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Vom schleichenden Ende der Arbeitsstelle, wie wir sie kennen

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Die Schweizer Initiative zum Bedingungslosen Grundeinkommen wurde vom Volk abgelehnt, was nicht anders zu erwarten war. Zu groß sind die Bedenken einen radikalen Systemwechsel anzudenken und es wurde von allen Seiten allerlei Firlefanz in den banalen Initiativtext hineininterpretiert. Dabei wurde ganz offensichtlich verkannt um was es im Kern der Debatte geht. Nämlich um die Frage: Wie sieht Arbeit in Zukunft aus und wie wird sie kommerzialisiert?

(Lesedauer: 4 Minuten)

Das bestehende System funktioniert gut

Die Reaktion am Abstimmungssonntag des Schweizer Bundesrats fiel stringent zu seinen vorherigen Aussagen aus. Das Schweizer Fernsehen fasst den Kommentar von Bundesrat Berset (auf französisch) so zusammen:

«Das deutliche Nein zu einem bedingungslosen Grundeinkommen zeigt für Bundesrat Alain Berset, dass die Bevölkerung in der Schweiz am heutigen Wirtschafts- und Sozialsystem festhalten will. Dieses funktioniere gut, sagte Berset vor den Medien in Bern. Wer Unterstützung benötige, werde unterstützt. Das System werde regelmässig angepasst, aktuell etwa mit der Reform der Altersvorsorge. Es sei nicht nötig, es zu revolutionieren.

Die Digitalisierung und Automatisierung habe Auswirkungen auf die Arbeit, räumte Berset ein. Schon in der Vergangenheit hätten tiefgreifende Veränderungen dieser Art bewältigt werden müssen.

Auf solche Entwicklungen könne man jedoch mit guten Ausbildungsmöglichkeiten, Forschung und Innovation sowie einer stabilen sozialen Sicherung reagieren. Es sei eine interessante Debatte gewesen, aber er sei froh über das klare Resultat, sagte Berset.»

Es tönt nun so, als wäre die Debatte vorbei. Ich denke jedoch, wir stehen erst ganz am Anfang dieser Diskussion darüber wie menschliche Arbeit die nächsten 100 Jahre aussehen wird. Der Bundesrat hat grad eindrücklich bewiesen, dass sie nicht verstehen wie gravierend die Veränderungen der nächsten Jahre sein werden. Wir brauchen ganz dringend eine Diskussion um einen Systemwechsel.

Denn das Wirtschaftssystem passt sich jeden Tag ein klein wenig an. Schon heute haben teilweise Volkswirtschaftliche Grundsätze keine Gültigkeit mehr. Das Sozialsystem hat aber einen gewaltigen Rückstand - der politische Prozess kann mit diesem Tempo nicht Schritt halten. Und, die demografische Entwicklung ist regelrechtes Öl ins Feuer. Man muss kein Spezialist sein um absehen zu können, dass sich das System wie wir es heute kennen, langfristig nicht finanzieren lässt. Da hilft auch die Reform der Reform der Reform nicht viel.

Nicht Geld, sondern Macht

Auf der anderen Seite, der Seite der Initianten, ist man vom Abstimmungsresultat positiv überrascht. Die Debatte stehe erst am Anfang, auch im Ausland hätte die Idee viel Beachtung gefunden. Und dann sagt Daniel Häni, selbst Unternehmer, noch die Sache mit der Macht: Es gehe beim BGE nicht um Geld, sondern um Macht und die werde halt nicht gerne abgegeben.

Als gäbe es einen „Inner-Circle" der in der Schweiz das Volk kontrolliere und unterjoche. In der Schweiz in der niemand hungern muss, niemand arbeiten muss, wenn er nicht will, niemand betteln muss, jeder sich am politischen Diskurs beteiligen kann. Jeder einen fairen Gerichtsprozess bekommt. Ich habe kein Land gesehen in dem es mehr Perfektion, mehr Wohlstand und grösseren sozialen Frieden gibt.

Die meisten Leute hier, so muss ich daraus schlieĂźen, haben keine Ahnung wie es in der Welt zu und hergeht. Sonst wĂĽrden sie sich nicht immer beklagen und jammern.

Da ich Häni (unbekannterweise) nicht für derart kurzsichtig halte, kann ich seine Aussage nur einer verdeckten Enttäuschung zuschreiben. Die Leute im Initiativkomitee haben Weitsicht bewiesen und eine unglaublich gute Kampagne gemacht. Und haben paradoxerweise gezeigt, dass politischer Diskurs um die Zukunft des Landes jenseits von Parteigärten eben gerade möglich ist.

Arbeit ist immer Teil der Gleichung

Wer es über die soziale Sicherheit hinaus besser haben möchte, muss etwas dafür tun. Daran wird sich nichts ändern - und hätte sich auch durch das BGE nicht geändert. Dass dies aber die Arbeitsstelle ist, wie wir sie heute kennen, ist ziemlich unwahrscheinlich. Es lohnt sich, wie oft, ein Blick zurück.

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Die Arbeitsstelle wie wir sie kennen ist erst rund 150 Jahre alt

Bevor die Industrie Arbeit zentralisierte, war es völlig normal, dass das ganze Haus, sprich Männer, Frauen und Kinder zum Erwerb der Familie beitrug. Das galt nicht nur, wie man heute meinen könnte, für bäuerliche Arbeit, sondern durchaus auch für die Produktion. Im Tal in dem ich wohne, wurde längere Zeit die Seidenbandweberei in Heimarbeit betrieben. Die Arbeit von allen war dabei eine absolute Notwendigkeit und Selbstverständlichkeit. Die Fabrikarbeit wurde zudem als minderwertig eingeschätzt, da die Arbeiterinnen und Arbeiter damit ihre Autonomie bezüglich Zeiteinteilung und Arbeitstempo verloren.

Der Kanton (äquivalent zu Bundesland) Glarus setzte 1864, ein Novum in ganz Europa, eine Arbeitszeitbeschränkung und ein Nachtarbeitsverbot für alle durch. Sprich auch für Kinder. Im Kanton Baselland wurde dann 1868 ein Fabrikgesetz angenommen, dass Kinder erst ab dem Alter von 12 Jahren für eine Anstellung erlaubte. Damals übliche Arbeitszeit; 10 Stunden.

Diese Auftrennung des Wohn- und Arbeitsortes schuf erst auch die Rollenverteilung in Männer und Frauenarbeit. Das alles ist keine 200 Jahre her. Der Großvater meines Großvaters hat in dieser Zeit gelebt.

Weiterentwicklung der Arbeit

Diese Zentralisierung der Arbeit und Produktion machte wirtschaftlich hochgradig Sinn. Es konnte mehr und in besserer Qualität produziert werden und unter dem Strich konnte der heutige Wohlstand unter anderem dadurch erreicht werden.

Nur, so denke ich, kommen wir heute an einem Punkt an, bei welchem diese Treiber weniger wichtig werden. Die Produktion kann durch die immer weitere Optimierung und Automatisierung von immer mehr menschlicher Arbeit befreit werden.

Gleichzeitig wird Wissensarbeit immer wichtiger. Es drängt sich noch nicht komplett auf, aber wir werden ganz viele Menschen benötigen um unsere Technologie voranzubringen. Und wir sind uns nicht bewusst wie viel Arbeit bereits in gewisse Dinge gesteckt wird. Darunter sind viele neue Dinge die uns im Moment im täglichen Leben noch nicht präsent sind. Zum Beispiel Amazons Alexa, eine Art sprachgesteuerter Assistent.

Die Festanstellung und das Unternehmen

Die Organisation und Monetarisierung der Arbeit ĂĽber Unternehmen und Arbeitsstellen machte im industriellen Zeitalter Sinn. Ich zweifle aber, dass sie es im Wissenszeitalter auch noch tut.

Denn wenn ich mir als Unternehmer überlege wie ich mein neues Startup aufbauen möchte, dann würde ich es eigentlich ganz gerne ohne traditionelle Angestellte tun. Der ganze administrative Prozess und die sich daraus ergebenden, teils abwegigen Verantwortlichkeiten sind mir zu wider. Das ist etwas was ich bei vielen Leuten die heute unternehmerisch tätig sind erlebe. Man möchte möglichst Lean und wendig bleiben.

Dieses unternehmerische Bedürfnis trifft auf das Bedürfnis der Mitarbeiter, Zeiteinteilung und Arbeitstempo und auch Arbeitsort selber bestimmen zu können. Dass das möglich ist, hat auch mit Technologie zu tun die das eben möglich macht.

Ein RĂĽckfall in die 12 Stunden Woche?

Ich höre sie bereits, die Bedenken, dass wir in einer solchen Arbeitswelt wieder in die ausbeuterischen Zeiten zurückfallen. Und ja, der Einwand ist berechtigt.

Gerade aber die letzten 10 Jahre waren geprägt von einem fundamentalen Gesinnungswandel. Nachhaltigkeit, auch gerade im sozialen Bereich, sind nicht mehr nur Schlagworte. Ich bin zuversichtlich, dass die Gesellschaft einen Weg finden wird hier weiter zu kommen.

Wir brauchen ein Modell für «Scheinselbständige»

Ich denke ein Arbeitsmodell der Zukunft geht in die Richtung Mikrounternehmung. Ein Modell bei dem jeder auf eigene Rechnung viel kürzere und flexiblere Einsätze leisten kann. Unterstrichen mit einem sozialen Netz, dass ihn oder sie abfedert, wenn Krankheit oder Unglück zuschlägt.

Ironischerweise wird eine solche Arbeitsform heute oft als «Scheinselbständigkeit» verfolgt. Anstatt eine solche flexible Arbeitsweise zu fördern, wird sie mit allerlei Gesetzt und Schlechterstellung verhindert. Die positiven Auswirkungen, die ein solches Modell hat, wie z. Bsp. die Zusammenlegung von Arbeits- und Wohnort, die gemeinschaftliche Arbeit sind uns heute fremd. Aber sie werden wiederkommen, da sie einfach natürlicher und menschlicher sind.

AuĂźer man tut es

Dass diese Konzepte durch den politischen Prozess geändert werden halte ich für eher unwahrscheinlich. Die Debatte darüber wird sehr wohl in der Politik geführt. Wirkliche Veränderungen aber kommen aus dem Doing.

Ich trage schon eine ganze Weile eine Geschäftsidee mit mir rum die genau das ermöglichen sollte. Die einfache Zusammenarbeit über Team- und Unternehmensgrenzen hinaus. Eine Plattform die alle Hürden abbaut und neue Formen der Arbeit ermöglicht. Natürlich im Einklang mit den bestehenden Gesetzen.

Irgendjemand wird so etwas realisieren und damit die Art wie wir Arbeit organisieren und vergüten langsam aber sicher wieder verändern. Veränderungen entstehen immer dadurch, dass jemand etwas macht. So gesehen hat Häni vielleicht sogar doch Recht. Denn wer macht, hat Macht. Unweigerlich, ob er will oder nicht.

(Dieser Artikel wurde ursrprĂĽnglich auf www.alainveuve.ch publiziert)

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