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Die amerikanische Selbstaufgabe macht Platz für das chinesische Jahrhundert

03/06/2017 18:25 CEST | Aktualisiert 03/06/2017 18:25 CEST
Carlos Barria / Reuters

Als Barack Obama Präsident der Vereinigten Staaten war, verlagerte sich der Schwerpunkt der US-Außenpolitik Richtung Fernost. Das "Pazifische Jahrhundert" sah der 44. Präsident des Landes heraufziehen und die USA sollten weiterhin die Rolle der Gestalterin behalten, die sie seit dem Zweiten Weltkrieg gewonnen und ausgebaut hatten.

In Deutschland und anderenorts in Europa war man verschnupft. Denn trotz aller Freundschaftsbekundungen, nicht zuletzt für die deutsche Kanzlerin, wurde unter der Ägide Obama klar, dass die mit der Alten Welt verbündete Supermacht ihr Auge auf eine neue, viel versprechende Weltregion geworfen hatte.

Die Vereinigten Staaten von Amerika blickten selbstbewusst in eine Zukunft, in der sie sich die Welt mit der Einflusssphäre Chinas würden teilen müssen. Das nach innen gekehrte Europa würde zu einer tourist destination für den Rest der Welt werden, ein Disneyland mit Mittelalterkulisse, mehr nicht.

Das Fanal US-amerikanischer Selbstaufgabe

Eine Präsidentschaftswahl später und die Welt sieht völlig anders aus: Der Ausstieg Donald Trumps aus dem Freihandelsabkommen TPP, einer Allianz aus vierzehn, vor allem asiatischen Staaten und den USA, welches das land of the free vor Chinas Haustür zu einem beachtlichen Akteur gemacht hätte, wurde mit einem Federstrich verworfen.

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Der Ausstieg aus dem Pariser Klimaabkommen nun ist das Fanal US-amerikanischer Selbstaufgabe: alle Staaten der Erde erkennen diesen Vertrag an, außer Nicaragua, Syrien und jetzt auch den Vereinigten Staaten.

Den Rückzug aus einem Handelsabkommen, das von manchen Medien als nichts weniger als das größte seiner Art bezeichnet wurde, hätten die USA irgendwie verwinden können: mannigfaltig sind die Wirtschaftspartner, die das Land hat, und die Optionen, die daraus erwachsen.

Aber von dem perfekten Isolationismus, in den Donald Trump das Land nun geführt hat, werden die USA sich nicht erholen. Nicht umsonst mahnen Wirtschaftsleute in den USA ihren Präsidenten, von diesem Schritt abzulassen.

China übernimmt für die USA

Beide Male war das Argument von Herrn Trump, der sich als Businessmann und nicht als Politiker versteht, dass der Deal unfair für die Vereinigten Staaten gewesen sei. Doch seine America First-Politik ist ignorant gegenüber der Tatsache, dass das der Kampf um den Erhalt des weltweiten Klimas nicht nur einen Gewinner und viele Verlierer kennt.

Donald Trump handelt aufgrund seiner faktorenarmen Entscheidungsfindung gegen das Interesse des amerikanischen Volkes. In der Volksrepublik China hingegen hat die Führung erkannt, dass die Erwärmung der Erde die eigene Bevölkerung genauso wie den Rest der Welt treffen wird.

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China übernimmt daher nun auf der globalen Bühne die Rolle, die ihrem Selbstverständnis nach eigentlich den USA zugestanden hätte. Das Reich der Mitte hat sich zudem bereits mehrfach auf der internationalen Bühne zum Freihandel bekannt und erklärt, sich als starker Akteur für die globalisierte Weltordnung einzusetzen.

Deutschland schaut nach Osten, Richtung China

China unterstreicht seinen neuen Anspruch durch Investitionen in Infrastrukturprojekte auf der ganzen Welt. Gerade jüngst wurde angekündigt, weitere 90 Milliarden in Staudämme, Straßen und Kraftwerke zu investieren.

Wo die Amerikaner einst Militärstützpunkte errichteten, bauen die Chinesen heute - und erweitern so ihren Handlungsradius und ihre politischen wie wirtschaftlichen Möglichkeiten. Die Bundesrepublik Deutschland ist auf diesem Weg ein favorisierter Partner Chinas. Auch Deutschland steht auf den neuen Freund.

Der Besuch des chinesischen Ministerpräsidenten in Deutschland war nicht der erste und er wird auch nicht der letzte bleiben. Deutschland als einer der Top Drei in der Weltwirtschaft richtet nunmehr seinen Blick vom Westen weg nach Osten, Richtung China. Als Wirtschaftsmotor der Europäischen Union hat die Bundesrepublik Zugkraft für andere europäische Nationen.

Ein Jahrhundert unter der Führung Chinas

Die Konsequenz ist nicht etwa, dass die USA und Europa keine Verbündeten oder Freunde mehr wären. Die USA müssen sich in Zukunft eben einfach nur, in Anlehnung an ein Wort von US-Präsident Obama an die Briten, für den Fall, dass sie sich für den Brexit entscheiden würden, hinten in der Schlange anstellen.

Ein Land, dass sich durch seinen in allerlei Skandale verstrickten Führer in die Isolation führen lässt, kann nicht mehr auf präferierten Umgang mit dem Rest des Westens bauen.

Russland wird es freuen und von außen betrachtet sieht dieser vom US-Präsidenten selber forcierte, konsequente Abriss der Supermacht Amerika ohnehin schon wie der Stoff aus, aus dem Vladimir Putins feuchte Träume sind.

China geriert sich im Moment als rationaler, verantwortungsvoller globaler Akteur, Qualitäten, die die USA und Russland, die beiden Supermächte des 20. Jahrhunderts, vermissen lassen. Somit bricht in der Tat das Chinesische Jahrhundert an, dass die Pazifik-Region in eine blühende Landschaft verwandeln wird.

Ein Jahrhundert unter der Führung Chinas und nicht, wie es US-Präsident Obama gewollt und mit seiner Politik eingeleitet hat, eine weiteres, eine neue Phase unter der Führung der USA.

Alexander Görlach ist Gastwissenschaftler an der Harvard Universität, wo er an der Divinity School und am Center for Europan Studies im Bereich Politik und Religion forscht. Der promovierte Linguist und Theologe ist Senior Fellow des Carnegie Councils for Ethics in International Relations und Autor für die New York Times. Im akademischen Jahr 2017-2018 folgt Görlach Einladungen an die City University von Hong Kong und der Taiwan National University.

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