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Für mehr Gewalt im Fernsehen

Veröffentlicht: Aktualisiert:
MOSUL
dpa
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Ulrich Ladurner fragt in der ZEIT nach den Grenzen der Kriegsberichterstattung und deren Überschreitung. Er sieht angesichts der Kampagne zur Eroberung Mossuls die Gefahr, dass die Live-Bilder und die dadurch entstehende Nähe allein "dunkle Emotionen" füttern. Eine Erwiderung.

Zutreffend stellt Ladurner in seinem Artikel fest, dass die Formel "Nähe = Authentizität" keine automatische Gültigkeit besitzt. Er kommt zu dem Schluss: "Mit jedem Krieg rückten die westlichen Medienkonsumenten näher an die Front. Der via Facebook live übertragene Vormarsch auf Mossul ist der vorläufige Höhepunkt. Gewinnt man durch dieses "Dabeisein" neue Erkenntnisse? Wohl eher nicht. Es wird die Lust am Grauen befriedigt, das offenbar weit verbreitet ist."

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Khalid Albaih 'media war', via flickr.com

Nach einem kleinen medienhistorischen Abriss nimmt er Bezug auf den aktuellen Vormarsch von irakischen und internationalen Truppen auf Mosul und lehnt die umfassende Berichterstattung über die Kämpfe inklusive der verbreiteten Gewaltdarstellungen mit dem Argument ab, dass Kriegsberichterstattung keine Gewaltbilder liefern, sondern Fragen aufwerfen soll:

Wie kann es sein, dass Menschen in so furchtbares Leid gestürzt werden? Wie schaffen sie es zu überleben? Wie verändert der Krieg diese Menschen? Wer ist für das Grauen des Krieges verantwortlich? Welche Kräfte sind am Werk? Welche sind ihre Motive? Was ist ihre Strategie? Wie gehen die Kämpfer vor? Und zu guter Letzt: Wie lässt sich dieser Schrecken beenden?

Tragweite der täglichen Konflikte

Auch hier ist Ladurner zuzustimmen. Genau solche Fragen müssen gestellt werden. Aber, und hier kommt das aber: Geht das ohne die Darstellung des Leids, der Zerstörung und der Gräuel des Krieges?

Es ließe sich nämlich anführen, dass die Menschen ohne diese Art der Berichterstattung die Tragweite der täglichen Konflikte nicht begreifen. Man es ihnen zu leicht macht, sie zu ignorieren.

Sie ohne Bilder, die weh tun und einem den Magen verkrampfen, weiter von Wirtschaftsflüchtlingen faseln und zu leicht die globalen Missverhältnisse abtun können, die immer wieder in Konflikte münden, wo wir sie nicht sehen müssen.

Vielleicht bedarf es in der Tagesschau der Bilder eines schreienden Vaters, der ein kleines Bündel, das auf den ersten Blick wie eine Puppe wirkt, wächsern und mit starren Gesichtszügen, aus den Trümmern eines bombardierten Hauses zieht.

Bedarf es eines Panoramas verstreuter Leichenteile, die seltsam unmenschlich wirken, surreal, wie sie so an Hauswänden kleben und in den Bäumen hängen. Denn diese Bilder sind die Realität. Egal, um welchen Konflikt es geht. Krieg war schmutzig und er bleibt es. Neue Arten der Kriegsführung bleiben aufs Töten ausgerichtet.

Die Bilder sind die Grundlage des Verständnisses für Fluchtbewegungen, aber auch für die Schreie nach Gerechtigkeit, die aus den Mündern der Opfer - über die Distanz Lautstärke und Tonlage verändernd - bei vielen nur mehr als bedrohlicher Ruf nach einer Abschaffung der von uns gewohnten und gehegten Verhältnissen ankommen.

Im Westen nichts Neues


Es gibt eine Stelle in Remarques Roman Im Westen nichts Neues, die ein solches Grauen eindringlich schildert. Gerade die Zurückhaltung in der Sprache, die emotionslose Beschreibung, macht die Szene so grausam, wenn man sich ihr gedanklich stellt: "Donnerwetter, da hat es aber eingehauen", sage ich zu Kat. "Minenwerfer", antwortet er und zeigt dann nach oben.

In den Ästen hängen Tote. Ein nackter Soldat hockt in einer Stammgabelung, er hat seinen Helm noch auf dem Kopf, sonst ist er unbekleidet. Nur eine Hälfte sitzt von ihm dort oben, ein Oberkörper, dem die Beine fehlen. "Was ist da los gewesen?" frage ich.

"Den haben sie aus dem Anzug gestoßen", knurrt Tjaden. Kat sagt: "Es ist komisch, wir haben das nun schon ein paarmal gesehen. Wenn so eine Mine einwichst, wird man tatsächlich richtig aus dem Anzug gestoßen. Das macht der Luftdruck."

Ich suche weiter. Es ist wirklich so. Dort hängen Uniformfetzen allein, anderswo klebt blutiger Brei, der einmal menschliche Glieder war. Ein Körper liegt da, der nur an einem Bein noch ein Stück Unterhose und um den Hals den Kragen des Waffenrockes hat. Sonst ist er nackt, der Anzug hängt im Baum herum. Beide Arme fehlen, als wären sie herausgedreht. Einen davon entdecke ich zwanzig Schritte weiter im Gebüsch.

Der Tote liegt auf dem Gesicht. Da, wo die Armwunden sind, ist die Erde schwarz von Blut. Unter den Füßen ist das Laub zerkratzt, als hätte der Mann noch gestrampelt. "Kein Spaß, Kat", sage ich. "Ein Granatsplitter im Bauch auch nicht", antwortet er achselzuckend. "Nur nicht weich werden", meint Tjaden.

Wie viel wir ertragen können

Die wenigen Absätze zeigen einige interessante Aspekte einer solchen Auseinandersetzung. Nicht nur die Eindringlichkeit der Szene ist bemerkenswert, sondern auch das Verhalten der drei Kameraden, die versuchen sich zu distanzieren, um die alltägliche Grausamkeit irgendwie verarbeiten zu können. "Nur nicht weich werden", sich fest machen und wappnen gegen das überall lauernde Entsetzen, heißt die Maxime.

Für uns bedeutet das: Wie viel können wir also ertragen und wann wenden wir uns einfach ab und ignorieren das Leid? Dies wäre ein Argument für Ladurners Ansinnen, die Menschen nicht mit Schreckensbildern zu überfrachten und ihnen Live-Einblicke von der Front zugänglich zu machen, da dies nur dazu führt, dass sie den Kanal wechseln oder zu Netflix zurückkehren.

Die Frage der Zumutbarkeit darf sicherlich nicht außer Acht gelassen werden. Doch wenn Ladurner schreibt, dass sich jeder fragen müsse: "Wie 'nahe' will ich denn eigentlich dran sein?", dann kann man dem auch entgegenhalten, dass sich jeder fragen sollte: "Wie 'nahe' muss ich denn eigentlich dran sein?"

Wie nahe, um die obigen Fragen, an deren Schluss die Frage nach der Beendigung eines Konflikts steht, nicht nur pro forma zu stellen, sondern sie als drängend, sie wie ein "beißen und stechen" zu empfinden, wie Kafka zum Charakter lesenswerter Bücher schreibt.

Darstellung von Gewalt darf kein Selbstzweck sein


Für Ladurner läuft die mediale Aufbereitung Gefahr, immer grausamere Details zu zeigen ("Dann ist der Tag nicht weit, an dem Enthauptungen oder die Folterung durch Waterboarding zu bester Fernsehzeit übertragen werden."). Wirtschaftlicher Druck und digital getriebener Zwang Aufmerksamkeit zu schaffen, befeuern einen solchen medialen Prozess, das ist unbestritten.

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Die Darstellung von Gewalt darf kein Selbstzweck sein. Doch angesichts der Tatenlosigkeit der Weltgemeinschaft, zum Beispiel in Syrien, stellt sich die Frage, ob wir zu gut geschützt werden von ihnen. Die Realität wird durch die Aufnahmen erfolgloser Treffen in Schweizer Konferenzräumen, verwackelter Videos von am Himmel kreisenden Kampfjets, ja selbst durch die Bilder der Trümmerberge nur unzureichend abgebildet.

Sie sind ein Herantasten, ein Versuch der Darstellung, eine verschwommene Realität. Vielleicht zu rein gewaschen, als dass wir echtes Mitgefühl entwickeln können.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf medium auf deutsch.

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