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Die europäische, konservative Mittelschicht radikalisiert sich

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Die Wahl in den USA könnte für Europa weitreichendere Folgen haben und wesentlich gefährlicher werden, als von vielen bislang angenommen. Jedoch weniger aufgrund der zu erwartenden Änderung amerikanischer Außenpolitik durch den künftigen Präsidenten. Vielmehr könnte sie zur Blaupause für künftige Wahlen in den europäischen Staaten werden. Nachdem Angela Merkel ihre erneute Kandidatur verkündet hat, sollte auch und gerade sie die richtigen Schlüsse aus dieser Wahl ziehen! Doch wie lernfähig zeigen sich unsere "Eliten"?

Die Wahl

Die amerikanische Wählerschaft hat sich entschieden. Für eine Überraschung. Sie haben den 70 Jahre alten Donald John Trump aus Queens, New York City zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt. Sie haben einen Mann gewählt, der zu Beginn als völlig chancenlos galt, dessen Erfolg als undenkbar prognostiziert wurde und der von vielen als Inbegriff von Sexismus, Rassismus und Intoleranz beschrieben wird.

Gegen jede Prognose der Demoskopen, gegen große Teile der Bevölkerung und eine geballte Koalition des "Establishments" aus Medien, Wirtschaft, Politik und Kulturschaffenden. Auch die europäische Öffentlichkeit war sich einig. Dieser Mann wird es nicht, weil er es nicht werden darf. Das Ergebnis stand fest.

Doch Selbstreflektion ist bei Medien wie Politikern in der Regel nicht die am stärksten ausgeprägte Eigenschaft. Weder in den USA noch in Europa. Sonst müssten sich Hillary Clinton und die Medienverantwortlichen fragen, wie es sein kann, das Donald Trump ein Mann, der als inkompetent, sexistisch, rassistisch und zudem als politisch unerfahren dargestellt wird, von den Wählern als die bessere Alternative zu Clinton angesehen wird?!

Und die europäischen Medien und Staatenlenker, weshalb sie aus dem immer stärker werdenden Zulauf der Wähler zu extremen Parteien bislang noch keine wirklichen Konsequenzen hinsichtlich ihrer Politik und ihrem Umgang mit dem Wahlvolk gezogen haben?

Wie konnte es soweit kommen?

Von Beginn an hatte Trump durch sein Verhalten gegen jedwede bis dato bekannte politische Verhaltensregel oder gar Etikette verstoßen. Er erhob den Stilbruch zum Prinzip und schaffte damit Aufmerksamkeit. Je lauter und ausfälliger er wurde, umso mehr Sendezeit erhielt er von den Medien und umso höher waren die Einschaltquoten. Dabei sprach er viele frustrierte Wähler an, die längst auf Durchzug geschaltet hatten, sobald ein Politiker eine Rede hielt.

Trump war so unverhohlen aggressiv, dass die Menschen aufhorchten. "Ok, er bricht mit allen Regeln, ist sexistisch und zahlt keine Steuern. Aber er steht dazu". Trumps Strategie erinnerte zuweilen sehr an Auftritte von Björn Höcke oder Le Pen. Das aus Sicht vieler Wähler gefühlte normale Verhalten des bis dato bekannten Politikertyps war hingegen, alles Anrüchige zu verurteilen und es oftmals dennoch zu tun.

Mehr zum Thema: "Methoden, die von den Nazis so angewandt wurden" - 9 Dinge, die wir über Populismus wissen müssen

Hillary Clinton hingegen wurde als Inbegriff des politischen Establishments angesehen. Nach außen stets politisch korrekt. Und dennoch umwehte sie immer ein Geruch der Unehrlichkeit. Millionen Gagen für Reden vor Lobbyisten der Wall Street, der Waffenlobby oder Immobiliengesellschaften.

Dazu fortwährende Sexskandale in ihrem Beraterstab oder einst von ihrem Mann. Nicht zu vergessen, ihre eigene Email-Affäre. Zudem nahmen ihr viele Globalisierungsgegner und Friedensaktivisten übel, dass sie in der Syrienauseinandersetzung in ihrer Funktion als Außenministerin die Position eines republikanischen Falken eingenommen hatte.

Doch Clinton und ihr Team schienen die Botschaft aus Sanders Erfolg in den Vorwahlen nicht verstanden zu haben. Viele Sanders-Anhänger gingen trotz seiner Empfehlung, für Clinton zu stimmen, nicht zur Wahl oder wählten den "Outlaw". Dass viele gut ausgebildete Frauen und Latinas für Trump stimmten, überraschte selbst seine überzeugtesten Anhänger.

Vermutlich wäre es für Clinton eine bessere Strategie gewesen, sich mehr und konkreter um die Bedürfnisse der Arbeitnehmer im Rost-Gürtel der USA zu bemühen, als sich in ständigen Attacken gegen Trump zu ergehen. Der Rust Belt ("Rost-Gürtel"), früher Manufacturing Belt, ist die älteste und ehemals größte Industrieregion der USA. Er erstreckt sich vom Nordosten der USA entlang der großen Seen von Chicago über Detroit, Cleveland und Pittsburgh bis an die Ostküste.

Er steht exemplarisch für eine wirtschaftliche Entwicklung in den USA, die seit den achtziger Jahren sich dadurch kennzeichnet, dass Millionen Arbeitnehmer Reallohnverluste hinnehmen mussten. Gerade hier verlor Hillary Clinton massiv an Stimmen. Sie konnte die Menschen nicht davon überzeugen, dass sie ihre Lage verbessern würde.

Viele junge demokratische Wähler, aber auch die Globalisierungsverlierer und abgehängten Menschen gerade aus der weißen Arbeiterschicht empfanden dies genauso und hätten lieber den selbsternannten Sozialisten Bernie Sanders als Präsidentschaftskandidaten der Demokraten gesehen.

Er wäre vermutlich der Kandidat mit den besseren Chancen gegen Trump gewesen. Trump mobilisierte viele Nichtwähler mit seiner Chuzpe und einfachsten, teilweise absurden Lösungsvorschlägen und überzeugte damit auch mehrheitlich die Unentschlossenen. Er nannte es eine Bewegung und vermutlich war es sogar eine.

Sämtliche Demoskopen waren nicht in der Lage, dies zu prognostizieren. Denn viele Menschen schwiegen einfach und stimmten für Trump. Sie waren es offensichtlich leid, als einfältig oder gar rassistisch verortet zu werden, sobald sie ihre Sympathie für den Überraschungskandidaten zum Ausdruck brachten.

Analogie Europa - ein gefährliches Gemisch!

Eine ähnlich dramatische Entwicklung ist auch in Europa zu beobachten. Am Ende einer Wahl will niemand für die Trumps, Petrys oder Le Pens gestimmt haben. Dabei manifestiert sich längst in vielen Ländern die Unzufriedenheit mit "denen da Oben" aus Politik, Wirtschaft und Medien im Erstarken radikaler Parteien und außerparlamentarischer Gruppen. Viele fühlen sich von der Politik nicht mehr vertreten und wirtschaftlich abgehängt.

Bis auf Deutschland ist auch in Europa eine dramatische Abwärtsbewegung in der Reallohnentwicklung zu beobachten, die große Teile der Gesellschaft trotz Vollzeitarbeitsverhältnissen an die Armutsgrenze rückt. Hinzu kommt eine europäische Finanzpolitik, die gerade das Einkommen von Rentnern, Pensionären und kleine Sparvermögen dezimiert.

Die Fehler während der Flüchtlingskrise und der zeitweise entstandene Kontrollverlust an den nationalen wie europäischen Außengrenzen, gerade in Zeiten der Bedrohung durch den islamistischen Terror, lösten zusätzlich konkretes Misstrauen bei den Menschen aus.

Gemischt mit diffusen, oft irrationalen Ängsten ist in Verbindung mit bestehenden und konkreten Problemen eine inhomogene Wählerschicht entstanden, deren Stimmverhalten scheinbar weder vorherzusagen noch zu beeinflussen ist. Ein explosives Gemisch. Oft spiegelt die veröffentlichte Meinung nicht mehr die subjektiv empfundene Lebenswirklichkeit der Menschen wider.

Die europäische, konservative Mittelschicht beginnt sich zunehmend zu radikalisieren. Ursprünglich linke Wähler wechseln sprichwörtlich handstreichartig die Seite und unterstützen rechtsradikale Parteien.

Ob Geert Wilders in den Niederlanden, Victor Orban in Ungarn, die AfD in Deutschland, Le Pen in Frankreich oder Strache in Österreich. Sie alle haben gemein, dass sie den sehr komplexen Problemlagen immer mit einfachen Lösungen begegnen. Gerade in Zeiten eines schwindenden Zusammenhalts in der Gesellschaft, erodierender pro europäischer Kräfte und den mannigfachen, unübersichtlichen Problemlagen, sehnen sich die Menschen nach simplifizierten Antworten.

Die Chance

Man kann dem nur Einhalt gebieten, indem die führenden Eliten den Menschen nachweisen, dass ihre Ängste wieder ernst genommen, sie nicht belogen oder verunglimpft werden. Sie müssen über Realpolitik belegen, dass die konkreten Probleme der Menschen nicht nur besprochen, sondern gelöst werden. In jedem Fall muss ein weiter so und das Regieren und Berichten an der Lebenswirklichkeit und den Bedürfnissen der Menschen vorbei, der Vergangenheit angehören.

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Angela Merkel ist gewarnt. Sie hat ihre erneute Kandidatur erklärt. Sie hat während des anstehenden Wahlkampfs die Chance, verlorenes Vertrauen zurück zu gewinnen, um es anschließend in eine Politik im Sinne der Menschen umzumünzen. Gelingt ihr dies nicht, werden die radikalen Kräfte in Deutschland weiter an Zulauf erfahren.

Spätestens mit der Wahl Donald Trumps zum Präsidenten der USA haben auch die europäischen und deutschen Wähler gelernt, dass bei demokratischen Wahlen das Abweichen von der Norm möglich ist.

Sollte zudem noch der Fall eintreten, dass durch die Wahl der personifizierten Gefahr Trump all die zuvor prognostizierten schlimmen Dinge nicht eintreten, könnten sie die US-Wahl als Blaupause nutzen und von ihrem demokratischen Recht Gebrauch machen, um auch in Europa und Deutschland zu zeigen, dass es einen Unterschied zwischen veröffentlichter und öffentlicher Meinung gibt.

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