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Dabei hast du mir doch von Butler erzählt!

10/03/2016 11:21 CET | Aktualisiert 11/03/2017 11:12 CET
robertiez via Getty Images

Ich glaube an Veränderungen. Möglicherweise liegt das daran, dass ich mich selbst schon so oft so grundlegend gewandelt habe. „Warum kannst Du dich dann nicht auch verändern?", frage ich mich oft und vergesse, dass meine Veränderungen stets aus mir heraus geschahen. Weil ich sie wollte, nicht Du. Dich kann ich nicht verändern. Deshalb lasse ich es jetzt auch. Ich lasse Dich - so, wie du bist.

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Es ist schon seltsam, dabei warst Du derjenige, der mir diese Gedanken eingepflanzt hatte in mein konservatives Hirn. Du warst es, der mir als junger Erwachsener von Butler erzählte und von de Beauvoir.

Du sagtest mir, immer und immer wieder, dass Frauen und Männer nicht gleichberechtigt seien in unserer Gesellschaft. Ich hörte dir zu und lachte. Ich konnte es dir nie richtig glauben.

Und nun das. Zehn Jahre und zwei Kinder später messe ich Dich an dem, was Du damals zu mir sagtest. Dass alle Menschen gleichberechtigt sein sollten. Dass auch Frauen einer Lohnarbeit nachgehen sollten. Dass auch Männer sich gefälligst um die Kinder zu kümmern haben und den Haushalt.

So viel Liebe und Lachen

Ich nehme die Jahre, die wir miteinander verbracht haben, in meine Hände und begutachte sie. Da war so viel Liebe und Lachen.

Der Alltag hat diese Liebe zwischen seinen Fingern zerrieben, bis irgendetwas übrig blieb, das nicht mehr Liebe ist. Feiner Sand. Krümel von Zuneigung. Aber Liebe?

Der Nachteil daran mit seinem besten Freund verheiratet zu sein, ist, dass man auch seinen besten Freund verliert, wenn man sich von seinem Ehemann trennt.

Das will ich so nicht. Aber sind wir überhaupt noch Freunde? Wie würden wir es den Kindern erklären? Wer würde ausziehen? Bei wem würden die Kinder wohnen? Die Fragen drehen sich in meinem Kopf. Ich kann keinen klaren Gedanken mehr fassen.

Konnten wir überhaupt jemals gleichberechtigt sein? Wir hatten so unterschiedliche Ausgangsbedingungen. Du mit Deiner typisch männlichen Sozialisation. Ich mit meiner typisch weiblichen.

Wir sind unterschiedlich, aber nicht weil wir Mann und Frau sind, sondern weil wir unterschiedlich erzogen wurden. Du zum Mann. Ich zur Frau. Du konntest Dinge, die Männer typischerweise gut können. Ich konnte Dinge, die Frauen typischerweise gut können. So sind wir schon in unsere Beziehung gestartet.

Mit jedem Kind, mit jedem Jahr Elternsein hat sich die Ungleichheit noch mehr verfestigt. Nun verdienst in der Hauptsache Du das Geld, während ich den überwiegenden Teil der Care-Arbeit übernehme.

Weißt Du noch, wie wir uns stets gemeinsam veränderten? Wie wir im Studium alle gesellschaftlichen Normen auf Herz und Nieren prüften und sie nach und nach zum Einsturz brachten?

Weißt du noch, wie wir unsere neue Welt dann zusammen erschufen? Wie wir all die „Ismen" für uns entdeckten? Atheismus. Konstruktivismus. Minimalismus. Und dann: Feminismus.

Eine gleichberechtigte Beziehung führen

Du fingst damit an, Geschlechterrollen zu hinterfragen. Du stelltest Dich in Diskussionen auf die Seite der Sexarbeiterinnen. Du warst für die Pille danach. Und für Abtreibung. Du bist für die Quote und für eine verpflichtende Elternzeit für Väter. Doch eine gleichberechtigte Beziehung zu führen - nur Du und ich - das schaffen wir beide irgendwie nicht.

Wenn ich krank bin, sagst du: Wir müssen nicht jeden Tag warm essen. (Anstatt mal selbst zu kochen.) Oder: Dann bestellen wir uns halt was. Bist du vielleicht nicht einfach nur pragmatisch?

Du hältst mir die protestantische Ethik entgegen, wenn ich sage, dass etwas im Haushalt gemacht werden „muss". Du sagst, ich müsse doch nicht unbedingt jede Woche den Boden wischen. Wenn mir etwas zu viel wird, solle ich es einfach lassen. Doch was ist mit Dir? Wo siehst Du Dich in diesem Konstrukt?

Wie machen es die anderen Frauen eigentlich? Die Freundinnen, die Bekannten, die Nachbarinnen? Nehmen sie es irgendwann einfach in Kauf, dass Beziehungen nicht gleichberechtigt sind, sobald die Kinder kommen?

Ist das Resignation? Oder Verdrängung? Ist es eine bewusste Entscheidung oder ist es ihnen einfach nur egal? Merken Sie es vielleicht nicht einmal? Warum redet denn bloß niemand darüber?

Dabei hast Du mich doch auf den Feminismus gebracht! Mein Mann, der Feminist, scherzte ich immer.

Nur hast Du es bisher nicht geschafft, das, woran du theoretisch glaubst, auch praktisch umzusetzen. Du liest Bourdieu und Foucault und Butler und Laurie Penny.

Du durchschaust die sexistischen Strukturen, in denen wir leben. Aber Dein Feminismus ist bloß Theorie. Doch wenn noch nicht einmal wir es schaffen, die Theorie in die Praxis umzusetzen - wer dann? Ich bin traurig und wütend zugleich. Warum ist das alles so schwierig?

Lohn und Care-Arbeit gerecht aufteilen

Eine Beziehung, in der Frau und Mann zu gleichen Teilen Lohn- und Care-Arbeit übernehmen und dabei glücklich sind - gibt es das in der Praxis überhaupt? Mir fehlen die Vorbilder. Mir fehlen Familien, die mir zeigen könnten, wie das geht. Wie so eine Aufteilung praktisch aussieht.

Wie nicht nur offensichtliche Tätigkeiten wie Kochen, Einkaufen und Kinder-zum-Kindergarten-Bringen gerecht aufgeteilt sind, sondern auch all jene unsichtbare Bereiche, die sich nicht in einen Wochenarbeitsplan pressen lassen. Die Wechselwäsche im Turnbeutel checken. Dienstags an die Schwimmsachen denken. Muffins für den Kindergarten backen. Fingernägel schneiden und Fußnägel. Haare waschen. Haare kämmen. Haare föhnen.

Mit den Kindern auch mal zum Friseur gehen. Arzttermine vereinbaren. Zu Vorsorgeterminen gehen. Geschenke für Kindergeburtstage kaufen. Die Gespenstergeburtstagsparty, die sich der Dreijährige schon seit Wochen wünscht, planen, vorbereiten und durchführen. Warum mache das immer nur ich?

Wie teilt man (Mit-)Denken, Planen und Organisieren des Familienlebens gerecht auf? Wie die Verantwortung? Die Aufgaben, die ich Tag für Tag übernehme, die niemand sieht, weil sie selbstverständlich sind für mich als Frau - ich will sie doch gar nicht!

Wir streiten. Und wir vertragen uns. Ich meckere. Du schweigst. Wir loten aus.

Es ist anstrengend, jeden Tag aufs Neue gegen gesellschaftliche Strukturen und die eigene Sozialisation anzukämpfen. Feministische Elternschaft - das ist der schwierigere Weg. Wir diskutieren. Wir streiten. Und wir vertragen uns. Ich meckere. Du schweigst. Wir loten aus. Und reden. Ich weine und Du schweigst erneut. Wir reflektieren und wägen ab. Wir hinterfragen und kritisieren. Sind wir dabei noch glücklich? Wie lange soll das so weitergehen? Was ist das Ziel?

Konventionelle Familien und ihre festen Rollen

Manchmal denke ich: Die konventionellen Familien, die haben es einfacher. Da gibt es feste Rollen und weniger Tränen. Da gibt es sonntags Streuselkuchen und Harmonie. „Warum backst du die Pizza denn nicht selbst?", fragt mich meine Oma, wenn ich ihr erzähle, dass wir freitags immer Pizza bestellen. „Das geht doch ganz schnell", sagt sie. Ich schweige. Sind solche Frauen nicht glücklicher?

Du bist so, wie du bist.

Ich bin so, wie ich bin.

Ich kann dich nicht verändern.

Du kannst mich nicht verändern.

Ich muss mich entscheiden.

(Ich kann mir ein Leben ohne Dich gar nicht mehr vorstellen.)

Oder auch nicht?

Dieser Beitrag erschien auf umstandslos.com

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