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Aus Deutschland abgeschobene Flüchtlinge müssen in Afghanistan um ihr Leben fürchten

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AFGHANISTAN
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Vor eineinhalb Jahren war ich mit Freunden in Kabul unterwegs. Auf einmal tauchte die Polizei auf. Sie verhafteten einen Mann, der in unserer Nähe stand. Er hatte sich gerade in die Luft sprengen wollen.

Mein Leben hätte an diesem Tag schon vorbei sein können.

Immer wenn ich in Kabul bin, höre ich von Explosionen, die irgendwo in der Stadt gerade passiert sind. Wenn du durch die Straßen läufst oder fährst, kannst du dir nie sicher sein, ob nicht neben dir eine Bombe explodiert.

Die Leute haben Angst, sie leben in ständiger Gefahr. Auch an diesem Mittwoch sind sie einfach nur zur Arbeit gegangen oder zu ihren Familien gefahren. Und dann geht eine Autobombe hoch und dutzende Menschen sterben.

Keiner kann das vorhersehen. Und doch sind es immer Zivilisten, die sterben. Du lebst ein ganz normales Leben - aber in dem kann zu jeder Zeit eine Bombe explodieren.

Die Taliban sind das mit Abstand größte Problem

Außerhalb Kabuls, in den Provinzen, sind es nicht nur die Explosionen, die das Leben so gefährlich machen. Es ist auch der direkte Einfluss der Taliban. Sie regieren die Provinzen nicht, aber sie kontrollieren sie. Sie haben einen großen Einfluss, mittlerweile sogar im Norden und bis nahe an Kabuls Stadtgrenze heran.

In vielen Gegenden kontrollieren die Taliban das ganze Leben. Sie erpressen die Bevölkerung, sie verhaften und entführen Zivilisten, sie tun den Afghanen willkürlich Gewalt an. Auch der IS breitet sich immer weiter aus - besonders im Osten des Landes. Er gilt auch als möglicher Urheber der Autobombe, nach dem die Taliban bestritten haben, etwas mit dem Anschlag zu tun zu haben.

Mehr zum Thema: Der ewige Krieg in Afghanistan geht weiter - jetzt betritt Putins Russland das Schlachtfeld

Doch die Taliban sind das mit Abstand größte Problem. Sie lehnen jede Regierung in Afghanistan ab, sie ignorieren die Verfassung, die Gesetze und hassen die internationalen Mächte. Wer mit diesen zusammenarbeitet, als Dolmetscher oder Helfer, der ist in besonders großer Gefahr.

Ich habe in Afghanistan für Europol, die Ausbildungsmission für afghanische Polizisten durch die EU, gearbeitet und habe in Deutschland studiert - die Taliban könnten mir das als Verrat vorwerfen, könnten behaupten, ich sei ein Spion. Es reicht schon, im Westen gewesen zu sein, um unter Verdacht zu geraten.

Das gilt auch für die Flüchtlinge, die Deutschland zurück nach Afghanistan schickt.

Die Abgeschobenen erwartet hier nichts

Diese Menschen sind in Afghanistan nicht sicher, sie müssen um ihr Leben fürchten. Die Taliban werden ihre Flucht in den Westen als Verrat interpretieren. Geflüchtete zurück nach Afghanistan zu schicken ist deshalb eine schlechte Entscheidung. Sie ist mit den Menschenrechten nicht vereinbar.

Die Abgeschobenen erwartet hier auch nichts. In ihre Provinzen können sie nicht zurück - aus diesen waren sie ja geflohen, dort warten die Taliban. Also bleiben sie in den großen Städten, ziehen nach Kabul. Hier treffen sie auf die Flüchtlinge, die im inneren Afghanistans vor Krieg und Gewalt fliehen. Sie alle ziehen in die Großstädte.

Die Menschen, die nach Afghanistan zurückgeschickt werden, sind verzweifelt. Sie haben kein Zuhause, keinen Job. All ihr Geld haben sie für die Flucht in den Westen ausgegeben. Die afghanische Regierung hilft ihnen kaum - und Kabul ist eine teure Stadt geworden.

Und so landen die Menschen auf der Straße.

Weil Deutschland und die EU Afghanistan Druck gemacht hat: Entweder, ihr nehmt eure geflüchteten Landsleute zurück - oder wir zahlen euch weniger Hilfsgelder. Und ohne die wäre die Not in Afghanistan noch größer.

Wenn Deutsche Botschafter in Afghanistan nicht sicher sind, wer dann?

Der Anschlag an diesem Mittwoch wird die Abschiebepolitik wohl nicht beenden. Er wird sie nur verzögern.

Ich kann es nicht fassen, dass der Innenexperte der Union, Stephan Mayer, nach so einem Anschlag von einem organisatorischen Grund für den Stopp des heutigen Abschiebe-Flugs spricht. Davon, dass die Mitarbeiter der Botschaft in Kabul "andere Dinge zu tun und keine zeitlichen Kapazitäten haben, sich um die abzuschiebenden Personen am Flughafen Kabul zu kümmern."

Natürlich haben die Mitarbeiter etwas anderes zu tun! Ich habe die Bilder der Botschaft gesehen. Die Scheiben sind zertrümmert, selbst die gegen Explosionen gesicherten Wände sind schwer beschädigt.

Die deutsche Botschaft liegt im Diplomatenviertel, im sichersten Viertel Kabuls. Aber die Mitarbeiter der deutschen Botschaft sind trotz aller Sicherheitsmaßnahmen in Afghanistan nicht sicher.

Was sagt uns das über den Rest der Menschen im Land?

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Flüchtlingskrise: Helft den Helfern!

Die Flüchtlingskrise bewegt die Deutschen wie kein anderes Thema. Viele blicken fassungslos auf das, was sich an Europas Grenzen abspielt. Auf das Leiden und die Nöte der Hilfesuchenden.

Dabei gibt es zahlreiche Menschen und Organisationen, die vor Ort helfen, die Probleme zu lösen. Wie ihr selbst aktiv werden könnt, erfahrt ihr bei unserem Kooperationspartner Betterplace..

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