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Ein Brief an einen fiktiven türkischen Freund angesichts der Entwicklungen in seinem Land

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TURKEY FLAG
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Lieber Freund,

als Recep Tayyip Erdogan zum ersten Mal gewählt wurde, hatte ich gerade meinen Recherche-Aufenthalt in der Türkei für meine Promotion absolviert. Ich war in Istanbul und in Ankara; in der Hauptstadt an der besonders renommierten Theologischen Fakultät. Dort wurde an einem modernen Islam gearbeitet, der in das Verständnis westlicher Demokratien passte.

Republikgründer Atatürk war der rückwärts gewandten Seite der Religion überdrüssig. Da sie nicht abgeschafft werden konnte, sollte sie wenigstens reformiert werden. Daher gab es in Ankara an der Theologischen Fakultät so etwas wie Religionsphilosophie und neue Interpretationsversuche des Koran.

Während meiner Zeit dort besuchte ich auch das Dyanet, die türkische Religionsbehörde. Sicher, die Predigten für die türkischen Moscheen in Deutschland wurden dort zentral geschrieben und in die Bundesrepublik gefaxt, hieß es. Wie verbunden mit Deutschland können türkisch-stämmige Moschee-Besucher sein, dachte ich damals, wenn sie jede Woche einmal aus der Heimat ihrer Vorväter beschallt werden?

Sehr sogar, wissen wir heute: Die Islamwissenschaftlerin und Soziologin Joyceline Cesari, die ich in meiner Promotion zitierte und der ich heute in Harvard regelmäßig begegne, hat mit ihrem Buch "Warum der Westen den Islam fürchtet" eine interessante Studie vorgelegt: demnach identifizieren sich junge Muslime in der dritten Generation mehr mit ihrem europäischen Heimatland, als gleichaltrige Bio-Bewohner, also geborene Deutsche zum Beispiel.

Erdogan hat die Vision einer demokratischen Türkei zerstört

Alles in allem schien es für mich im Dyanet eher ruhig zuzugehen. Beobachter aus dem Ausland bestätigen damals, wir sind im Jahr 2004, meine Eindrücke: ein wenig Folklore sei es schon, was die Religionsbehörde da betreibe, fromm, etwas altertümlich, aber nicht fundamentalistisch und schon gar nicht aufwieglerisch. In diese Türkei wurde Herr Erdogan als Ministerpräsident gewählt, ein geläuterter Islamist, der, wie er damals angab, durch den Gefängnisaufenthalt geläutert geworden sei.

Konvertiten gibt es im politischen Betrieb genauso wie im religiösen und seiner Einlassung, dass seine AKP ein Äquivalent zu einer konservativen, christlich konnotierten Partei europäischer Prägung sei, habe ich Glauben geschenkt. Warum auch nicht? Die Christdemokratie trägt das Parlamentarische System in Deutschland und in Europa, gemeinsam und in der gleichen Weise wie die anderen demokratischen Parteien. Warum sollte es das nicht auch in einem islamisch geprägten Land geben?

Leider hat Herr Erodgan selbst all das, was er aufgebaut hat, einige Jahre später wieder eingerissen. Denn seiner Vision einer demokratischen Türkei haben ja Investoren und Urlauber aus aller Welt Glauben geschenkt. Die Türkei schien einen Platz in der Welt zu finden, einen modernen Platz, eine Brückenmacht zwischen dem Abend- und dem Morgenland.

Irgendwann ist Hern Erdogan aber seine Macht zu Kopf gestiegen, oder, wie seine Gegner sagen: irgendwann hat er die Maske fallen lassen und sein wahres Gesicht gezeigt. Ich bin an dieser Stelle unentschieden, was ich glauben soll, aber das ist unerheblich, denn das Resultat ist dasselbe:

Mit seiner Abkehr von der klassischen Israelpolitik, als er Schimon Peres wüst beschimpft und in Davos im Jahr 2009 auf dem Panel verdutzt zurück gelassen hat, war klar: dieser Mann möchte den Beifall der arabisch-islamischen Welt, das einfache, das populistische Argument.

Verteidigung des Türkentums

Die Ereignisse überschlugen sich fortan, seine Rhetorik wurde fest und seine Absicht trat klar zu Tage: das Türkentum, das Osmanentum, das gelte es zu verteidigen, synonym gemeint mit dem Islam. Jene Osmanen, die bis zum Zerfall des Reiches nach dem Ersten Weltkrieg auch die arabische Welt beherrschten und in dem Sultanat die Einheit von sakraler und weltlicher Macht in ihrer Hand hielten.

Seitdem wissen türkische Frauen, wie viele Kinder sie in ihrer Eigenschaft als Musliminnen zu gebären haben. Auch weiß die Welt dank Verordnung der türkischen Obrigkeit, dass Homosexualität unislamisch sei. Die Einschüchterung der Presse, das zeitweise Abschalten des Internet, die Aushebelung der unabhängigen Justiz, die Abkehr von der Laizität Atatürks, die Liste ist lang, sehr lang und wenn man am Anfang, so wie ich, noch versucht hat, Hoffnung zu bewahren, ist seit dieser Wende klar: die Türkei wird unter Herrn Erdogan weit zurück fallen und nicht nach vorne schreiten.

Die Euphorie der Nullerjahre ist verflogen, das Wirtschaftswachstum verpufft, die Türkische Lira verliert, der Tourismus an der Türkischen Riviera ist in diesem Jahr zum Erliegen gekommen: 98 Prozent weniger russische Urlauber, 50 Prozent weniger aus Deutschland.

Die Bilanz ist verheerend, es gibt keinen anderen Begriff dafür. Herr Erdogan ist aber damit beschäftigt, Achtjährige wegen Beleidigung des Türkentums vor Gericht zu zerren und wegen Beleidigung des Staatspräsidenten verurteilen zu lassen: der Knirps hatte ein altes Wahlplakat der AKP benutzt, um darin etwas einzuwickeln. Der Bub weiß sicher nicht, wer darauf abgebildet ist, sollte er aber, das ist die Botschaft dieses unsinnigen Gerichtsprozesses.

Autokratie wie in Russland

Der Wechsel vom Regierungschef zum Staatsoberhaupt ist ohnehin Autokratie à la Russland und braucht als solches nicht weiter kommentiert zu werden. Der Bürgerkrieg, der aus Trotz wegen der verfehlten Zweidrittelmehrheit nach der letzten Wahl gegen die Kurden angestrengt wurde, passt ebenfalls ins Bild.

Dass nunmehr die Behauptung kursiert, der Führer des Landes könne diesen dilettantischen Putsch, den die Welt nun erlebt hat, selbst angezettelt haben, ist angesichts dessen, was die Welt in den vergangenen Jahren aus der Türkei erlebt hat, zumindest nicht unmöglich.

Furchtbar ist das alles für die Türkinnen und Türken, die Herrn Erdogan vertrauen und nicht sehen können, wegen der gleichgeschalteten Presse, was eigentlich passiert: das Land ist weitab von seinem Modernisierungskurs, das Potential wird nicht ausgeschöpft, der Wert der Währung rauscht in den Keller und die Wirtschaft krebst vor sich hin - hinfort sind die Wachstumsraten.

Für Europa ist das ein Albtraum. Denn wenn aus den wackeligen Vorstädten Istanbuls Slums werden wie es sie beispielsweise in Kairo gibt und wie ich sie während meines Studienaufenthalt im Jahr 2003 dort gesehen habe, dann hat Europa ein riesiges Problem. Denn dann werden zu den syrischen Flüchtlingen türkische hinzukommen. Es steht doch ohnehin schon zu befürchten, dass es zu einer Auswanderung der Klugen und Reichen aus der Türkei kommen wird.

Ein Albtraum für Europa

Nun wird eine Welle der Repression über das Land gehen, die Anhänger des Erdogan-Rivalen Fetullah Gülen sollen über die Klinge springen. Sie werden für den Putsch verantwortlich gemacht und sind auch schon aus der Justiz verbannt worden. Das ist so wie wenn katholische Richter aus dem Amt entfernt werden, weil sie heimlich Weihrauch schnüffeln oder Papstvideos im Internet anschauen.

2004 war ich sehr begeistert von der Entwicklung in der Türkei. Damals konnte ich mir eine Türkische Republik im Kontext der europäischen Völker vorstellen. Davon ist heute nichts mehr übrig. Ein Putsch - gehen wir mal einen Moment davon aus, dass er nicht von Herrn Erdogan und seiner Clique angezettelt wurde - wäre hierfür auch nicht die richtige Lösung gewesen. Demokratisch gewählt heißt, dass man auch demokratisch abgewählt werden muss. Das Land, das nach der letzten Wahl ohnehin schon polarisiert wurde, geht unruhigsten Zeiten entgegen. Es ist zum Heuen.

Ich wünsche mir, dass ihr dort drüben nicht die Hoffnung und den Glauben daran aufgebt, gemeinsam in Vielfalt der Ethnien und Konfessionen zu leben. Eine liberale Demokratie ist anstrengend, aber sie verhindert Blutvergießen, Tränen, von Müttern und Familien auf allen Seiten. Lasst euch nicht eurer Zukunft berauben und euch nicht einreden, dass Freiheit und Islam nicht zusammen passen.

Herzlich!

Der Putschversuch in der Türkei wird sehr kontrovers diskutiert. Es gibt die unterschiedlichsten Meinungen und Analysen zu den Hintergründen. Alle Beiträge dazu findet ihr hier.

So deutlich wie Martin Schulz hat noch kein deutscher Spitzenpolitiker Erdogan kritisiert