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Terroranschläge: Die Rückkehr der Gewalt

Veröffentlicht: Aktualisiert:
ANSBACH
dpa
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Die Suche nach Erklärung für die Anschläge der vergangenen Wochen greift vielfach zu kurz. Denn eine entscheidende Frage wird vielfach ausgeklammert: Die Frage, was den Hass auf die westlichen Gesellschaften und ihren Lebensstil motiviert, warum Ideologien, die sich gegen liberale und demokratische Gesellschaften wenden, an Einfluss gewonnen haben - auch unter Jugendlichen und Erwachsenen, die in diesen Gesellschaften aufgewachsen sind.

Bei einer Suche nach den Ursachen können zwar psychologische Profile der Täter nicht ausgeklammert bleiben und ebenso gilt es die Frage zu beantworten, warum die verwendeten Waffen ebenso relativ leicht zugänglich sind wie Informationen über den Bau von Bomben.

Auch ist die Bedeutung von Ego-Shooter-Spielen nicht zu vernachlässigen. Denn diese sind militärischen Trainingsprogrammen nachgebildet, mit denen gezielt eine Desensibilisierung, der Abbau von Tötungshemmungen, herbeigeführt werden soll.

Gleichwohl handelt es sich bei den Attentaten in Belgien, Frankreich, Norwegen und zuletzt nun auch in Deutschland um Ereignisse, die auf einen ideologischen Hintergrund verweisen. Die Bedeutung der Ideologien - und dies gilt für den Rassismus und Rechtsextremismus ebenso wie für einen politisierten Islamismus - liegt dabei nicht nur darin, dass sie ein Feindbild bereitstellen. Sie bieten auch eine moralische Rechtfertigung für den Terror an, er wird als notwendiges Mittel zur Durchsetzung einer guten Ordnung dargestellt.

Soziale Ausgrenzung und Diskriminierung in westlichen Gesellschaften

Attraktiv sind islamistische, rassistische und rechtsextreme Ideologien insbesondere für diejenigen, denen ihre Gesellschaften keine Position und keine Perspektive anbieten, mit denen sie Selbstachtung, Würde und Ehre verbinden können.

Soziale Ausgrenzung und Diskriminierung in den westlichen Gesellschaften sind folglich zu den Ursachen ideologisierter Gewalt rechnen. Der ideologische Appell richtet sich dabei an junge Männer, denen etwas angeboten wird, was auch in der Mobilisierung von Soldaten für Kriege wirkungsmächtig war und ist: Die männliche Ehre des Kriegers, der bereit ist zu kämpfen und für eine vermeintlich höhere Sache sein Leben zu riskieren. Es ist also auch die Idee des bewundernswerten männlichen Kriegers, die zu den Ursachen zu rechnen ist.

Die rechtsextreme und rassistische Ideologie hat ihren Ursprung in den westlichen Gesellschaften, sie ist Ausdruck eines rassistischen und nationalistischen Überlegenheitsgefühls. Aber auch der politisierte Islamismus ist nicht einfach als eine Entwicklung verständlich, die von außen, zum Beispiel aus den Gesellschaften Nordafrikas und des Nahen Ostens, kommt.

Denn es muss verstanden werden, warum es einem politisierten Islamismus gelingen kann, sich als ein attraktives Gegenmodell zu Idealen der Demokratie und der Menschenrechte und zum Lebensstil liberaler Gesellschaften darzustellen.

Widersprüche zwischen den Idealen und den Realitäten der westlichen Gesellschaften

Es muss also analysiert werden, warum das Versprechen einer gesellschaftlichen Ordnung, welche die Würde und die Freiheit jedes Einzelnen ins Zentrum stellt, nicht jeden und jede überzeugt.

Setzt man sich mit dieser Frage ernsthaft auseinander, kann nicht darauf verzichtet werden die eklatanten Widersprüche zwischen den Idealen und den Realitäten der westlichen Gesellschaften in den Blick zu nehmen.

In einer historischen Perspektive ist diesbezüglich daran zu erinnern, dass westliche Demokratien ihre Vorherrschaft im Kolonialismus mit brutaler Gewalt durchgesetzt haben. So zum Beispiel im Vietnamkrieg der USA, in der belgischen Kolonialherrschaft oder / und im Algerienkrieg Frankreichs.

Die Spur der westlichen Gewalt umfasst auch die Kriegsführung in Afghanistan ebenso wie in den Irakkriegen. Der Einsatz von Drohnen mit der Folge zahlreicher ziviler Todesopfer ist ebenso ein Symptom einer erneuten Verrohung und Brutalisierung der gesellschaftlichen Verhältnisse wie die Inkaufnahme des Todes von Flüchtlingen an den Außengrenzen der Europäischen Union. Nicht zu vergessen ist auch die westliche Unterstützung autoritärer Regime, die mit enormer Gewalt gegen ihre Gegner vorgehen.

Strategien gegen den Terror stehen vor Herausforderung

Zweifellos wäre es zu einfach den Terror als eine schlichte Gegenreaktion auf die Gewalt darzustellen, die von westlichen Gesellschaften angewendet wurde und wird. Gesellschaften, die sich als globale Vorreiter der Menschenrechte und des Humanismus begreifen, beschädigen aber die Glaubwürdigkeit ihrer Ideale, wenn sie diese immer wieder selbst verletzen.

Zudem gründen die westlichen Gesellschaften ihre Attraktivität nicht nur auf ihren Idealen, sondern auch ihr auf dem Versprechen der Teilhabe an wirtschaftlichen Wohlstand. Diejenigen, die in diesen Gesellschaften von der Teilnahme am Wohlstand ausgeschlossen sind, ebenso wie diejenigen, die Gesellschaften leben, in den westlichen Lebensstandards unerreichbar sind, sind für ideologische Alternativen ansprechbar.

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Vor diesem Hintergrund stehen Strategien gegen den Terror, die nicht auf das trügerische Versprechen setzen, Sicherheit durch einen Ausbau von Überwachung und Polizeiapparaten gewährleisten zu können, vor einer weitreichenden Herausforderung.

Die zentrale Frage lautet, wie die Glaubwürdigkeit des Versprechens einer menschenrechtlichen und demokratischen Gesellschaftsgestaltung gestärkt werden kann, die im Inneren niemand ausgrenzt und die global ernstzunehmende Anstrengung zur Überwindung gravierender Ungleichheiten der Lebensbedingungen unternimmt.

Kurzfristige Erfolge sind von einer solchen Strategie nicht zu erwarten. Absolute Sicherheit gegen Terror kann jedoch ohnehin niemand versprechen. Und wenn der Terror zu neuen Feindbildern, zu einem generellen Anti-Islamismus, zu zunehmender Angst vor Fremden, zur Sehnsucht nach einem starken Staat und zur Preisgabe bürgerlicher Freiheiten führt, hat er sein Ziel erreicht.

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