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Die Zukunft der Arbeit: Zeitsouverän arbeiten und leben im digitalen Zeitalter

11/08/2016 17:29 CEST | Aktualisiert 12/08/2017 11:12 CEST
Polka Dot Images via Getty Images

Dieser Tage wird im Rahmen der sozialen Medien viel über die Zukunft der Arbeit diskutiert und geschrieben. Da gibt es auf Facebook die Gruppe "Arbeitsplatz der Zukunft", auf Twitter wird unter dem Hashtag #ArbeitsplatzderZukunft¹ gezwitschert und schließlich ist es auch ein Thema in den beruflichen Netzwerken, wie etwa auf Xing und LinkedIn, beispielsweise in den Gruppen "Future of Learning and Working" oder auch "Future Workplace".²

Der besondere Tenor der derzeitigen Diskussion liegt auf der Frage, inwiefern die digitale Revolution das Arbeiten im Sinne der Zusammenarbeit in Unternehmen verändert und wie demzufolge der digitale Arbeitsplatz aussieht.

Insbesondere scheint die Frage interessant zu sein, welche Freiheiten der digitale Arbeitsplatz in der Zukunft bietet. Das ist mein Anlass, etwas über die Zukunft der Arbeit zu schreiben und dabei zu versuchen, diese Diskussionen, Entwicklungen und auch unterschiedlichen Vorstellungen philosophisch einzuordnen.

Durchaus verstanden in einem "spekulativen" Sinn (Hegel), also im Sinne eines "begreifenden Erkennens" angelegt. Die Zukunft der (digitalen) Arbeit erwächst dabei ganz elementar aus den Widersprüchen und Problemen der Vergangenheit und Gegenwart. Das wäre die eine Seite und damit Thema des ersten Blogbeitrags hier.

Die zweite Seite, und damit Teil 2 des Blogbeitrags (hier), folgt auch Hegel, ist jedoch eher dialektischer Natur. Gerade für die digitale Revolution gilt, dass sich alleine aufgrund der Einführung einer Technologie nichts verändert.

Weder positiv, noch negativ. Gleich zu Beginn möchte ich auch meinen eigenen Standpunkt unmittelbar deutlich machen: in Zukunft werden wir, dank der digitalen Plattformen, zeitsouverän arbeiten und zugleich während der Arbeitszeit (wieder) "Leben" können.

Die Vergangenheit der Zukunft

"Sie [die Arbeiter] blieben nicht nur an den zahllosen Feiertagen, sondern auch am 'blauen Montag' der Arbeit fern, sie kamen zu spät und gingen zu früh. Sie leisteten sich offizielle und inoffizielle Pausen, in denen geredet, gegessen, bisweilen auch Karten gespielt, gerauft und vor allem viel Bier und Schnaps getrunken wurde. Die Eltern nahmen ihre Kinder zur Arbeit mit und setzten sie als Handlanger ein". (Deutschmann 1990: 84)

Im Zitat von Deutschmann geht es um eine noch gar nicht so lange zurückliegende Vergangenheit, nämlich die Zeit des Übergangs vom Feudalismus und manufakturieller Produktion hin zum Industriekapitalismus mit der Entstehung großer Fabriken.

Eines Übergangs, der viele dialektische Widersprüche aufwies und erst über mehrere Jahrzehnte des Widerstreits und Kampfes zur erfolgreichen Etablierung einer neuen gesellschaftlichen Zukunft führte.³

Die Zukunft hängt für menschliche Gesellschaften deshalb wesentlich von der Vergangenheit ab, weil die jeweiligen Prozesse, Strukturen aber auch Werte und Normen eine deutliche Auswirkung (und oft auch Begrenzung) der Gestaltungsspielräume haben.

Dies wird in den ökonomisch-technischen Theorien als Pfadabhängigkeit beschrieben und in den sozial-kulturellen Theorien als Tradition und Struktur. Das gilt auch für die Gestaltung der Arbeit und dabei vor allem den Vorstellungen von Arbeitszeiten.

Relativ einheitlich ist mittlerweile die Auffassung, dass die heutige Arbeitsorganisation in den Unternehmen fundamental vom Geiste Frederick Taylors und seiner "wissenschaftlichen Betriebsführung" geprägt worden ist.

Er war es, der vor mehr als hundert Jahren die Arbeit in kleinste Schritte unterteilte und dabei vor allem Hand- und Kopfarbeit(er) trennte. Die "einfachen" Beschäftigten hatten sich gemäß dieser Lesart nur den Anweisungen der sich daraus ergebenden Linienhierarchie unterzuordnen. Mit anderen Worten: Sie hatten zu dienen.

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Abbildung 1: Adolph von Menzel - Das Eisenwalzwerk - Bild: Adolph von Menzel - Das Eisenwalzwerk auf den Wikimedia Commons. Verwendung als gemeinfrei Datei. URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Adolph_Menzel_-_Eisenwalzwerk_-_Google_Art_Project.jpg

Dieses System ermöglichte es historisch, viele äußerst unterschiedliche Menschen an einem bestimmten Ort (der Fabrik) zur Zusammenarbeit zu bekommen und miteinander arbeiten zu lassen. Diese Entwicklung endete schließlich in der "Fließbandproduktion", der Herausbildung der Erwerbsarbeit mit einer spezifischen Vorstellung von Arbeitszeit.

Diese Entwicklung führte aber auch zu einem nicht zu unterschätzenden "Taylorismus in den Köpfen der Arbeitsgestalter" (Kieser & Walgenbach 42003, S. 380), der bis heute gilt. In einer Kurzform habe ich das im Rahmen meiner Dissertation (Klier 2007) so beschrieben, dass alle lebensweltlichen zeitlichen Bezüge, die als unproduktiv betrachtet wurden, im Rahmen von Industrialisierung und Taylorisierung der Arbeit mühsam aus dem betrieblichen Kontext ausgeschleust worden sind.

Arbeitszeit sollte lediglich noch produktive Zeit sein, wiederum am Beispiel des Fließbandes gut zu zeigen. Zugleich wurde sie damit zum Paradigma fremdbestimmter Zeit. Das Beispiel von Industriearbeit am Fließband im Rahmen des sich entwickelnden Kapitalismus war auch die Vorlage für die Entfremdungstheorie von Karl Marx.

Arbeiter als bloße Anhängsel der Maschine&sup4; - das war der technologie- und kapitalismuskritische Albtraum. Keine schöne Zukunft der Arbeit jedenfalls, dem Friedrich Engels als Mitstreiter von Karl Marx bereits früh eine Utopie im Sinne einer etwas naiven Vorstellung vorkapitalistischer Zeiten entgegensetzte.&sup5;

Die Entfremdung vom "Gattungsleben"

"Denn erstens erscheint dem Menschen die Arbeit, die Lebenstätigkeit, das produktive Leben selbst nur als ein Mittel zur Befriedigung eines Bedürfnisses, des Bedürfnisses der Erhaltung der physischen Existenz. Das produktive Leben ist aber das Gattungsleben. Es ist das Leben erzeugende Leben". (Karl Marx 1844, S. 516)

In seinen Frühschriften ist Karl Marx noch sehr darum bemüht, menschliches Leben und das Zusammenleben in Gesellschaften in Bezug auf die Arbeit und ihre Organisation einzuordnen.

Hier steht er in der Tradition des deutschen Idealismus, allem voran Hegel und auch Ludwig Feuerbach.&sup6; Insofern greift er, wenigstens für mich, in obigem Zitat die historische (europäische) Linie auf, dass Arbeit im Sinne einer willentlichen und bewussten Gestaltung der Umwelt zum Wesensmerkmal von Menschen gehört.

Deshalb ist für ihn das produktive Leben gleichbedeutend mit Gattungsleben.&sup7; Das allerdings im Kapitalismus durch dessen konkrete Gestaltung der Arbeit nicht gelebt werden kann und insgesamt zu einer Entfremdung führt.&sup8;

"Andrerseits kommt der Arbeiter beständig aus dem Prozeß heraus, wie er in ihn eintrat - persönliche Quelle des Reichtums, aber entblößt von allen Mitteln, diesen Reichtum für sich zu verwirklichen" (Marx 1867, S. 595f).

Arbeit rein als Mittel, um die eigene Reproduktion zu sichern und Arbeit entblößt von allen anderen sozialen bzw. lebensweltlichen Bezügen im Arbeitsprozess. Das ist ein Bild, das wesentlich von Marx geprägt wurde und sich bis weit in die Gesellschaft hinein ausgebreitet hat.

Ein Bild, das deutlich an der Diskussion um Arbeitszeit und deren Gestaltung abzulesen ist.&sup9; Aber auch ein Bild darstellt, das zwar sehr umfangreich, aber doch kein vollständiges Abbild der realen Arbeitswelt ist.

Das Bild von Arbeit, das Karl Marx beschreibt, war insofern von vornherein falsch, weil nicht nicht nur zu dieser Zeit jede Arbeit¹0; als Fabrikarbeit bzw. tayloristisch organisiert worden ist. Aus meiner Sicht gibt es bei der Frage der Entfremdung vom Gattungsleben vor allem zwei zentrale Aspekte:

1. (Produktive) Arbeit wird bei Marx als Abstraktum tatsächlich in dem Sinne verstanden, wie es die Erwerbsarbeit später als zeitlich-abstrahierender Begriff einer rein chronometrischen Zeit in sich trägt.

2. Dabei impliziert die konkrete Ausführung über das Gattungsleben eine sehr individualistische Sicht auf das Thema Arbeit bzw. setzt die individualistische Sicht der europäischen Tradition fort.¹1;

Letztlich bleibt Karl Marx für mich recht vage in der genauen Beschreibung dessen, was konkrete Eigenschaften des Gattungslebens sein könnten und wie dementsprechend eine Entfremdung, oder genauer eigentlich eine Nicht-Entfremdung vom Gattungsleben aussehen würde.

Ich selbst habe meine Arbeit immer auch anders erlebt, weshalb ich mit dieser einseitigen Interpretation nie zufrieden war. Für mich gab (und gibt) es innerhalb der Arbeit immer Aspekte, die nicht rein fremdbestimmt waren bzw. lebensweltlich einzuordnen sind. Situationen, in denen ich mich nicht entfremdet fühlte. Dies ist die Ausgangssituation für den zweiten Teil meines Blogbeitrages, der ja schließlich in die Zukunft weisen soll.

Literatur

  • Augenhöhe, Projektteam (2015 & 2016): Filme unter http://augenhoehe-film.de/de/film/augenhoehefilm/ sowie http://augenhoehe-wege.de/
  • Boes, A.; Kämpf, T.; Langes, B. & Marrs, K. (Hrsg.) (2015): Dienstleistung in der digitalen Gesellschaft 2. Ergebnisse aus Forschung und Praxis. München. Verfügbar unter: http://digit-dl-projekt.de/wp-content/uploads/2015/07/digitDL-Broschure02_web2.pdf
  • Deutschmann, C. (1990): Der Normalarbeitstag. Historische Funktion und Grenzen des industriellen Zeitarran-gements. In König, H.; Greiff, B. v. & Schauer, H. (Hrsg.): Sozialphilosophie der industriellen Arbeit. Opladen: Westdeutscher Verlag, S. 77 - 95
  • Engels, F. (1845): Die Lage der arbeitenden Klasse in England (MEW 2); Verfügbar unter: http://www.mlwerke.de/me/me02/me02_225.htm
  • Glennie, P. & Thrift, N. (1996): Reworking E. P. Thompson´s 'Time, Work-discipline and Industrial Capitalism' in: Time & Society Vol. 5(3), S. 275 - 299
  • Hegel, G.W.F. (1986): Vorlesungen über die Philosophie der Religion I, Bd. 16/20, Frankfurt: Suhrkamp
  • Hegel, G.W.F. (1807): Phänomenologie des Geistes, Kapitel 4. Verfügbar unter: https://www.marxists.org/deutsch/philosophie/hegel/phaenom/kap4.htm#sa
  • Kieser, A. & Walgenbach, P. (42003). Organisation. Stuttgart: Schaeffer-Poeschl
  • Klier, A. (2007): Betriebliche Synchronie. Marburg: Tectum
  • Klier, A. (2010):Die Rückkehr der Lebenswelt in die Arbeit. Erschienen in: Groß, H.; Seifert, H. (Hrsg.): Zeitkonflikte: Renaissance der Arbeitszeitpolitik. Berlin: Edition Sigma, S. 313 - 339
  • Marx, K. (1844): Ökonomisch-philosophische Manuskripte; Marx-Engels-Werke (MEW) Band 23. Verfügbar unter: http://www.mlwerke.de/me/me23/me23_000.htm
  • Marx, K. (1867): Das Kapital, Bd. 1; Marx-Engels-Werke (MEW) Band 40. Verfügbar unter: http://www.mlwerke.de/me/me40/me40_510.htm
  • Marx, K. (1969): Thesen über Feuerbach; Marx-Engels-Werke (MEW) Band 3. Verfügbar unter: http://www.mlwerke.de/me/me03/me03_005.htm
  • Maurer, A. (1992): Alles eine Frage der Zeit? Die Zweckrationalisierung von Arbeitszeit und Lebenszeit. Berlin: Edition Sigma
  • Mückenberger, U. (2007): Ziehungsrechte - Ein zeitpolitischer Weg zur "Freiheit in der Arbeit"? In: WSI Mitteilungen Nr. 4/2007, S. 195 - 201
  • Thompson, E. P. (1967): Time, Work-Discipline and Industrial Capitalism. In: Past and Present Nr. 38, Oxford: University Press, S. 56-97; Verfügbar unter: http://tems.umn.edu/pdf/EPThompson-PastPresent.pdf
  • Tomasello, M. (2010): Warum wir kooperieren. Berlin: Suhrkamp

Fußnoten:

1 Das ist nur beispielhaft gemeint. Die Diskussion findet unter mehreren Hashtags statt, wie beispielsweise #futureofwork oder #neuearbeit.

2 Auf Xing beispielsweise auch Arbeitsalltag 4.0 oder The Future of Work - Die Arbeitswelt von morgen

3 Den kulturellen Kampf um die Arbeitszeit und vor allem Zeitdisziplin im Frühkapitalismus und bei der Einführung fabrikmäßiger Arbeitsorganisation im Rahmen der Industrialisierung beschreiben Deutschmann (1990), Maurer (1992) und vor allem Thompson (1967) sehr schön.

4 "In Manufaktur und Handwerk bedient sich der Arbeiter des Werkzeugs, in der Fabrik dient er der Maschine. Dort geht von ihm die Bewegung des Arbeitsmittels aus, dessen Bewegung er hier zu folgen hat. In der Manufaktur bilden die Arbeiter Glieder eines lebendigen Mechanismus. In der Fabrik existiert ein toter Mechanismus unabhängig von ihnen, und sie werden ihm als lebendige Anhängsel einverleibt" (Marx: Das Kapital MEW 23, S. 445).

5 "Auf diese Weise vegetierten die Arbeiter in einer ganz behaglichen Existenz und führten ein rechtschaffenes und geruhiges Leben [...], ihre materielle Stellung war bei weitem besser als die ihrer Nachfolger; sie brauchten sich nicht zu überarbeiten, sie machten nicht mehr, als sie Lust hatten, und verdienten doch, was sie brauchten, sie hatten Muße für gesunde Arbeit in ihrem Garten oder Felde, eine Arbeit, die ihnen selbst schon Erholung war, und konnten außerdem noch an den Erholungen und Spielen ihrer Nachbarn teilnehmen [...]. Sie waren meist starke, wohlgebaute Leute [...]. Ihre Kinder wuchsen in der freien Landluft auf, und wenn sie ihren Eltern bei der Arbeit helfen konnten, so kam dies doch nur dann und wann vor, und von einer acht- oder zwölfstündigen täglichen Arbeitszeit war keine Rede" (Engels 1845, S. 238).

6 Den er zwar gerade bezüglich seiner Religionsvorstellung kritisiert, aber dadurch eben auch als Vorlage des "Gattungswesens" Mensch akzeptiert und für ihn positiv wendet. "Feuerbach löst das religiöse Wesen in das menschliche Wesen auf. Aber das menschliche Wesen ist kein dem einzelnen Individuum inwohnendes Abstraktum. In seiner Wirklichkeit ist es das ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse" (Marx 1969, S. 5).

7 Gattung versteht Marx hier im Sinne der biologischen Art von Menschen und philosophisch als Idee vom Menschsein durch "freie und bewusste Tätigkeit".

8 "Indem die entfremdete Arbeit dem Menschen 1. die Natur entfremdet, 2. sich selbst, seine eigne tätige Funktion, seine Lebenstätigkeit, so entfremdet sie dem Menschen die Gattung; sie macht ihm das Gattungsleben zum Mittel des individuellen Lebens. Erstens entfremdet sie das Gattungsleben und das individuelle Leben, und zweitens macht sie das letztere in seiner Abstraktion zum Zweck des ersten, ebenfalls in seiner abstrakten und entfremdeten Form" (Marx 1844, S. 516).

9 Damit meine ich vor allem die wichtigen tariflichen Errungenschaften der quantitativen Arbeitszeitverkürzung und Entlohnung im Rahmen fremdbestimmt Arbeit. Die qualitativen Aspekte der Arbeit, beispielsweise lebensweltliche Zusammenhänge waren (leider) nur selten Thema einer Gestaltung durch die Gewerkschaften.

10 Beispiele hierfür wären die sogenannte Wissensarbeit oder auch kreativen Tätigkeiten. Und schließlich die gesamte "Reproduktionsarbeit" in den Familien, um deren Deutung und Bedeutung regelrechte Grabenkämpfe im Sinne einer marxistischen Interpretation toben.

11 Was entgegen der Absicht von Karl Marx ist, weil er sich ja gerade damit beschäftigt, inwiefern sich die gesellschaftlichen Verhältnisse in den Individuen widerspiegeln

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