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Aleppo. Berlin. Paris

31/03/2016 17:49 CEST | Aktualisiert 01/04/2017 11:12 CEST

Es war der Morgen nach den Pariser Attentaten. Was blieb, war blankes Entsetzen.

Nur wenige Stunden vorher hatten wir Emad und seine Familie verabschiedet. Emad, 48 Jahre, Maschinenbau-Ingenieur aus Aleppo war auf abenteuerliche Weise zu Wasser und zu Land seiner Familie hinterhergereist. Frau und Kinder waren über Ägypten und weitere Zwischenstationen schon vorher nach Berlin gelangt. Er durfte nicht ausreisen. Männer werden gebraucht im Krieg. So floh er, seiner Familie hinterher.

Anfangs noch unberührt vom Bürgerkrieg, so erzählt er, verwandelte sich ihr Wohnbezirk in eine Kampfzone. Sein Lebensplan, sein Unternehmen zu verkaufen und dann ins Ausland zu gehen, lag in Schutt und Asche. Von ihrem Haus fehlen jetzt die oberen Etagen, durch die mittlerweile fensterlose Wohnung im Erdgeschoss weht der Wind. Sie haben alles zurückgelassen.

Wir hatten für das Willkommensbündnis Steglitz-Zehlendorf und für Blogger für Flüchtlinge Geld gespendet, hatten auch Sachspenden bereitgestellt. Aber wir wollten auch näher ran, die Menschen kennenlernen trotz unserer begrenzten Zeit, die wir für freiwillige Initiativen aufbringen können.

Welcome Dinner

Emad und seine Familie hatten sich beim "Welcome Dinner Berlin" beworben für einen Abend bei einer Berliner Familie. Der 13. November wurde fest eingeplant. Wir waren die Gastgeber.

Wir begegnen aufgeschlossenen, freundlichen und auch fröhlichen Menschen. Wir hören keine Klagen. Emad spricht englisch, seine Kinder sprechen überraschend gut deutsch. Der zwölfjährige Sohn besucht eine sogenannte Willkommens-Klasse in einem Berliner Gymnasium, die zwanzigjährige Tochter musste nach einem Semester Maschinenbau-Studium Aleppo verlassen - und würde nichts lieber, als hier in Berlin weiterstudieren.

Vermieter wollen der Familie keine Wohnung geben

Einen Gasthörerschein hat sie schon. Gemeinsames auch im Generationen-Konflikt: Sie würde gerne in Richtung Architektur gehen, der Vater wünscht sich Maschinenbau. Wir sprechen über Zaha Hadid, die irakische Star-Architektin, und die Frage, wie und wo arabische Landsleute erfolgreich in der Welt sind.

Wenig Hoffnung haben sie für ihr Land. Syrien versinkt im Bürgerkrieg. Die Familie plant die Zukunft in Deutschland. Für Emad steht fest, dass er schnell die Sprache lernen muss. Das fällt ihm nicht mehr so leicht wie seinen Kindern. Russisch, so sagt er, habe er in seiner Jugend noch schnell gelernt. Deutsch fällt ihm nun schwerer. Aber er ist zuversichtlich.

Die Erfahrungen zeigen ihm, dass er weder Arbeit noch Wohnung bekommt, solange er unverkennbar Arabisch-Englisch spricht. Er möchte möglichst schnell das Flüchtlingsheim verlassen, sucht eine Zwei- bis Drei-Zimmer-Wohnung, 700 Euro kann er dafür aufbringen. Die Vermieter winken immer ab. Eine arabische Familie im Haus will kaum ein Eigentümer.

Wir wundern uns. Eine Familie, die absolut integrationsfähig und willig ist, muss acht Monate lang von Flüchtlingsheim zu Flüchtlingsheim ziehen. Ein ausgebildeter Ingenieur ohne Arbeit. Eine Lehrerin ohne sinnvollen Einsatz. Eine angehende Architektin ohne Studienplatz. Wir hätten keinen Zweifel, dass sie innerhalb kürzester Zeit zu Steuerzahlern werden könnten und sie eine Bereicherung für unser Land sein würden - wenn man sie nur lassen würde.

Welcome Dinner

Es ist ein heiterer Abend. Die Kinder verstehen sich sofort. Gemeinsam Halal-Burger zu braten und zu essen eint die Jugend. Die Erwachsenen genießen levantinische Spezialitäten und - eine Referenz an unseren spanischen Gast am Abend - Paella. Der kleine Syrer träumt von "Spiderman 3", und die Jugend einigt sich auf die "Minions".

Wir hoffen, dass das Miteinander gewinnt

Nicht viel trennt an diesem Abend Aleppo von Berlin. Wir reichen uns alle die Hand. So leicht, so lebendig, so interessant hatten wir uns diesen Abend nicht vorgestellt. Nachdenklich über das Schicksal dieser Familie, aber dennoch zuversichtlich, dass im Grunde die Gewalt in der Welt die Ausnahme ist, gehen wir zu Bett. Der Glaube an das Gute, das uns alle eint, beherrscht unsere Gespräche.

Als wir aufwachen, hören wir von den Ereignissen der Nacht. Während wir im Zeichen des Miteinander den Abend verbrachten, starben im Bataclan in Paris Menschen als Folge von Fanatismus und Terror. Fassungslos lesen wir die Reaktionen, bedauern das Leid, fürchten die Folgen.

Präsident Hollande spricht von Krieg, das Säbelrasseln beginnt. Die üblichen Verdächtigen schüren schon das Feuer, das Flüchtlinge und Terror in einen Zusammenhang stellt und auf dem Leid der Opfer die eigene Agenda aufbauen soll.

Wir denken an Emad, seine Familie, die anderen heimatlosen, ausgebombten und vertriebenen Menschen. Und wir wünschen uns allen, dass die grausamen Ereignisse von Paris die Menschen nicht weiter auseinanderbringen - sondern dass das Miteinander gelingt.

Jetzt hat die Familie eine eigene Wohnung

Seit unserem Welcome Dinner im November sind nun einige Monate ins Land gegangen. Wir haben Wohnungen besichtigt und mit Behörden gekämpft. Am 1. März war es soweit: Die Familie kann endlich das Flüchtlingsheim verlassen und in die eigenen vier Wände ziehen.

Aus dieser Erfahrung fragen wir uns, wie eigentlich Flüchtlinge ohne Hilfe von engagierten Mitbürgern zu einer eigenen Wohnung kommen sollen. Termine konnten wir nur machen, weil wir persönlich Hausverwalter kannten.

Wir hörten von 50 bis 100 Anfragen pro Woche an die Mitarbeiter der Hausverwaltung, kaum Chancen, eine Flüchtlingsfamilie unterzubringen, teilweise werden Personen mit einem temporären Aufenthaltsstatus erst gar nicht zugelassen bei großen Wohnungsbaugesellschaften.

Auch haben wir die Erfahrung gemacht, dass bestimmte Gegenden schon als "No-Go-Area" gelten. Der Hinweis, dass man in bestimmten Gegenden lieber keine Flüchtlinge unterbringen wolle, hat uns erschreckt.

Für Familie Koukou ist nun dennoch alles gut gegangen. Nur mit Hilfe von persönlichen Beziehungen haben sie nun ihre eigene Wohnung und konnten endlich aus dem Heim ausziehen.

Der Sohn hat ein Praktikum bei Siemens

Mit Hilfe unserer Freunde konnten wir für eine Erstaustattung sorgen. Sofa, Lampen etc. wurden aus unserem Freundeskreis gespendet und nun ist es ein wohnliches Apprtement am Ende der Stadt. Am letzten Sonntag waren wir zur Wohnungseinweihung geladen, bei syrischen Spezialitäten konnten wir uns davon überzeugen, dass die Koukous endlich angekommen sind.

Der junge Mohamed hat endlich ein eigenes kleines Zimmer, seine Schwester ebenso. Vater Kouko ist nun endlich beruhigt, und wir fanden ihn beim letzten Treffen sehr entspannt. Endlich kann er über seine berufliche Zukunft nachdenken, wir sprachen über berufliche Chancen, er möchte anschließen an seine Erfahrungen aus Syrien beim Vertrieb von CNC Maschinen, der nächste Schritt ist der Besuch der Hannover Messe im April, um sich einen Überblick zu verschaffen.

Der erwachsene Sohn Hamid ist nach wie vor ohne Wohnung, aber dafür konnte meine Frau dafür sorgen, dass er jetzt auch beruflich seinem Traum ein wenig näher kommen kann. Stolz posiert er nun vor dem Siemens-Tor - seit vier Wochen arbeitet er als Ingenieur und verdient das erste eigene Geld und schließt erste Kontakte.

Auch wenn der Job nur temporär ist: Er ist ein Einstieg in die Arbeitswelt und öffnet Türen. Siemens engagiert sich für Flüchtlinge und bietet ein Integrationsprogramm.

Die Kinder sprechen inzwischen fließend deutsch

Unser Fazit: Wir sind sehr froh, dass wir so viele wichtige Schritte für die Koukous zu einem einigermaßen geregelten Leben begleiten konnten. Ohne diese Hilfe wäre nichts vorangegangen. Wohnberechtigungsscheine, Heizkostenformulare, Odysee von Pontius zu Pilatus, von Vattenfall zu Gewobag, eigentlich kaum zu schaffen für einen Flüchtling mit geringen Sprachkenntnissen.

Apropos Sprachkenntnis: Die Kinder sprechen mittlerweile fließend deutsch, die Eltern besuchen einen Intensiv-Kurs. Integration geht nur mit Sprache - eine Lektion, die gerade die Älteren mühsam lernen müssen.

Mohamed besucht nun eine ganz normale Klasse auf einem ganz normalen Gymnasium, die ältere Schwester nimmt mit Gasthörerschein an Vorlesungen teil an der Uni. Vieles ist noch offen, aber der Weg in ein halbwegs normales Leben scheint möglich - während auf Aleppo weiter die Bomben fallen und die alte Heimat in Schutt und Asche versinkt.

Beim Welcome Dinner Berlin kann jeder Flüchtlinge zu sich nach Hause zum Essen einladen. Die Organisatoren freuen sich über Teilnahmen und Spenden unter folgender Kontoverbindung:

Der Paritätische Wohlfahrtsverband Berlin e.V.

Verwendungszweck: Welcome Dinner Berlin

IBAN DE93100205000003131001

BIC BFSWDE33BER

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