Huffpost Germany
BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Alexander Hemker Headshot

Mobbing und Amok

Veröffentlicht: Aktualisiert:
AMOKLAUF
dpa
Drucken

Schock und Trauer über das Geschehene sitzen auch am dritten Tag nach dem Amoklauf in München tief. Nicht nur die Angehörigen der neun erschossenen Opfer fragen sich: Warum? Warum tötet jemand Unschuldige? Warum wird aus einem zuvor nie auffällig gewordenen Jugendlichen ein kaltblütiger Mörder, der seine Tat monatelang plante? Und nicht zuletzt: Warum kam es erneut zu einem Amoklauf eines Schülers in Deutschland?

So kurz nach der unmenschlichen Tat sollten wir vorsichtig sein mit Spekulationen. Die große Anzahl Falschmeldungen in sozialen Netzwerken hat die polizeilichen Ermittlungen erschwert und könnte den Versuch der Polizei stören, gegen Nachahmungstaten vorzugehen.

Es gibt jedoch einige erste Erkenntnisse. Bundesinnenminister Thomas de Maizière verkündete, dass der Amokläufer zuvor ein unbeschriebenes Blatt gewesen sei und gegen ihn keine polizeilichen Ermittlungen bekannt seien. Allerdings hat er sich intensiv mit dem Amoklauf von Winnenden 2009 beschäftigt und die damaligen Orte des Grauens besucht und fotografiert.

Außerdem sammelte der Amokläufer Materialien über den norwegischen Massenmord durch Anders Behring Breivik, der auf den Tag genau fünf Jahre vorher stattfand. Angeblich litt der Attentäter unter psychischen Problemen und spätestens seit den gestrigen Tagesthemen wissen wir auch, dass er sich von seinen Mitschülern gemobbt fühlte.

Welche Rolle spielt Mobbing?

Inwiefern die Mobbingsituation einen entscheidenden Einfluss auf den Amoklauf hatte, ist zwar bislang nicht geklärt, dennoch dürfen wir diese Information keinesfalls unter den Tisch fallen lassen, schon gar nicht nach der Verbindung mit dem Amoklauf von Winnenden.

Damals sei der Schütze Tim K. massiven Mobbing-Attacken ausgesetzt gewesen - das Opfer wurde zum Täter. Interessanterweise wurde in der politischen Diskussion um die Konsequenzen des Amoklaufs die Schuld bei schärferen Waffengesetzen und einem potenziellen Verbot von sogenannten „Killerspielen" gesucht. Gegen den vermutlich eigentlichen Auslöser der Tat wurde nichts unternommen.

Wenn wir uns heute die Diskussion in Bezug auf den Amoklauf von München ansehen, sind die Parallelen erschreckend. Auf der einen Seite geht es - wieder einmal - um striktere Regulierungen im Waffenrecht, insbesondere bei Deko-Waffen und der illegalen Beschaffung durch das „Darknet".

Auf der anderen Seite werden wiederholt die Forderungen nach einer Beschränkung von gewaltverherrlichenden Videospielen laut. Der Präsident das Bayerischen Landeskriminalamts, Robert Heimberger, sagte auf einer Pressekonferenz, das Spiel Counter Strike Source „hat nahezu jeder bisher ermittelte Amokläufer gespielt".

Wut, Aggressionen und Rachegefühle

Doch erklärt diese statistische Beobachtung auch Kausalität? Ich bin kein Anhänger solcher Spiele, aber ich hörte einmal den sarkastischen und zugleich passenden Spruch, dass 80% der Amokläufer diese Spiele spielen, jedoch 100% Brot essen - vielleicht sollten wir auch Brot verbieten.

Es ist absolut sinnvoll und notwendig, gegen illegale Waffenbeschaffung vorzugehen und über die Gefahren von bestimmten Videospielen und Medien aufzuklären. Aber löst das die eigentliche Ursache des Problems? Was wäre, wenn es am Freitag (wiederholt) einen Amoklauf in Deutschland gab, weil ein Schüler von seinen Klassenkameraden gemobbt wurde - und wir die Tat vom Freitag vielleicht hätten verhindern können oder sogar eine Mitschuld daran haben, weil wir Mobbing tolerieren?

Ich habe in den letzten Jahren viele von Mobbing betroffene Schüler, Eltern und Lehrer beraten. Obwohl sich die individuellen Erfahrungen stark unterschieden, waren die Reaktionen der Mobbingopfer auffällig oft die gleichen.

Die Schüler waren nicht nur hilflos, mutlos, hoffnungslos und verzweifelt, sondern entwickelten häufig Wut, Aggressionen und Rachegefühle. In meinem Forum für Betroffene kann man dies teilweise nachlesen.

Wer nicht die Erfahrung gemacht hat, so stark unter der Gewalt der Mitschüler zu leiden, kann dies wohl kaum nachvollziehen. Selbst viele Eltern und Lehrer waren überrascht, als ich ihnen davon berichtet habe. Mobbing - und was es mit den Opfern macht - wird nach meiner Erfahrung in unserer Gesellschaft komplett unterschätzt und viele Betroffene werden nicht ausreichend ernst genommen.

Mobbing kann jeden treffen

Das Kernproblem ist dabei das mangelnde Bewusstsein über die Auswirkungen und das Ausmaß von Mobbing in der Schule. Mobbing umfasst nicht einfach nur einzelne Streitereien oder Konflikte, sondern bezeichnet die sich regelmäßig wiederholenden, absichtlich schädlichen, langanhaltenden und systematischen Handlungen einer Gruppe gegen einen Einzelnen. Doch es stellt sich vor allem die Frage: Wie kann es überhaupt so weit kommen, dass ein Schüler gemobbt wird?

Grundsätzlich gilt, dass Mobbing jeden treffen kann, denn wer mobben will, findet immer einen „Grund" oder zumindest Vorwand, beispielsweise das Aussehen oder Verhalten eines Mitschülers. Es ist keinesfalls so, dass nur bestimmte Persönlichkeitstypen zum Opfer werden. Manchmal kann der Situation ein eskalierter Streit oder Konflikt zugrunde liegen, einen eindeutigen Auslöser muss es für Mobbing jedoch nicht geben.

Pointiert und meinungsstark: Der HuffPost-WhatsApp-Newsletter

2016-07-22-1469180154-5042522-trans.png

In vielen Fällen handelt es sich um das sogenannte 'predatory bullying', wobei das Opfer nichts Provokantes gemacht hat, das objektiv das Verhalten des Täters rechtfertigen würde. Das kann die Demonstration von Macht durch die Mobber umfassen, den Versuch, Anerkennung durch andere zu erlangen, und schließlich die Suche nach einem Sündenbock, den man für andere Frustrationsursachen beschuldigen kann.

Darüber hinaus wurden in wissenschaftlichen Studien einige Faktoren identifiziert, die förderlich für das Auftreten von Mobbing sein können, wie zum Beispiel eine entsprechende Schulkultur, die wenig Wert auf Respekt oder Gerechtigkeit legt, sowie ein mangelndes Eingreifen oder sogar aktives Wegsehen von Lehrern.

Opfer von Mobbing können zu Amokläufern werden

Für das Opfer ist Mobbing fast ausschließlich ein Teufelskreis, denn jeder Versuch, aus der Situation wieder herauszukommen, wird von den Tätern als Anlass genommen, mit dem Psychoterror weiterzumachen.

Frustration, egal welcher Art, kann unter bestimmten Umständen zu Aggressionen führen. Der norwegische Massenmörder Breivik wurde erniedrigt und zurückgewiesen, der Amokläufer von Winnenden, wie zuvor beschrieben, heftig gemobbt.

Wir wissen nicht, ob der Amoklauf in München durch Mobbing bedingt war, mit den psychischen Problemen des Täters zusammenhing oder andere Ursachen hatte. De Maizière sagte, es sei für die Opfer gleichgültig, welches Motiv der Tat zugrunde gelegen haben mag. Das Verhalten von Amokläufern ist jedenfalls unter keinen Umständen zu entschuldigen.

Dennoch sollten wir den traurigen Anlass nutzen, uns nicht weiter der Realität zu verschließen. Erstens: Opfer von Mobbing können in seltenen, extremen Fällen zum Amokläufer werden. Zweitens: Nicht jedes Mobbingopfer wird automatisch zum Amokläufer, deshalb dürfen wir Betroffene auf keinen Fall stigmatisieren. Drittens: Wir müssen uns mit einer weiteren unbequemen Wahrheit anfreunden: Mobbing in der Schule darf als gesellschaftliches Problem nicht länger unterschätzt und verschwiegen werden.

Der Autor ist Gründer von Schüler gegen Mobbing.

Leserumfrage: Wie fandet ihr uns heute?

2016-07-11-1468249306-1333267-umfrage.jpg

Hier geht es zur Umfrage.

Ihr habt auch ein spannendes Thema?
Die Huffington Post ist eine Debattenplattform für alle Perspektiven. Wenn ihr die Diskussion zu politischen oder gesellschaftlichen Themen vorantreiben wollt, schickt eure Idee an unser Blogteam unter blog@huffingtonpost.de.

Auch auf HuffPost:

Amokläufer ein Trittbrettfahrer? Zu diesen Fällen fanden die Ermittler Parallelen

Amokläufer ein Trittbrettfahrer? Zu diesen Fällen fanden die Ermittler Parallelen

Lesenswert: