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Helikoptereltern bereiten ihre Kinder nicht aufs Leben vor

22/09/2015 09:42 CEST | Aktualisiert 21/09/2016 11:12 CEST

75 Prozent der Deutschen glauben, dass wir auf dem Weg in eine Gesellschaft von Egoisten sind und dies vor allem dadurch, dass Eltern ihre Kinder verwöhnen. So das Ergebnis einer Umfrage des Magazins "Familie&Co". Besonders die so genannten Helikopter-Eltern verhindern eine mutmachende Lebensvorbereitung.

Ständig sind sie zur Stelle mit ihrem: ‚Ich mach das schon für dich', ‚Das wird zu schwer sein', ‚Magst du dies wirklich noch essen', ‚ Wenn du nicht möchtest, dann brauchst du nicht... ' In den USA wird schon zwischen elterlichen „Rettungs-, Kampf- und Transport-Hubschraubern" unterschieden.

Wer die Vergleiche mit diesem Fluggerät nicht mag, sollte trotzdem sein eigenes Verhalten kritisch überprüfen. Denn dass Eltern anstelle ihrer Kinder - ob beim Streit im Sandkasten, in der Schule oder beim Nachwuchs-Fußballclub - in die Kampf-Arena steigen oder ihre Töchter und Söhne ständig herumchauffieren, um ihnen ein müheloses Leben zu ermöglichen, ist zur „Normalität" geworden.

Der dänische Familientherapeut Jesper Juul, der als Verfechter einer entspannten Erziehung gilt, beschreibt in einem Spiegel-Interview die Folgen von Überbehütung so: „Verwahrlosung, Ignoranz und Desinteresse", so argumentiert er, „richteten gar weniger Schaden in Kinderseelen an als jener Narzissmus, der den Nachwuchs glücklich und erfolgreich sehen will, um sich selbst als kompetent zu erleben."

Ohne Herausforderungen werden Kinder zu Nichtskönnern und Versagern

Um Handlungskompetenz, Selbstbewusstsein und Verantwortung fürs eigene Leben in Beruf, Partnerschaft, Familie und Gesellschaft zu erwerben, ist Hinwendung und nicht Verwöhnung notwendig.

Wachsen Kinder jedoch in einem zu behüteten Umfeld auf, fehlt der Entwicklung von Selbstwirksamkeit - ein Schlüsselbegriff der Resilienz-Forschung - die Basis. Denn ein Aufwachsen im Schongang, führt nicht zu Durchhaltekraft, Stabilität, Selbstbewusstsein und Eigenverantwortung.

Wer jedoch Kindern ständig Hindernisse aus dem Weg räumt, ihnen Mühe und Schweiß, täglich notwendige Arbeiten oder Mitwirkungen ersparen will - selbst die Erfahrung von Trauer, etwa beim Tod der Großeltern - der führt diese gezielt in ein Terrain von Misslingen und Zukunftsangst.

Solche Kinder wissen nichts über andere Menschen und nichts über sich selbst. Sie spüren nicht, was es heißt, traurig oder frustriert zu sein, kennen kein Mitgefühl, besitzen keine Herzenswärme, sind letztlich unter sozialen Aspekten lebensuntauglich.

Kennzeichen sozialer und emotionaler Kompetenz

Gut begleitete und mit Herausforderungen aufgewachsene Kinder lassen sich nicht vom ersten Gegenwind umpusten, sehen sich nicht als den Mittelpunkt der Welt, bringen sich förderlich in die Gemeinschaft ein, lernen mit Spannungen und Konflikten umzugehen, können nachgeben ohne aufzugeben, erkennen mit dem Älterwerden immer deutlicher, dass Eltern nicht das Attribut der Vollkommenheit besitzen und demnach nicht immer alles richtig machen.

Das hat zur Folge, auch mit eigenen Begrenztheiten besser umgehen zu können. So erhalten Kinder die besten Voraussetzungen, sich zu liebenswürdigen Erwachsenen mit einem stabilen Ich entwickeln zu können. Es geht also um die Vermittlung einer „Ich pack' das Leben an"-Haltung.

Wir erziehen Könige und Königinnen

Der Irrglaube, dass eine Ausgrenzung von kindgerechter Anstrengung und Mühe den Start ins eigenständige Leben erleichtern könne, verbreitet sich rasant. Aber wie können sich Kinder auf das Leben in Beruf, Familie und Freizeit vorbereiten, wenn ihnen das notwendige Einübungsfeld verwehrt wird, sie kaum Konsequenzen ihres Handelns erfahren?

Der Lebensalltag verdeutlicht immer wieder neu: Wer Selbstverantwortung und Eigenständigkeit nicht erlernt, kann nicht mit Anderen zielorientiert und erfolgreich handeln, wird kaum zu Selbstwirksamkeit und innerer Zufriedenheit gelangen. Stattdessen werden Nichtkönnen und Versagen gefördert.

Der schwedische Psychiater, Bestsellerautor und sechsfache Vater David Eberhard schreib in seinem gerade in Deutschland erschienenen Buch über „die monströsen Auswüchse einer liberalen Erziehung":

„Kleine Königinnen und Könige, denen möglichst viele Steine aus dem Weg geräumt wurden und in der Folge allen auf der Nase herumtanzen, sind später vom Leben enttäuscht, weil man sie nicht auf die Anforderungen eines eigenständigen Lebens in der Gesellschaft vorbereitet hat." Viele Probleme in Beruf, Partnerschaft und Familie haben dort ihren Ursprung.

Verwöhnte Teenies brechen das Studium ab

Das erzieherische Unvermögen im Umgang mit unseren Kindern ist extrem verbesserungsfähig. Hier zwei aktuelle Belege zu verwöhnten Kindern aus der Schweiz:

„Mami, gib mir Geld oder ich schlage dich. - Das neuste Smartphone, die coole Tasche: Bekommen Kinder und Jugendliche nicht, was sie wollen, ticken sie aus."

„Verwöhnte Teenies kriegen keine Lehrstelle. - Kritikunfähig, zart besaitet, zu wenig ehrgeizig: Viele müssen ihre Lehre abbrechen, weil sie zu verwöhnt sind", sagt Psychologe Henri Guttmann.

Dazu titelt „DIE WELT": „Die Schule geschafft, aber der Arbeitswelt nicht gewachsen. - Seit Jahren sollen ‚unnötige Härten' vermieden werden: keine Grundregeln beim Schreiben, keine schriftlichen Prüfungen, kein Sitzenbleiben. Mit der wahren Arbeitswelt sind Jugendliche so überfordert".

Und wenn dann die exklusiv im Auftrag des Stern durchgeführte tiefenpsychologische Kinderstudie als Resultat formuliert: "Eltern, erzieht uns endlich wieder!" und folgert: „Nicht Leistungsdruck überfordert unseren Nachwuchs, sondern Eltern, die ihren Job nicht richtig machen", dann ist adäquates Handeln angesagt.

„Es geht um meine Kinder, da hat sich niemand einzumischen"

Eingefahrene Verhaltensmuster, eine zu starke Identifikation mit dem eigenen Nachwuchs, permanent Zeitdruck zu empfinden, selbst keine Spannung oder Anstrengung aushalten und sich nicht wirklich auf das eigene Kind mit seinen jeweiligen Bedürfnissen einlassen wollen beziehungsweise können, dies sind die Gründe fürs elterliche Fehlverhalten.

Dann werden die Abwehrmechanismen aktiviert: „Schließlich geht es um meine Kinder, da hat sich niemand einzumischen." Aber dabei wird auch deutlich: Es geht meist nicht um die Kinder, sondern ums eigene Wollen und Wohlbefinden.

Um die notwendigen Veränderungsschritte einzuleiten, ist eine kräftige Portion Selbstkritik und Umorientierungsbereitschaft notwendig.

„Verwöhnung macht Asozial" - Transfer in den Erziehungs-Alltag

Viele Eltern handeln nach der Maxime, dass es in Ordnung sei, wenn sie die Kinder ab und zu oder auch öfter verwöhnen. Hier ein Eis außerhalb der Reihe oder eine halbe Stunde länger Fernsehen, da ein „Weg-Sehen", obwohl ein deutliches Stopp notwendig wäre. Wird schon nicht so schlimm sein.

Dies dachte wohl auch die Brigitte Problemzonen-Kolumnistin und dreifache Mutter, als sie mich im Interview zum Buch „Die Verwöhnungsfalle" fragte: „Ist Verwöhnen denn immer schlecht?" Sie schien sich dabei keiner Gefahr bewusst zu sein. Aber es ist ja nicht so, dass, bloß weil etwas stimmt, man es auch automatisch gerne gesagt bekommt.

Meine Reaktion war: „Verwöhnung macht asozial, lebensuntüchtig und einsam." Sie schien den Kopf einzuziehen, aber der rheinländische Akzent meiner Sprache ließ sie die Aussage leichter aufnehmen:

„Sie haben den Auftrag, Ihre Söhne in ein eigenständiges Leben zu führen und das ist nicht im Schongang erlernbar. Stehlen Sie den Kindern ihre Probleme nicht!

Dadurch erziehen Sie sie zu unselbstständigen Menschen, die alles wollen aber nichts geben und später in der ersten eigenständigen Wohnung erschrocken feststellen, dass der Mülleimer nicht von alleine leer und der Kühlschrank nicht von alleine voll wird. Kinder brauchen Herausforderungen, um stark zu werden."

Es war deutlich spürbar, dass die Selbst-Auseinandersetzung einsetzte.

Dr. Albert Wunscht ist Autor des Buchs Die Verwöhnungsfalle

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