus dem Kommunismus im vergangenen Jahrhundert - ihrer ersten Heimat nicht den Rücken gekehrt.

Sie empfinden großen Stolz, auch in Deutschland Türken oder Russen zu sein. Dieses nationale Gefühl schmerzt, vor allem wenn sich deutsche Politik im Streit mit der Türkei oder Russland befindet.

Deutsche Politik wird die Mentalität dieser Bürger nicht ändern können. Sie wird damit umgehen müssen, auch mehr Fingerspitzengefühl entwickeln. Mit der Nichtbeleuchtung des Brandenburger Tors mit russischen Nationalfarben nach dem furchtbaren Terrorattentat in der Sankt Petersburger Metro, hat der Berliner Senat so einen dummen Fehler gemacht. Viele Russlandstämmige werden das nicht vergessen.

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