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Abschied vom nuklearen "Status Quo"

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
ATOMBOMBE
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Im kommenden Jahr begeht die Menschheit einen Jahrestag der besonderen Art. Vor 70 Jahren begann in der W├╝ste von New Mexico mit einer ohrenbet├Ąubenden Explosion und einem Licht, das ÔÇ×tausend Sonnen" glich, das Nukleare Zeitalter.

Auf dem langen Weg von der atomaren Verw├╝stung der St├Ądte Hiroshima und Nagasaki ├╝ber mehr als 2.000 Atomwaffentests bis zur bedrohlichen Situation heute, in der mittlerweile neun Staaten ├╝ber Atomwaffen verf├╝gen, schrammte die Menschheit unz├Ąhlige Male an einem Atomkrieg und an ihrer Ausl├Âschung vorbei: ob vor der K├╝ste Kubas oder am Checkpoint Charlie, ob durch unangemeldete NATO-Man├Âver oder defekte sowjetische Fr├╝hwarnsysteme.

Die Verantwortlichen von damals, wie Robert McNamara, US-Verteidigungsminister w├Ąhrend der Kubakrise, wissen genau, was den Atomkrieg letztlich verhindern konnte: ÔÇ×In the end it was luck." Ganz offensichtlich gibt es in diesem Nuklearen Zeitalter kaum etwas, auf das wirklich Verlass ist.

Auf eines allerdings konnten sich die Atomm├Ąchte bisher immer verlassen: dass niemand ihre Vormachtstellung antastet. Komme was wolle, die "Permanent Five", die f├╝nf st├Ąndigen Mitglieder im UN-Sicherheitsrat, die ihre Massenvernichtungswaffen in st├Ąndiger Einsatzbereitschaft halten, konnten immer darauf z├Ąhlen, dass niemand ihr nukleares Monopol ernsthaft in Frage stellen w├╝rde.

Als das kleine Costa Rica, immerhin einer der engsten Verb├╝ndeten der USA, 1997 der UN einen Entwurf f├╝r eine Konvention zur Abschaffung von Atomwaffen unterbreitete, wurde dieser konstruktive Vorsto├č noch recht nonchalant vom Tisch gefegt. Und auch als 2007 die Regierung Malaysias eine solche Konvention unterst├╝tze und der UN erneut zur Befassung vorlegte, wurde ihr Anliegen mit dr├Âhnendem Schweigen beantwortet.

Aktuell klagen die Marshallinseln, ein weiterer US-Verb├╝ndeter, vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Ihr Vorwurf, dass die Atomwaffenstaaten ihren Abr├╝stungsverpflichtungen nicht nachkommen, ignorierten die angeklagten Regierungen schlichtweg.

Nun aber scheinen diese alten Gewissheiten in Frage gestellt zu werden, denn seit letztem Jahr regt sich Widerstand. Im M├Ąrz 2013 trafen sich Vertreter von mehr als 130 Regierungen in Oslo, um ├╝ber die humanit├Ąren Konsequenzen von Atomwaffen zu sprechen.

Der Grund: Neue Klimastudien zeigen, dass die alte Sorge um einen "Atomaren Winter" nicht nur berechtigt, sondern noch viel zu optimistisch war: nicht nur ein atomarer Weltkrieg zwischen Russland und den USA k├Ânnte eine menschengemachte Eiszeit ausl├Âsen. Schon ein regionaler Atomkrieg, gef├╝hrt mit den vergleichsweise kleinen Atomwaffenarsenalen von L├Ąndern wie Indien oder Pakistan, w├╝rde infolge von aufsteigendem Ru├č und Asche relevante Temperaturabf├Ąlle ausl├Âsen und ├╝ber mehrere Jahre zu verheerenden Ernteausf├Ąllen f├╝hren.

Akute Lebensmittelknappheit, Teuerungsspiralen und globale Hungersn├Âte mit mehr als 2 Milliarden an Hunger sterbenden Menschen w├Ąren die Folge eines solchen regionalen Atomkriegs - eine globale humanit├Ąre Katastrophe.

Die Staats- und Regierungsvertreter in Oslo erkannten rasch die Brisanz dieser neuen Erkenntnisse und begannen unter der Federf├╝hrung der Regierungen Norwegens, Mexikos, S├╝dafrikas und ├ľsterreichs, einen politischen Prozess, der n├Ąchstes Wochenende in der ÔÇ×Wiener Konferenz zu den humanit├Ąren Auswirkungen von Kernwaffen" einen vorl├Ąufigen H├Âhepunkt erreichen wird und an dessen Ende ein internationales Abkommen zur ├ächtung von Atomwaffen stehen k├Ânnte.

Mehr als 150 Staaten aus aller Welt haben sich bereits angek├╝ndigt, unter anderem die USA und Gro├čbritannien, die als erste der offiziellen Atomwaffenstaaten erkannt haben, dass sie sich diesem immer mehr an Fahrt aufnehmenden Prozess nicht mehr entziehen k├Ânnen.

Auch Vertreter der Internationalen ├ärzten f├╝r die Verh├╝tung des Atomkriegs (IPPNW) werden bei der Konferenz in Wien anwesend sein, um ├╝ber die katastrophalen humanit├Ąren Folgen von Atomwaffen zu informieren. Sie werden ihre Studien zur Nuklearen Hungersnot pr├Ąsentieren und auf die weltweit Hunderttausenden Menschen aufmerksam machen, die von Atomwaffen gesch├Ądigt sind.

Ihnen ist die neue Ausstellung ÔÇ×Hibakusha Weltweit" gewidmet, die auf der Wiener Konferenz gezeigt wird. 1985 erhielt die IPPNW den Friedensnobelpreis f├╝r ihre Arbeit zur Verh├╝tung des Atomkriegs; jetzt geht es darum, Atomwaffen ein f├╝r alle Male zu ├Ąchten.

Die Unterst├╝tzung vieler Regierungen aus aller Welt ist bereits sicher. Und so schwindet die Gewissheit, dass sich nichts ├Ąndern wird am nuklearen "Status Quo". Und vielleicht l├Ąutet der 70. Jahrestag des Nuklearen Zeitalters auch dessen baldiges Ende ein. Der Menschheit w├Ąre es zu w├╝nschen.

Dr. med. Alex Rosen
Kinderarzt in Berlin
Vorstandmitglied der IPPNW Deutschland

  • Ausstellung Hibakusha Weltweit: http://www.hibakusha-weltweit.de
  • Studie zur "Nuklearen Hungersnot": http://www.ippnw.org/nuclear-famine.html
  • Wiener Konferenz: http://www.hinw14vienna.at


Video: Der Fehler mit dem Katzenstreu: USA machen Atomlager aus Versehen zur Bombe


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