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Für immer jung!??

02/07/2017 10:55 CEST | Aktualisiert 02/07/2017 10:55 CEST
Fran Polito via Getty Images

Durchhaltevermögen Fehlanzeige: In seinem neuen Buch "The Vanishing American Adult" nimmt der US-Senator Ben Sasse die Jugend seines Landes unter die Lupe, und sieht erschreckend viele überbehütete, wenig belastbare junge Menschen. Auch in Deutschland beobachten Experten mit Sorge einen ähnlichen Trend, warnt der Psychologe und Buchautor Dr. Albert Wunsch.

DW: Vor Jahren schon beschrieben Sie in Ihrem Buch "Die Verwöhnungsfalle" die deutsche Jugend als zunehmend unmündig, wenig belastbar und verwöhnt. Was hat sich seitdem verändert?

Albert Wunsch: Seit 20 Jahren sehen wir, dass Kinder immer weniger in die Ernsthaftigkeit des Lebens hineingeführt werden, man hält praktisch so eine Art Schonwiese für Kinder und Jugendliche bereit - mit der Problematik, dass anschließend, wenn das reale Leben einsetzt, sie sich darin nicht zurechtfinden. Diesen Aspekt habe ich auch in meinem neuen - mit der Co-Autorin Isabelle Liegl verfassten - Buch: Wo bitte geht's nach Stanford? - Wie Eltern die Leistungsbereitschaft ihrer Kinder fördern können aufgegriffen, weil durch ein solches Verhalten die Vorrausetzung, erfolgreich zu studieren, negativ beeinträchtigt wird.

Was machen die Eltern falsch?

Zu viele Eltern sind konfliktscheu, sie scheinen die Aufgabe ausgeklammert zu haben, ihre Kindern ernst zu nehmen, ihnen als ‚Reibfläche' zur Verfügung zu stehen und sie gekonnt auf das Leben vorzubereiten. Sie wollen Konflikte vermeiden indem sie keine Positionen beziehen - vor lauter Sorge, sie könnten autoritär wirken. Viele Menschen haben Sorgen, eine Autorität zu sein - was wir alle als Erwachsene sein sollten! - weil das mit autoritär verwechselt wird. Denn autoritär wird gleichgesetzt mit braunem Denken und schwarzer Pädagogik; und das geht wirklich gar nicht.

Viele Eltern orientieren sich heute intensiver an den Kindern als die Kinder an den Eltern, wollen Freunde und Kumpel ihrer Töchter und Söhne sein. Damit wird der Erziehungsauftrag konterkariert. Das Ergebnis einer großen - im Auftrag der Zeitschrift Stern durchgeführten - tiefenpsychologischen Studie von Kindern des Rheingoldinstitutes in Köln fasste das Ergebnis so zusammen: „Eltern, erzieht uns endlich wieder!" Denn nicht Leistungsdruck überfordert unseren Nachwuchs, sondern Eltern, die ihren Job nicht richtig machen.

Was können denn viele junge Menschen heute nicht, was eigentlich selbstverständlich sein sollte?

Sie haben sehr stark das Durchhalten verlernt, wollen möglichst viel Spaß. Sie geben schnell auf, wenn sie nicht sofort Erfolg spüren: ob Mathematik, Sprachen, Musik, Naturwissenschaften oder im Sportbereich. Die Kinder werden immer mehr "gepampert", man macht ihnen ständig den Weg sehr leicht. Aber das Leben ist kein Spaßbad. In dem Augenblick, wo bestimmte Herausforderungen zu meistern sind, fehlt ihnen die Kraft. So wundert es nicht, dass nur ca. 40% der Grundschulkinder am Wandertag das Ziel der 8 km langen Strecke erreichen. Denn, so meine Beobachtung: „Langjährige Unterforderung führt später zu objektiv-subjektiver Überforderung."

Wollen und Üben sind die Schlüsselqualifikationen für Lernen. Das ‚Ich bin geschafft aber glücklich Gefühl', wenn ein herausforderndes Ziel erreicht wurde, wird den Kindern vorenthalten bzw.vermasselt.

Gilt das gleichermaßen für Jungs und Mädchen?

Vielleicht etwas mehr für Jungs, Mädchen haben eine andere Art des Sozialverhaltens und sind tendenziell etwas lernintensiver.

Wenn die jungen Leute dann das sichere Elternhaus verlassen fängt die Überforderung erst recht an?

Viele wohnen noch zuhause, aber wenn sie ausziehen, dann setzt häufig nicht selbstverantwortliches Handeln ein, sondern das Resignieren. Von meinen Studenten weiß ich, es gibt drei Hauptprobleme für den, der von zuhause auszieht: der Kühlschank wird nicht von alleine voll, der Mülleiner wird nicht von alleine leer und die Wäsche nicht von alleine sauber. Sie haben auch kein Preisempfinden. Aufgrund ihrer begrenzten Fähigkeit zum Alltagsleben sind Depressionen und Studienabbrüche häufig die Folgen. Untersuchungen belegen jährlich, dass in Deutschland 25 bis 33 Prozent der Studenten - je nach Fachbereichen differierend - ihr Studium abrechen.

Ist die ältere Generation der jüngeren gegenüber nicht immer kritisch?

Ja, das sollte sie eigentlich sein, denn das ist ein notwendiger Prozess. Denn wenn sich die ältere Generation wirklich in die Auseinandersetzung mit der jüngeren begibt, muss sich die ältere anfragen lassen, ob als ältere zu Nostalgie orientiert sind, oder ob ihnen das wichtig ist und sie dieses auch als erhaltenswert rüber bringen können? Und die jüngere Generation müsste sich fragen, ist unser Wollen eher ein pubertäres Aufbegehren oder können wir unsere Position den Älteren als wichtige und übernehmbare Veränderung verdeutlichen. Wenn eine solche Auseinandersetzung als ‚ernsthaftes Ringen um Wertvolles' zu positiven Ergebnissen führt, dann hat eine Gesellschaft eine gute Überlebensfähigkeit.

Dadurch, dass sich viele Jugendliche permanent zu stark an den Gleichaltrigen orientieren, findet diese Auseinandersetzung von jung zu alt und umgekehrt nicht mehr statt, dem gesellschaftlich notwendigen Werte-Transfer fehlt so die Basis. Auf den Kopf gestellt wird das Ganze, wenn die Älteren jugendliche Denk- und Verhaltensweisen euphorisch übernehmen, um sich so ‚modern und jung' fühlen zu können. So wird der für das gesellschaftliche Überleben notwendige Wissens- und Werte-Transfer vereitelt, gehen wichtige Erkenntnisse und Erfahrungen verloren.

Also eine ewige Adoleszenz?

Diese Tendenz ist stark zu beobachten. Die Devise lautet dann: ‚Für immer jung'! Damit ist indirekt verbunden, viele Alltags-Kompetenzen auszugrenzen und die volle Verantwortung für das eigene Leben nicht übernehmen zu wollen. Viele Jugendliche heutzutage sind auch entscheidungsunfreudig. Man wird eingeladen, sagt, „ich schau mal", - neudeutsch für warten, ob nicht was Besseres kommt. Sie wollen sich nicht festlegen: Denn wer sich nicht festlegt, hat ja (vermeintlich) alle Optionen offen. Aber so funktioniert das Leben nicht. Wer sich dauernd neue Optionen offen hält, kann das, was grade ansteht, gar nicht richtig machen. Denn wirkliche Erfolge benötigen eine volle Konzentration auf das Ziel. Dabei haben diese jungen Menschen den Eindruck, autark und lebenstüchtig zu sein. Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung klaffen massiv auseinander.

Wie müssen Eltern ihr Verhalten, bzw ihre Einstellung ändern?

Eltern sollten viel intensiver zur Kenntnis nehmen, dass man schnell ein Kind in Welt setzen kann - aber dass heute, in einer pluralistisch-globalen Gesellschaft mit den vielen Außeneinwirkungen jede Menge dazugehört, um als Eltern diese Aufgabe gut wahrnehmen zu können. Mit anderen Worten: Eltern sollten sich für die Erziehungsaufgabe qualifizieren und der Staat sollte diesen Aufwand honorieren. Und die Kinder müssen früher mit den Ernsthaftigkeiten des Lebens konfrontiert werden. Sie sollten erfahren, dass Geld vor dem Ausgeben erst verdient werden muss und sie daher nicht auf ihre eigenen Interessen fixiert einfach in den Tag hinein leben können. Denn nur, wenn sie erlernen, wie das Leben im ‚Geben und Nehmen' funktioniert, können sie ihre Ziele in Eigenständig und Selbstverantwortung erreichen.

Copyright: Dr. Albert Wunsch, 41470 Neuss, Im Hawisch 17

Dr. Albert Wunsch ist Psychologe, Diplom Sozialpädagoge, Diplom Pädagoge und Erziehungswissenschaftler. Er unterrichtet an der Hochschule für Ökonomie und Management (FOM) in Essen / Neuss, an der Philosophischen Fakultät der Uni Düsseldorf und arbeitet in eigener Praxis als Paar-, Erziehungs-, Lebens- und Konflikt-Berater sowie als Supervisor und Konflikt-Coach (DGSv). Seine Bücher u.a: Die Verwöhnungsfalle, Mit mehr Selbst zum stabilen ICH! Resilienz als Basis der Persönlichkeitsbildung und Wo bitte geht's nach Stanford? machten ihn im deutschen Sprachbereich sehr bekannt.

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