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Die Automobilbranche steht vor dem Abgrund - bald wird sie einen Schritt weiter sein

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Was die Photobranche im ersten Jahrzehnt dieses Jahrtausends, die Musikbranche im zweiten Jahrzehnt, wird die Automobilbranche im nächsten Jahrzehnt sein. Der Treiber hinter dieser umbrechenden Entwicklung ist nicht etwa die Elektromobilität, sondern die autonomen Fahrzeuge. Diese werden in den nächsten Jahren Realität werden - und damit die Automobilbranche komplett aus den Fugen hebeln. Ein bisschen Anschauungsunterricht bezüglich neuen Geschäftsmodellen.

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(Lesedauer: 6 Minuten - Technologie-Blog )

Elektromobilität? Ähm, nein.

Die paar Artikel zur Elektromobilität haben viele Leute auf den Plan gerufen, die mit mir über das zukünftige Automobil sprechen wollen. Vermehrt Leute, welche in der Automobilbranche arbeiten. In diesen Gesprächen stelle ich immer wieder fest, wie wenig Bewusstsein darüber vorhanden ist, infwiefern neue Technologie auch neue Geschäftsmodelle hervorbringen wird.

Allzu schnell wird da in gleichen Mustern gedacht. Bisherigen Geschäftsmodellen. Dass aber genau das passieren wird, also ein fundamentaler Technologiewechsel bei gleichbleibendem Geschäftsmodell, ist ziemlich unwahrscheinlich.

Und so konzentrieren sich viele Hersteller, Zulieferer, Händler und Servicepartner gedanklich darauf, dass wir wohl in absehbarer Zeit mit elektrischen Fahrzeugen unterwegs sein werden. Bei aller Freude und Fanboyismus für Tesla, Elektrotechnik ist nicht die Key-Technologie der zukünftigen Automobilindustrie. Es ist das autonom fahrende Fahrzeug.

Warum brauchen wir autonom fahrende Fahrzeuge?

Fragen Sie in Ihrem Kollegenkreis, so tönt es von hüben wie drüben, „nein sowas brauchen wir doch nicht". Wir fahren gerne Auto, meistens jedenfalls. Das kommt daher, weil sich die heutigen Autofahrer, das autonome Fahren so vorstellen als könnte ihr jetziges Auto komplett ohne ihr Zutun bewegt werden. Wir sind alle in unseren eigenen, gewohnten Analogien gefangen.

Abgesehen davon denken die meisten Menschen, dass autonome oder teil-autonome Fahrzeuge die Unfallraten senken werden. Soweit kann man gut folgen.

Warum wir aber autonom fahrende Fahrzeuge wirklich brauchen ist, um individuelle Mobilität überhaupt weiterhin gewährleisten zu können. Ein kurzer Blick in die Zulassungsstatistiken zeigt, dass wir nochmals 30 Jahre Wachstum im sprichwörtlichen Sinn gar nicht auf die Straße bringen können. Es ist schlicht nicht genug Straße da.

Autonomie ermöglicht Auto im Pay-per-Use/to-Go Modell

Sicher kennen Sie die traditionellen Car-Sharing Unternehmen. Ein paar haben sich zu beachtlicher Größe entwickelt und funktionieren gut. Der Killer-Nachteil an solchen Modellen ist, dass man das Auto meist vorher buchen und nach Gebrauch immer wieder dort abstellen muss, wo man es auch abgeholt hat. Der ganze Prozess ist machbar, aber ziemlich mühsam.

Wenn die Fahrzeuge nun autonom unterwegs sind, ist das ordern eines Autos so einfach wie ein Taxi bestellen über MyTaxi oder Uber. Einfach App aufmachen und wenige Minuten später ist das Fahrzeug verfügbar. Das ist die Zukunft des individuellen Verkehrs.

Warum sich dieses Modell durchsetzen wird ist ganz simpel: Es wird schlicht fundamental günstiger sein als ein Auto zu besitzen. Und es wird darüber hinaus viele Vorteile gegenüber dem Eigentums-Modell haben.

Senkung der Gesamtkosten des Individualverkehrs

Um zu verstehen warum die Kosten massiv gesenkt werden, muss man die heutige Situation im Individualverkehr kennen. Hier ein kleines Brush-Up:

Im Jahr 2014 waren in Deutschland rund 43 Mio. PKW zugelassen. Diese PKWs machten gesamthaft 611 Mrd. Kilometer. Das gibt pro Auto etwas mehr als 14k Kilometer Laufleistung pro Jahr.

Wenn wir nun von einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 60 km/h ausgehen, ist das durchschnittliche Auto 40 Minuten pro Tag im Einsatz. Sehen wir uns das prozentual auf den Tag an, heißt das, dass das durchschnittliche Auto bei einem kalkulatorischen Tag von 12h (bewusst tief angesetzt) 5.4% im Einsatz ist. Im Umkehrschluss heißt das auch, dass das Auto rund 94% der Zeit nur rumsteht.

Die Haupttätigkeit eines Autos ist heute nicht etwa fahren, sondern parken. Es ist ein Parkzeug.

Wir haben also gesamtwirtschaftlich extrem viel Kapital und Kosten für etwas gebunden, was wir de fakto nur marginal nutzen. Das nehmen wir als Konsumenten nur deshalb hin, weil wir nichts Anderes kennen.

Wenn also erste Anbieter damit beginnen, die Fahrleistung sozusagen to-Go anzubieten und eine Flotte von Fahrzeugen permanent in Bewegung zu halten, können sie zu Preisen operieren mit denen das Eigentumsmodell nicht annähernd mithalten kann.

Massive Reduktion der immatrikulierten Fahrzeuge

Wie krass diese Kostenreduktion ist, will ich Ihnen zuerst am Beispiel eines Elektroautos zeigen (einfach der guten Ordnung halber hier, und der guten Ordnung halber hier an einem Tesla):

Wenn wir ein aktuelles Model S (das wohlgemerkt noch keine Autonomie beinhaltet) als autonomes Fahrzeug betreiben könnten, würden wir es rund 18.5 Stunden pro Tag im Betrieb halten. Weitere 1.5 h pro Tag wird für Reinigung und Wartung gebraucht und rund 4 Stunden um die Tages-Fahrleistung von 1110 Kilometer (18.5h x 60 km) zu laden (Annahme: Ladegeschwindigkeit auf SuperCharger-Niveau, rund 280 km pro Stunde)

Damit ließe sich eine Jahreskilometerleistung von rund 400k Kilometer erreichen. Wenn wir das nun in Relation zu den 611 Mrd. gebrauchten Fahrkilometer Deutschlands setzen, ergibt sich eine rechnerische Reduktion der Fahrzeuge von 43 Mio. auf rund 1.5 Mio. Jetzt rechnen wir zusätzlich noch Verfügbarkeitsmargen ein und verdoppeln diese Anzahl Fahrzeuge und wir erhalten einen Fahrzeugbedarf von rund 3 Mio. Und geben wir der Rechnung halber noch eine Million Fahrzeuge drauf, landen wir bei 4 Mio Fahrzeuge.

Durch diese Geschäftsmodelländerung können wir also die Kosten um rund 90 % reduzieren. Waren bislang 43 Mio. PKW notwendig, sind es jetzt nur noch deren 4 Mio.

Das kommt so nie!

Sie werden jetzt denken das kommt so nie. Die Leute wollen immer ein eigenes Auto haben. Machen Sie den Versuch und fragen Sie in Ihrem Bekanntenkreis rum ob Sie bei 90% tieferen Kosten immer noch unbedingt ein eigenes Auto haben wollen. Anstatt 5.600 Euro pro Jahr (untere Mittelklasse) nur noch 560 Euro bezahlen. Sie werden staunen, dass selbst hart gesottene Autofans sich das überlegen.

Die Vorteile eines To-Go Modells gehen für den Konsumenten aber über die Kosten hinaus:

  1. Keine Wartungszeiten
  2. Kein Reinigungsaufwand
  3. Wahl des Fahrzeuges je nach situativ nach Lust und Laune (Fiat Ducato für die Gartenarbeit am Samstag, Porsche für den Ausflug am Sonntag)
  4. Kein Tank- oder Ladeaufwand
  5. Kein finanzielles Risiko
  6. Höhere Sicherheit

Zudem sprechen zwei weitere Entwicklungen für ein solches Modell:

- Reduktion des ökologischen Fußabdrucks
- Trend hin zu einer „Ich will kein Auto-Kultur" bei jüngeren Stadt-/Agglomenschen

Wenn man sich die Vorteile eines solchen Modells für die Konsumenten vor Augen führt, scheint es unausweichlich, dass dieses Geschäftsmodell die Automobilbranche dominieren wird.

Automobilbranche im süßen Schlaf des Erfolges

In der Dämmerung einer solch fundamentalen Veränderung, übt sich die Automobilindustrie praktisch im nichts tun. Natürlich ist das ein wenig unfair, wenn ich das einfach so daher sage - weil es gibt sie, die innovativen, engagierten Autohäuser. Aber ich bin immer wieder regelrecht verblüfft, wie wenig selbst seriöse Schaffer in der Automobilbranche über solche Szenarien wissen. Wobei, eigentlich verblüfft mich eher, dass sie sich nur sehr geringfügig dafür interessieren. Das halte ich für das eigentlich fahrlässige.

Dabei sind sie es, die Autohäuser, die Servicepunkte, die Werkstätten, die von der zukünftigen Entwicklung regelrecht weggefegt werden. Wir haben in anderen Branchen erlebt, wie schnell eine solche Veränderung stattfinden kann, wenn die neuen Angebote für die Kunden fundamentale Vorteile bieten.

Keiner wird dann sagen können, es träfe alle unvorbereitet. Diese Entwicklung ist so absehbar wie, dass morgen die Sonne wieder aufgeht. Eine Milchmädchenrechnung. Heulen werden alle trotzdem. Es gehört anscheinend einfach dazu, lieber so lange zu machen bis es nicht mehr geht, als behutsam und in kleinen Schritten eine Veränderung herbei zu führen.

Elektro? Ähm, doch.

Das Elektroauto und die autonomen Fahrzeuge sind sozusagen verheiratet. Warum das so ist, liegt auch wieder an den Kosten. Denn die Energiekosten und die Wartung sind physikalisch begründet beim Elektroauto viel tiefer und werden in Zukunft nur fallen. Das haben wir hauptsächlich dem Umstand zu verdanken, dass Strom mittelfristig radikal günstiger wird. Die Solartechnologie verbreitet sich seit Jahren exponentiell und wird dazu führen, dass wir eine erhebliche Überproduktion haben werden. Auch hier ergibt sich ein Wandel des Geschäftsmodells. Die Veränderung wird wohl viel langsamer erfolgen, als uns lieb ist, aber sie wird sich durchsetzen.

In Zahlen gesprochen vergleichen wir unseren Tesla von vorhin mit seinem Verbrenner-Equivalent dem viertürigen 6er BMW (Benziner 5.0 l). Bei heutigen Kosten ist der BMW rund 18% teurer. Viel erheblicher zeigt sich dieser Effekt wenn wir ein günstigeres Auto einsetzen. Z. Bsp. ein Model 3 und ein vergleichbarer Benziner um die 35k Euro Anschaffungskosten. Die Kilometerpreisdifferenz beträgt dann schon satte 36 %. Und das nicht in 10 Jahren sondern bereits heute.

Die Car to-Go Anbieter werden also ganz sicher auf Elektroautos setzen, schon nur der Kosten wegen. Von den restlichen Vorteilen mal abgesehen.

Welle oder Flut

Ich sehe eine sehr große Wahrscheinlichkeit, dass diese Entwicklung wie beschrieben kommen wird. Die Frage ist wie schnell sie kommen wird. Uber ist nur deshalb noch am Leben, weil sie in der Pole-Position sitzen um erster umfassender Car-to-Go Anbieter zu werden. Ich denke wir werden 5 Jahre nach den ersten kommerziell verfügbaren autonomen Fahrzeugen einen Marktanteil der Fahrten von Car to-Go Anbietern grösser 30% sehen. Logischerweise wird die Entwicklung in den Städten beginnen und zuerst das Taxi-Business schlucken. Aber es macht keinen Sinn, dass die Entwicklung dort stoppen sollte.

Als Automobilhersteller ist die Technologie zum autonomen Fahren die Eintrittskarte in den neuen Markt. Die offensichtlichste strategische Option ist, selbst ein solcher Car-to-Go Anbieter zu werden. Und die Marke und Ihr Image könnte einigen traditionellen Herstellern ziemlich gut helfen, dass dies auch gelingt. Aber es wird schwierig.

Denn Uber wartet nur darauf und hat viele Kunden bereits an der Angel. Und irgendein Autohersteller, der sich dann in Bedrängnis sehen wird, wird Uber die selbstfahrenden Autos schon verkaufen. Oder aber, sie bauen sich einfach ein eigenes Fahrzeug. So wie die Deutsche Post das heute schon mit dem Elektroauto macht.

(Dieser Artikel erschien ursprünglich auf www.alainveuve.ch)

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