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Dr. Albert Wunsch Headshot

Wenn Burka oder Niqab Konflikte auslösen?

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Dieses Verhalten eines Busfahrers sorgte für Diskussion: Weil er eine Burka-Trägerin nicht befördert hatte, wurden ihm eine Strafe zwischen 55 und 10.000 Euro angedroht. (Link zum Unterlegen: http://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/oldenburg_ostfriesland/Busfahrer-verweigert-verschleierter-Frau-die-Fahrt,emden1162.html) Das Netz überschlägt sich mit Beiträgen wie: Die einen rufen Bravo, er sollte die 10.000 bekommen und dazu den Verdienstorden am Bande.

Anderen schreien Diskriminierung, Fremdenhass, Ausländerfeindlichkeit und Islamphobie. Letzteres scheint mir arg übertrieben, wenn ich bedenke, dass das fehlende Foto auf einem Schülerausweis schon ausreicht, nicht mitgenommen zu werden. Ein Interview mit dem Sozial-Psychologen Albert Wunsch soll der Klärung dienen.

Herr Dr. Wunsch, warum möchten Menschen ins Gesicht ihres Gegenübers schauen können?

Nichts sagt soviel über eine Persönlichkeit, deren Stimmung und Gesinnung aus, wie das Gesicht. Jede Gesichtverhüllung verunsichert eine Kontaktaufnahme. Wir möchten wenigsten ansatzweise eine Einschätzung haben, wer unser Gegenüber ist, um so zu eruieren, ob eher Zuversicht oder Vorsicht angebracht ist. So drückt das unverhüllte Gesicht Offenheit und Fairness aus. Nicht von ungefähr waren Ritter-Kämpfe mit offenem Visier ein Beleg dafür, dass die Beteiligten sich Aug in Aug mit Mut und Ehre gegenüber traten. Jegliche Gesichtsverhüllung löst also in der Regel Unsicherheit, Angst oder gar Panik aus und ist häufig ein Beleg dafür, bewusst etwas verbergen zu wollen. Selbst die Narren-Maske hat das Ziel, unerkannt handeln zu können. So vermummen sich Diebe, Bankräuber, Terroristen und Geheimbünde, wie z.B. die Mitglieder des gewalttätig agierenden Ku-Klux-Klan, um nicht identifizierbar zu sein um sich so möglichst einer Straf-Verfolgung zu entziehen. Andererseits achten Bewerber darauf, dass ihr beigefügtes Foto einen möglichst guten Eindruck beim möglichen Arbeitgeber auslöst und fähige Ärzte verschaffen sich über Augen und Gesichtszüge eine erste Einschätzung vom Gesundheits- bzw. Krankheits-Zustand. Auch viele Tier nutzen ihre Augen und den Geruchs-Sinn zu einer Art Hochrechnung, wer wohl bei einem Kampf den kürzen ziehen würde.
Herr Dr. Wunsch, eine Ganzkörperverhüllung ist in Europa nicht angesagt. Welche Ängste können sich dahinter verbergen und welche Vermutungen und Phantasien entstehen in den Köpfen der Menschen, wenn Sie eine komplett verhüllte Frau sehen?

Nun, ich gehe davon aus, dass eine Ganzkörper-Verhüllung - ob diese nun bei einer Frau oder einem Mann deutlich wird - vergleichbare Unsicherheiten und Ängste auslöst. Wenn nun die Verhüllungsart, beispielsweise eine Burka, noch zusätzlich mit negativen Assoziationen verbunden ist, bündelt sich die eigene Unsicherheiten mit Vorurteilen oder negativen Erfahrungen und verstärken die Angst. Denn wenn fast täglich von Gewalt-Attacken aus dem muslimisch geprägten Kultur-Kreis zu berichten ist, werden auch Burka oder Niqab zum Indiz einer Personifizierung von Gewalt. Das ist auch nachvollziehbar, denn Frauen und besonders Mütter haben - ob durch Gewähren-Lassen oder fehlende Gegen-Maßnahmen - einem großen Anteil am meist männlichen Gewaltpotential. Da also in der europäischen Kultur die Einsehbarkeit des Gesichtes mit Offenheit und Vertrauenswürdigkeit in Verbindung gebracht wird, löst jede Ganzkörperverhüllung erst recht Misstrauen und Abwehr aus. Häufig werden dem Gegenüber dann negative Absichten unterstellt. Selbst Sonnenbrillen, erst recht in Spiegeloptik, werden von kultivierten Menschen sofort abgesetzt, um Unsicherheits-Reaktionen beim Gegenüber zu vermeiden.

Herr Dr. Wunsch, wozu dient Ihrer Meinung nach die offensichtliche Demonstration eine Religionszugehörigkeit in der Öffentlichkeit, noch dazu in einem Kulturkreis, der es nicht üblich ist, religiöse Attribute demonstrativ nach außen zu tragen?

Auch wenn viele Frauen aus dem arabischen Kultur-Raum durch ihre - für sie meist selbstverständlich getragene - Kleidung bei uns auffallen, unterstellen wir aber nach meiner Einschätzung zu vielen, dadurch auch öffentlich eine aktive Religionszugehörigkeit dokumentieren zu wollen. Für viele ist diese Kleidung ein Ausdruck der heimatlichen Kultur. Die Trennlinie zwischen kulturellen und religiösen Aspekten scheint mir somit recht unscharf zu sein, denn die ‚Verweltlichung' macht auch vor den Religionen des vorderen Orient bzw. nördlichen Afrika nicht halt Denn wenn beispielsweise die tägliche religiöse Praxis oder Kenntnisse des Koran angefragt werden, zeigt sich häufig, dass die Religionszugehörigkeit im Alltag nicht sonderlich stark gelebt wird. So tragen viele moderne Frauen aus arabisch geprägten Ländern religiös wirkende Kleidungsstücke, ohne damit eine Glaubensbotschaft zum Ausdruck bringen zu wollen. Dies trifft besonders auf das Kopftuch zu, welches ja nicht nur für den Islam prägend ist. Aber auch in unserer Kultur tragen viele Frauen Kreuze als Hals-Schmuck, ohne damit eine christliche Botschaft ausdrücken zu wollen.

Herr Dr. Wunsch, kann es sein, dass Menschen mit Migration-Hintergrund im Ausland ihre Ursprungs-Kultur exzessiver als in der ursprünglichen Heimat leben?

Ja, bei fast allen Migranten-Gruppen ist feststellbar, dass im Auswanderungsland eigene Sitten, Gebräuche und Kleidungs-Bevorzugungen eine größere Bedeutung als im Heimatland haben. Das ist sozialpsychologisch gut zu erklären, weil es den Zusammenhalt fördert. So wird die Herkunfts-Kultur und eigene Identität lebendig gehalten. Wenn also in Nashville das größte Oktoberfest in den USA gefeiert wird, heißt das nicht, dass die vor Generationen ausgewanderten Bayern heute noch die Hochzeit von Ludwig von Bayern und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen feiern und möglichst eine Monarchie in Tennessee ausrufen wollen. Auch „deutsche" Karnevalsbräuche in den USA wurden aus traditionellen Gründen in der ‚Fremde' besonders intensiv wach gehalten.

Herr Dr. Wunsch, der linksgrüne Zeitgeist gibt sich offen und bunt. Er schreit geradezu nach Toleranz dem Fremden gegenüber. Eine Verschleierung ist weder bunt, noch zeigt sie Offenheit. Wie erklären Sie sich diesen Widerspruch gerade auf der religiösen Ebene bzw. gegenüber einem fremden Kulturkreis?

Diese Frage müsste an die Vertreterinnen und Vertreter dieses bunt schillernden Zeitgeistes gerichtet werden. Mir bietet sich jedenfalls keine durch Fakten begründbare Antwort an. Denn um eine Achtung oder Wertschätzung gegenüber religiösen Überzeugungen kann es sicht handeln, da diese Gruppierungen häufig christliche Werte gezielt diffamieren oder offensiv bekämpfen. Und da viele Einwanderer aus dem arabisch-muslimisch geprägten Kulturraum sich durch eine tief sitzenden Intoleranz gegenüber unseren Umgangsstilen und Wertvorstellungen sowie eine Missachtung von Gesetze hervortun, müssen sich die Protagonisten dieses grün-rotes Zeitgeistes fragen lassen, was die eigentliche Absichten dieser tolerant wirken sollenden Aktionen gegenüber diesen Einwanderern sind.

Herr Dr. Wunsch, warum ist es wichtig, offen seinem Gegenüber aufzutreten und wo hört bei Ihnen die Toleranz auf?

Die Wichtigkeit eines offenen Gegenübertretens habe ich durch verschiedene Aspekte verdeutlicht. Die Toleranz hört auf, wenn Menschen diese kulturellen Übereinkünfte missachten, besonders wenn sie unser Sozialsystem einerseits großzügig nutzen, sich aber andererseits nicht in unsere Gesellschaft eingliedern wollen. Wenn also Menschen aus anderen Kulturen hier auf Zukunft leben wollen, haben sie den durch unsere Kultur geprägten Umgang - vor allem im öffentlichen Raum - umfassend zu berücksichtigen.

Das Interview führte Helmut Zilliken.

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