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ICAN - verdiente Friedensnobelpreisträger?

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ICAN
Kevin Hagen via Getty Images
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Am 6. Oktober 2017 gab das Nobelpreiskomitee in Oslo die Verleihung des Friedensnobelpreis an die Internationale Kampagne zur Abschaffung von Atomwaffen, ICAN, bekannt.

Seitdem diskutiert die interessierte Öffentlichkeit, ob diese Organisation, von denen die meisten erst durch die Preisvergabe gehört haben dürften, diese außergewöhnliche Ehrung tatsächlich verdient hat.

Manch ein Kommentator fühlte sich an die Verleihung des Preises an Barak Obama erinnert, der maßgeblich für seine vielversprechenden Äußerungen zur atomaren Abrüstung ausgezeichnet wurde, auf diese jedoch in zwei Amtszeiten so gut wie keine konkreten Taten folgen ließ, ja sogar das US-Atomwaffenarsenal ausbauen ließ und allen ernsthaften multilateralen Abrüstungsinitiativen, auch ICAN, eine brüske Abfuhr erteilte.

Angesichts dieser aktuellen Debatte lohnt es sich, die Argumente der Kritiker kurz zu beleuchten.

ICAN - naiv und unrealistisch

Die am häufigsten geäußerte Kritik an den diesjährigen Preisträgern ist wohl, ICAN sei eine naive, blauäugige Gruppe von Idealisten mit unrealistischen Zielen und Forderungen.

Dieser Vorwurf wird oft von Kommentatoren geäußert, die entweder selber zum Atomwaffen-Establishment gehören oder die sich selber als "Pragmatiker" bezeichnen. Das klingt wichtig und erwachsen. Idealistische Aktivisten wie die von ICAN sind da schnell "Träumer" oder sogar "Blinde", die keine Ahnung haben, wovon sie sprechen.

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Interessant an diesem Vorwürfen ist vor allem, dass sie den Kernaussagen und Forderungen von ICAN nicht widersprechen, ihnen keine Argumente entgegenstellen, sondern sich lediglich darauf beschränken, die Umsetzung dieser Forderungen als wenig aussichtsreich und damit "unrealistisch" zu kritisieren.

Bezeichnenderweise sind es oft die selben Leute, die seit Jahrzehnten die Politik der gegenseitigen atomaren Abschreckung befürworten und sich bislang wenig Gedanken darüber gemacht haben, wie realistisch es ist, dass die Menschheit bei mehr als 15.000 Atomsprengköpfen dauerhaft vor einem absichtlichen oder versehentlichen Einsatz dieser Massenvernichtungswaffen verschont bleibt.

Ist es realistisch, davon auszugehen, dass die Stationierung von Atomwaffen im sogenannten "hair trigger alert", in dem die Massenvernichtungswaffen per Knopfdruck in wenigen Minuten abgefeuert werden können, dauerhaft gut gehen kann?

Dass es niemals zu einer Situation kommen kann, in der in einem Atomwaffenstaat ein psychisch kranker oder zumindest persönlichkeitsgestörter Staatschef den Knopf drückt, auch wenn er weiß, dass er damit unter Umständen das Schicksal der ganzen Menschheit besiegelt? Dass er, vielleicht auf der Basis von Fehlinformationen, in kürzester Zeit und unter immensem Druck eine fatale Entscheidung trifft?

Wir leben in einer Zeit von Cyberkriminalität und Cyberterrorismus, in der der mächtigste Mann der Welt seine Informationen hauptsächlich aus den ihm zugeneigten sozialen Medien und dem Frühstücksfernsehen bezieht und bereits mehrfach einen nuklearen Erstschlag angedroht hat. Ist es nicht naiv, zu glauben, dass dies auf Dauer gut geht?

Wie oft ist die Menschheit in den letzten 70 Jahren einem versehentlichen Atomkrieg zwischen den USA und Russland, bzw. der Sowjetunion durch pures Glück und einfache Befehlsverweigerung Einzelner noch einmal von der Schippe gesprungen? Zehn Mal? Fünfzig Mal? Hundert Mal?

Wir wissen von Dutzenden gut dokumentierten Situationen bis ins Jahr 1995 hinein, die allesamt das Ende der Menschheit hätten einläuten können. Die damals Verantwortlichen sprechen oft von"göttlicher Fügung". Ist das die Grundlage für eine "realistische" Militärstrategie"?

ICAN geht in seinen Analysen davon aus, dass es durchaus realistisch ist, dass es früher oder später zu einem absichtlichen oder versehentlichen Atomkrieg kommt - wenn man jetzt nicht konsequent handelt.

Diese Einschätzung teilen die meisten namhaften Friedensforschungsinstitutionen, der Generalsekretär der Vereinten Nationen, das Internationale Rote Kreuz und offenbar auch das Nobelpreiskomitee. Von vielen dieser Experten wie beispielsweise dem Bulletin of the Atomic Scientists, wird das Risiko eines Atomkrieges heute größer eingeschätzt als zu den Hochzeiten des Kalten Krieges. Erst kürzlich kam es selbst in der Vollversammlung der Vereinten Nationen zu unverhohlenen Androhungen eines Atomschlags. Wir leben in düsteren Zeiten.

ICAN kommt weiterhin zu dem Schluss, dass es realistischer ist, die bestehende Gefahr durch öffentlichen Druck, internationale Diplomatie und multilaterale Verhandlungen einzudämmen, als diese existentiellen Fragen weiterhin den Regierungen der neun Atomwaffenstaaten zu überlassen, die allesamt keine Neigung erkennen lassen, freiwillig auf ihre Atomwaffen verzichten zu wollen und die offenbar nicht in der Lage zu sein scheinen, deeskalierende Maßnahmen einzuleiten, wenn im Plenum der UN-Vollversammlung mit der nuklearen Auslöschung eines Mitgliedsstaates gedroht wird.

ICAN und die überwiegende Mehrheit der UN Mitgliedsstaaten sehen im Vertrag zum Verbot von Atomwaffen und der im Umfeld dieses Vertrags entstandenen internationalen Bewegung den realistischsten und erfolgversprechendsten Schritt zu einer ultimativen Abschaffung von Atomwaffen seit Ende des Kalten Krieges. Diese Position kann man teilen oder nicht; naiv ist sie keineswegs.

Alter Wein in neuen Schläuchen

Ein weiteres, oft geäußertes Argument von Kritikern ist das der mangelnden Aktualität. Die Vergabe des Friedensnobelpreises an ICAN offenbare die Hilflosigkeit des Nobelkomitees, welches immer wieder Preise an Organisationen vergebe, die für eine Abschaffung von Atomwaffen plädieren, ohne damit tatsächlich etwas zu bewirken.

ICAN habe keine neuen Argumente, biete keine neuen Methoden und habe keine neue Strategie. Wenn diese drei Argumente stimmen würden, könnte man den Kritikern recht geben. Glücklicherweise sieht die Realität aber anders aus. ICAN bringt tatsächlich viel neuen Wind in die verstaubten Abrüstungsverhandlungen - und tatsächlich auch neue Argumente, Methoden und Strategien.

Die von ICAN maßgeblich initiierte Humanitäre Initiative hat es geschafft, einen Paradigmenwechsel in der Debatte über Atomwaffen herbeizuführen.

Statt über nukleare Abschreckung und atomare Sicherheit zu diskutieren, wird jetzt über die fehlende völkerrechtliche Legitimität von Atomwaffen gesprochen; statt von Strategien eines Atomwaffeneinsatzes wird von dem katastrophalen humanitären Leid, das eine einzige Atombombendetonation für eine Stadt hätte und von den katastrophalen globalen Folgen eines atomar geführten Kriegs gesprochen.

Erstmals ist auch den Ländern im globalen Süden klar geworden, dass sie es sind, die im Fall eines regionalen Atomkrieges am meisten leiden würden. Ein regional begrenzter Atomkrieg zwischen Indien und Pakistan beispielsweise, mit "nur" 100 Atombomben mit einer Sprengkraft vergleichbar zur Hiroshima-Bombe, hätte nicht nur Millionen von Opfern in den beiden Ländern zur Folge, sondern durch das Aufwirbeln von Tausenden Tonnen Asche in die Stratosphäre auch einen globalen Temperaturabsturz wie ihn unser Planet noch nie erlebt hat, globale Ernteausfälle über einen Zeitraum von mindesten 10 Jahren und eine Hungersnot, die schätzungsweise ein Drittel der Weltbevölkerung mit dem Hungertod bedrohen würde und den Rest in einen Überlebenskampf um die knappen verbleibenden Ressourcen stürzen würde.

Es waren diese neuen Erkenntnisse von Klimaforschern, Wissenschaftlern und Ärzten, die ausschlaggebend waren für die erfolgreichen Verhandlungen des Verbotsvertrags.

Und plötzlich sind es nicht mehr die Atomwaffengegner, die sich rechtfertigen müssen für ihre Forderungen nach Abzug und Abrüstung, sondern die Atomwaffenstaaten, die sich rechtfertigen müssen, weshalb sie weiterhin an völkerrechtswidrigen Waffen festhalten, gegnerischen Zivilbevölkerungen mit einem atomaren Massenmord drohen (denn nichts anderes bedeutet das Prinzip der atomaren Abschreckung) und die gesamte Welt mit ihren gefährlichen Arsenalen in Geiselhaft halten.

Wenn in einem Haus einige Bewohner Sprengstoff lagern würden, mit dem sie das ganze Haus in Schutt und Asche legen könnten, dann würden die anderen Bewohner auch nicht für immer tatenlos zusehen, wie Einzelne das Leben und die Sicherheit Aller leichtfertig aufs Spiel setzen. Eben dies ist im Bezug auf Atomwaffen viel zu lange geschehen. ICAN und der Verbotsvertrag haben dieser stillschweigenden Akzeptanz des atomaren Status Quo ein Ende bereitet.

Eine weitere Neuheit an ICAN's Vorgehen war der strategische Focus weg von den neun Atomwaffenstaaten und ihren Verbündeten hin zu den 2/3 der UN-Mitgliedsstaaten ohne Atomwaffen. Selbstverständlich muss man mit den Atomwaffenstaaten verhandeln und ihre Unterstützung gewinnen, wenn es um die tatsächliche Abrüstung von Atomwaffen geht.

Aber das hatte man über 70 Jahre erfolglos versucht und war immer wieder an der einfachen Tatsache gescheitert, dass die Atomwaffenstaaten, im Glauben an die vermeintliche Macht und Sicherheit durch Atomwaffen, zu keinen relevanten Zugeständnissen bereit waren.

Die Fokussierung auf die Nichtatomwaffenstaaten, die ein handfestes Interesse daran haben, in einer Welt ohne atomare Bedrohung zu leben, ging daher auch einher mit einem strategischen Schritt zurück: Statt direkt auf eine Atomwaffenkonvention hinzuarbeiten, also einem umfassenden Vertragswerk, in dem sich die Atomwaffenstaaten zu konkreten Abrüstungsschritten verpflichten, zog man es vor, zunächst die völkerrechtliche Ächtung durchzusetzen - analog zu den Prozessen zur Abschaffung biologischer und chemischer Massenvernichtungswaffen.

Die Ächtung allein bewirkt zwar nicht die Abrüstung eines einzelnen Atomsprengkopfes, legt aber das Fundament für künftige Abrüstungsschritte. Und keine Atommacht kann mit ihrem Veto den Prozess stoppen.

Diese neue, offene und transparente Methode ("open for all, blockable by none") war einer der wesentlichen Faktoren für den Erfolg der Kampagne und der Verhandlungen zum Verbotsvertrag.

Ein Verbot von Atomwaffen kann nicht funktionieren, wenn die Atomwaffenstaaten es boykottieren

Im Dezember 2013 erklärte die österreichische Regierung ihren Willen, die völkerrechtliche Lücke zu schließen und Atomwaffen, wie alle anderen Massenvernichtungswaffen, durch einen internationalen Vertrag zu ächten. 158 weitere Staaten unterstützen mittlerweile diese "Humanitäre Erklärung".

Das sind mehr als 80% aller Staaten der Welt. Im Dezember 2016 beschloss die Vollversammlung der Vereinten Nationen eine Konferenz zur Schaffung eines geeigneten Vertragswerks zur Ächtung von Atomwaffen (mit 123 zu 38 Stimmen). Im März 2017 fanden die ersten Verhandlungen statt, im Juli 2017 wurde der Vertrag mit 122 Stimmen (bei einer Gegenstimme) verabschiedet. Seit September 2017 liegt der Vertrag zur Unterschrift aus. 53 Staaten haben ihn mittlerweile unterschrieben, bei mehr als 100 weiteren Staaten ist davon auszugehen, dass sie dies im kommenden Jahr ebenfalls tun werden.

Das Genfer Protokoll zur Ächtung von biologischen und chemischen Waffen von 1925 hatte anfangs nur 38 Unterzeichner. Die umfassende Biologiewaffenkonvention existiert mittlerweile seit 45 Jahren, die Chemiewaffenkonvention seit 25 Jahren und immer noch sind nicht alle Staaten den beiden Vertragswerken beigetreten.

Bedeutet das, dass diese Verträge nichts taugen? Keineswegs. Es wäre heute unvorstellbar, dass ein Staat offen mit dem Einsatz von biologischen oder chemischen Waffen droht oder eine Modernisierung seiner Arsenale ankündigt, wie das bei Atomwaffen noch der Fall ist.

Biologische und chemische Waffen sind nicht nur verboten, sie sind im wahrsten Sinne des Wortes geächtet und stigmatisiert. Auch wenn wir von einer wirklichen Atomwaffen-Konvention noch sehr weit entfernt sind, zeigen diese Beispiele doch, dass es sich lohnt, solchen Prozessen Zeit zu geben und nicht davon auszugehen, dass die Besitzerstaaten allzu schnell beitreten.

Zum jetzigen Zeitpunkt Prognosen darüber abgeben zu wollen, wie sich die Atomwaffenstaaten in den kommenden Jahren gegenüber dem völkerrechtlichen Verbot und seiner überwältigen Unterstützung in der Mehrheit der UN Mitgliedsstaaten verhalten werden ist daher deutlich verfrüht. Insbesondere ist genau auf die Situation in Großbritannien zu achten, wo mit Jeremy Corbyn ein Unterstützer von ICAN und des Verbotsvertrags eine realistische Chance hat, Premierminister zu werden.

Auch in einigen atomar bewaffneten NATO-Staaten wie den Niederlanden, besteht eine Chance, dass sich der öffentliche Druck auf die Regierung auszahlt und eine Unterzeichnung des Vertrags in einigen Jahren möglichen sein könnte.

Es offenbart übrigens ein sonderbares Verständnis des Völkerrechts, wenn eine Massenvernichtungswaffe von mehr als 2/3 der UN-Mitgliedsstaaten geächtet und verboten werden soll, und dies als "naiv" bezeichnet wird, weil die Besitzer dieser völkerrechtswidrigen Waffen ihre Arsenale nicht aufgeben wollen.

Wir sprechen immerhin von Waffen, die sowohl gegen die Genfer Konventionen als auch gegen die Haager Landkriegsordnung und die Universelle Erklärung der Menschenrechte verstoßen, da ihr Einsatz katastrophales humanitäres Leid in der Zivilbevölkerung verursachen würde und das Potential hätte, die gesamte Menschheit auszulöschen.

Auch bei anderen Massenvernichtungswaffen hat man mit der völkerrechtlichen Ächtung nicht gewartet, bis die Besitzerstaaten freiwillig ihre Arsenale aufgegeben haben. Die positiven Beispiele der biologischen und chemischen Konventionen wurden bereits erwähnt. Ähnliches gilt auch für die völkerrechtliche Ächtung von Landminen und Streubomben.

Im Fall von Streubomben beispielsweise haben die USA den Verbotsvertrag bis heute nicht ratifiziert. Ausgestiegen aus dem mörderischen Geschäft mit Streubomben sind sie dennoch - wenn auch unfreiwillig.

Es fand sich irgendwann einfach keine Rüstungsfirma mehr, die bereit war, die völkerrechtswidrigen Waffen weiter zu produzieren. Dabei ging es nicht bloß um weiche Faktoren wie Reputation, sondern um knallhartes Business. Zahlreiche Investoren hatten angekündigt, kein Geld mehr in Firmen zu stecken, die Streubomben herstellten.

Ähnliche Mechanismen sehen wir durch die von ICAN mitinitiierte Kampagne "Don't Bank on the Bomb" schon jetzt in Bezug auf Atomwaffen.

Es wäre töricht, die politische Dimension von Atomwaffen zu unterschätzen und zu erwarten, dass dieser Druck alleine ausreichen würde, um die Atomwaffenstaaten dazu zu bringen, abzurüsten. Ebenso töricht wäre es allerdings, diese Faktoren außer acht zu lassen, denn es sind eben nicht nur die Militärs und Regierungen, die Einfluss haben, sondern auch die Rüstungsfirmen, Banken, Investoren, Rentenkassen, Hedge Fonds und alle anderen, die am Geschäft mit Atomwaffen beteiligt sind.

ICAN? Noch nie gehört...

ICAN sei eine unbekannte und irrelevante Organisation, von der die meisten Menschen vor der Preisverleihung noch nie gehört hätten. Mit solchen Äußerungen wird seit der Vergabe des Friedensnobelpreises versucht, die Kampagne klein zu reden. Autorinnen solcher Zeilen haben entweder das Ziel, den atomaren Status Quo zu erhalten oder sie haben die Entwicklungen im Abrüstungsbereich in den letzten zwölf Jahren seit dem Scheitern der Überprüfungskonferenz des Nichtverbreitungsvertrags in 2005 nicht aufmerksam verfolgt.

Die drei vom ICAN angeregten Staatenkonferenzen in Oslo, Nayarit und Wien in 2013 und 2014, an denen am Ende mehr als 160 Staaten teilnahmen, stellten die wegweisendsten Veranstaltungen im atomaren Abrüstungskontext seit einem Vierteljahrhundert dar. Auf der letzten PrepCom in Wien im Frühjahr 2016 (Vorbereitungstreffen der Überprüfungskonferenz des Nichtverbreitungsvertrags) war die Humanitäre Initiative und der Plan eines Verbotsvertrags das heiße Thema, über das alle Delegationen sprachen. Dasselbe gilt für die Sitzung des Abrüstungsausschusses der Vereinten Nationen im Oktober 2016.

An niemandem, der sich auch nur halbwegs für atomare Abrüstung interessiert, kann die rasante Entwicklung des Verbotsvertrags in den letzten vier Jahren vorbei gegangen sein. Während das Konzept immer mehr Fahrt aufnahm, sich immer mehr Staaten hinter das Verbot stellten und die Nervosität der Atomwaffenstaaten immer größer wurde, war es stets die kleine, aber effektive und gut vernetzte Initiative ICAN mit ihren Tausenden von Aktivistinnen weltweit, die das Rad weiter drehte und das Thema weiter anschob.


Reaktionen der Atomwaffenstaaten

Die Tatsache, dass die Atomwaffenstaaten und ihre Verbündeten ICAN nicht gerade positiv gegenüberstehen ist wenig verwunderlich angesichts der fundamentalen Gefahr, die von den Ideen der Kampagne für den atomaren Status Quo ausgeht.

Jeder, den die Haltung und negative Reaktion der Atomwaffenstaaten ernsthaft überrascht, sollte sich anschauen, wie die selben Länder in den vergangenen Jahren auf die Kampagne regierten.

Zu Beginn, als ICAN gemeinsam mit dem norwegischen Außenministerium die Staaten der Welt 2012 nach Oslo einlud, wurde die Initiative von den Atomwaffenstaaten noch schlichtweg ignoriert. Ein weiterer harmloser Versuch, Atomwaffen zu diskreditieren, mag man in Washington, London, Moskau, Paris und Beijing gedacht haben.

Mit zunehmendem Erfolg und der Unterstützung von immer mehr Staaten und Institutionen wurde den Atomwaffenstaaten die Sache dann doch suspekt. Man versuchte, die Kampagne und die Humanitäre Initiative als lächerlich abzutun, ihr jeglichen Realismus abzusprechen und die alten Vorurteile von naiven Träumern auszupacken, die keinen blassen Schimmer davon haben, wie die Welt funktioniert.

Schon Ende 2014 allerdings sahen sich die Atomwaffenstaaten gezwungen, ihre Strategie zu ändern. Großbritannien und die USA folgten der Einladung ICANs und der österreichischen Regierung zur 3. Staatenkonferenz in Wien, um vor Ort kundzutun, wie wenig sie von der Kampagne und den Plänen eines Verbotsvertrags halten. Regierungen in Partnerländern wie Deutschland wurden massiv unter Druck gesetzt.

Es galt, die Front der Atomwaffenbefürworter nicht bröckeln zu lassen. In Schweden löste die Bekanntmachung des politischen Drucks aus Washington auf gewählte Volksvertreter sogar eine Regierungskrise aus. Jetzt, nach Verleihung des Friedensnobelpreises, wird sich der Druck auf Staaten wie Japan, Südkorea, Australien, Deutschland, Italien und die Beneluxländer weiter erhöhen.

Jedes Land, welches aus dem Atomwaffenbündnis ausschert, bedroht die Maxime der nuklearen Abschreckung. In all diesen Staaten gibt es in der Bevölkerung deutliche Mehrheiten für ein Atomwaffenverbot, was die Regierungen in Erklärungsnöte bringen dürfte.

Mahatma Gandhi hat einst gesagt: "Erst ignorieren sie Dich, dann lachen sie über Dich, dann bekämpfen sie Dich und dann gewinnst Du." Die zum Teil heftigen Reaktionen aus dem Lager der Atomwaffenstaaten in den letzten Tagen sollten in diesem Kontext gesehen werden. Vielen wird jetzt erst klar, dass sie gerade dabei sind, die Kontrolle über den öffentlichen Diskurs zu verlieren und reagieren entsprechend.

So wird NATO-Generalsekretär Stoltenberg mit der Aussage zitiert, der Verbotsvertrag bringe das Ziel einer Welt ohne Nuklearwaffen nicht näher und gefährde sogar die Fortschritte bei der Abrüstung und Nichtweiterverbreitung von Atomwaffen. "Die Nato bedauert es, dass die Voraussetzungen für nukleare Abrüstung derzeit nicht vorteilhaft sind". Mehr Zynismus ist kaum vorstellbar; mehr Hilflosigkeit angesichts der sich wandelnden öffentlichen Debatte ebenfalls.

ICAN und der Verbotsvertrag bieten keine wirkliche Antwort auf die Situation in Korea

Viele Kommentatoren stellen den Friedensnobelpreis in Bezug zur aktuellen Eskalation des Konflikts auf der koreanischen Halbinsel. Manche gehen soweit, das nordkoreanische Atomwaffenprogramm sogar als "bestes Argument für Atomwaffen" zu bezeichnen und postulieren, dass die US-Atomwaffen in irgendeiner Weise dabei helfen würden, den Konflikt zu entschärfen oder zumindest einzufrieren.

Dies erscheint angesichts der langen Geschichte dieses Konflikts reichlich unplausibel. Als die USA im Koreakrieg Anfang der 1950'er Jahren Nordkorea mit Flächenbombardierungen dem Erdboden gleich machte, besaßen sie bereits Atomwaffen und spielten zwischenzeitlich sogar mit dem Gedanken, diese über Nordkorea anzuwerfen.

Die konventionellen Bombardierungen waren jedoch so effektiv und zerstörerisch, dass selbst diese aus Ermangelung an möglichen Zielen eingestellt werden mussten. Es gab 1953 im Norden schlichtweg keine Stadt, Militäreinrichtung, Brücke, Hafenanlagen oder andere Infrastruktur, die sich noch zu bombardieren lohnte. So blieb Nordkorea das Schicksal Japans erspart.

Das Trauma des Koreakriegs bestimmt bis heute die Staatsraison Nordkoreas und die Erfahrungen der US-amerikanischen Invasion ist weiterhin omnipräsent in der abgeschotteten Diktatur, die sich bis heute offiziell im Krieg mit den USA und Südkorea befindet.

Dies mag der entscheidende Faktor dafür gewesen sein, dass sich Nordkorea anmaßte, mit den großen Weltmächten gleich zu ziehen und sich durch die Entwicklung von Atomwaffen zu "verteidigen".

Niemand ist glücklich über die Tatsache, dass Nordkorea offenbar erfolgreich dabei war, sich atomar zu bewaffnen. Aber man kommt auch nicht umhin, Pjöngjangs Logik zu verstehen, angesichts der wiederholten Androhungen eines Regimechanges durch die USA und die abschreckenden Beispiele aus Ländern wie Libyen, Afghanistan oder dem Irak.

Atomwaffen sind die großen "Gleichmacher" und können selbst ein bitterarmes, kleines Land wie Nordkorea in eine Machtposition bringen, von der es ohne Atomwaffen nie träumen könnte.

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Die Atomwaffen der USA konnten diese Entwicklung nicht verhindern. Ganz im Gegenteil: Sie legten erst die Grundlage für die Proliferation an spaltbarem Material und Atomtechnologie, die Nordkorea sich zu Nutze machen konnte.

Die traurige Quintessenz aus 70 Jahren Atomzeitalter lautet daher: Solange sich einige mächtigen Staaten für ihre Sicherheit auf Atomwaffen verlassen, werden andere auch nach diesen Waffen streben.

Der Konflikt auf der koreanischen Halbinsel ist somit gerade ein Beispiel dafür, wie uns das Konzept der nuklearen Abschreckung geradewegs in eine Eskalationsspirale führt. Es bräuchte vertrauensbildende Maßnahmen, ein Ende der gegenseitigen Drohungen, Verhandlungen auf Augenhöhe und das klare Ziel einer Denuklearisierung - nicht nur Nordkoreas, sondern der ganzen Welt.

Kritiker von atomarer Abrüstung merken an, dass es töricht wäre, wenn der Rest der Welt seine Atomwaffen abrüsten würde und Staaten wie Nordkorea ihre behalten würden. Ein solches Szenario ist zwar so weit von der Realität entfernt, dass es sich kaum lohnt, ernsthaft darüber zu streiten, aber selbst wenn man sich auf das Gedankenspiel einlässt, muss man feststellen, dass nichts die Gefahren des nordkoreanischen Atomwaffenprogramms besser eindämmen könnte als eine glaubhafte und konsequente Denuklearisierung der anderen Atomwaffenstaaten.

Umgekehrt gibt es nichts, was man Pjöngjang anbieten könnte, um sie dazu zu bewegen, ihre Atomwaffen wieder abzurüsten und auch keine realistische militärische Option. Es gibt es also nur die Möglichkeit, mit einem atomar bewaffneten Nordkorea zu leben (und hoffentlich zu verhandeln) oder Nordkorea genau wie Russland, China, Israel, Pakistan und Indien als Partner in einer überprüfbaren, gemeinsamen nuklearen Abrüstung zu sehen und den mühsamen Weg zu beschreiten, die Arsenale Schritt für Schritt zu reduzieren.

Schon eine glaubhafte Absichtserklärung in diese Richtung wäre ein diplomatischer Meilenstein und an vertrauensbildenden Maßnahmen nur schwer zu überbieten. All das ist noch Zukunftsmusik. Naiv ist es jedoch keineswegs - zumindest nicht naiver als die Vorstellung, Nordkorea würde seine Atomwaffen ohne entsprechende Gegenleistungen freiwillig aufgeben.

Abschließend lässt sich zusammenfassen, dass die oftmals vorgebrachten Kritikpunkte an der Verleihung des Friedennobelpreises an ICAN einer kritischen Analyse nicht Stand halten. Es bleibt bei der Feststellung, dass sich nationale und globale Sicherheit nicht durch Atomwaffen schaffen lässt, sondern nur durch deren Abschaffung.

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