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Die Türkei-China-Russland-Achse: Eine neue Bedrohung für die EU

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ERDOGAN PUTIN
Anadolu Agency via Getty Images
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Nur ein naiver Zweckoptimist kann heute behaupten, dass auf dem europäischen Kontinent alles beim Alten bleibt. In Wirklichkeit steht Europa vor einem großen Umbruch. Die Veränderungen werden politischer Art sein. Die komfortablen Jahre nach dem Ende des Kalten Krieges sind vorbei. Diese Zeit wird irgendwann als Vorkrisenzeit in die Geschichte eingehen. Nach der Zeitenwende wird Europa, so wie wir es seit 25 Jahren kennen, anders aussehen.

Russisch-türkisch-chinesische Achse

Seit der Finanzkrise vor fast zehn Jahren, haben viele Beobachter das nächstfolgende Jahr immer als Schlüsseljahr für Europas Überleben bezeichnet. Gott sei Dank, ist das Abendland von einer Katastrophe verschont worden. Das Jahr 2017 kann aber tatsächlich zum historischen Schlüsseljahr in der jüngsten Geschichte Europas werden.

Man benötigt keine übergroße Phantasie, um sich folgende Entwicklung vorzustellen: Russland und die Türkei, beide im sogenannten "Wertekonflikt" mit der EU festgefahren, bilden eine strategische Allianz, unter anderem im energiepolitischen Bereich.

Falls sich herausstellt, dass der misslungene Militärputsch gegen Recep Erdogan mit Unterstützung der Golfstaaten erfolgte (mit Mitwisserschaft der USA) und Vladimir Putins Geheimdienste den türkischen Präsidenten im letzten Moment gewarnt hatten, läge ein Austritt der Türkei aus der NATO im Bereich des Möglichen.

Die Türkei wird dann auf eine sicherheitspolitische Zusammenarbeit mit Staaten wie Russland und dem Iran zurückgreifen müssen, um seine Interessen zu wahren und in Syrien und Nahen Osten die Seiten wechseln.

Die Türkei sitzt bekanntlich in der Flüchtlingskrise gegenüber der EU am stärkeren Hebel. Eine Wiedereröffnung der Grenzen nach Europa für Millionen von Migranten aus dem Nahen Osten hätte verheerende Auswirkungen auf die Stabilität des Kontinents.

Für Europa wäre ein Konflikt mit der Türkei nach dem Brexit, dem Anwachsen des islamistischen Terrors, der Stärkung rechtpopulistischer Bewegungen in fast allen EU-Ländern und dem immer noch nicht abgewendeten Grexit, ein weiterer Schlag.

Man benötigt keine Phantasie, um sich eine Verschärfung des Konfliktes China - USA im Südchinesischen Meer vorzustellen. Pekings wird, nachdem es Russland im Ukraine- und davor im Georgienkonflikt die Stange gehalten hatte, von Moskau Rückendeckung in dieser geopolitischen Auseinandersetzung in Asien verlangen. Im Westen wurde das russisch-chinesische Bündnis ständig belächelt. Das könnte sich rächen.

Trump und Le Pen mit Putin in der G8

Schließlich könnte ein Wahlsieg Donald Trumps in den USA die bisherige westliche Außenpolitik auf den Kopf stellen. Im engen Umfeld des republikanischen Präsidentschaftskandidaten heißt es, Trump würde im Falle seines Sieges seine erste Auslandsreise nicht zu den Verbündeten, sondern nach Moskau und China machen, den Autokraten Putin und Xi Jinping fest in die Augen schauen und ein ernstes Gespräch "unter Männern" führen.

Dabei würde es über eine Neuaufteilung der Welt gehen, um das Abstecken geopolitischer Einflusssphären. Der gegenwärtige Ukraine-Konflikt wäre schnell gelöst und Russland könnte sofort wieder in die G7(8) zurückkehren.

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Im beschriebenen Zukunftsszenarium darf ein Punkt nicht fehlen: Der mögliche Wahlsieg der Rechtspopulistin Marine Le Pen in Frankreich als Folge der Unfähigkeit der gegenwärtigen französischen Regierung, den islamistischen Terror im eigenen Land zu stoppen.

Europäische Think Tanks zum Denken animieren

Für den absoluten Großteil der europäischen Eliten ist das gerade beschriebene Szenarium absurd und grober Unfug. Warum sollte sich die westliche Welt, die mit der EU und NATO die großmöglichste Stabilität errichtet hat, selbst schwächen?

Doch für Historiker, die in anderen Kategorien denken und beobachten, dass in der Vergangenheit Europa alle Vierteljahrhunderte einen Umbruch erfahren musste, ist das Szenarium keineswegs bloße Phantasie. Für Europas Strategen und Think Tanks wäre es durchaus ratsam, sich auf eine revolutionäre Entwicklung einzustellen und nachzudenken, wie der veränderten Sicherheitslage begegnet werden kann.

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