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Causa Edathy: Welche Frage wir als Gesellschaft wirklich stellen sollten

Veröffentlicht: Aktualisiert:
EDATHY
dpa
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Kostenlose Hilfe unter Schweigepflicht gibt es derzeit an der Berliner Charité unter der Nummer 030/450 529 529

In den letzten Wochen hat kaum ein anderes Thema so viel Empörung verursacht wie die Causa Edathy. Doch bei all der verständlichen Furore finden wir, dass die wirklich brennende Frage bei diesem Thema außenvor gelassen wurde.

Es wird hitzig über die Bestrafung diskutiert, höher und höher möchte man Täter hängen, ob sie nun Täter sind oder nicht, der Gedanke allein sollte genügen. Es ist unabstreitbar, dass Täter sexuellen Kindesmissbrauchs bestraft werden sollten und ihre Opfer so schnell und gut wie möglich betreut und behandelt werden müssen. Es ist blanker Horror, wenn wir uns auch nur einen einzelnen Fall vor Augen führen müssen.

Während sich aber die Bundesrepublik über das Strafmaß und deren Angemessenheit echauffiert, ist es doch ebenso wichtig zu fragen: Was können wir, als Gesellschaft, unternehmen, damit es nicht zu so einem schrecklichen Fall kommt? Hierbei ist die Frage nach der Prävention essentiell.

Da wir keine ausgewiesenen Experten auf diesem Gebiet sind, haben wir uns in den vergangen zwei Wochen alles an brauchbarem Material angelesen und Interviews geführt und befinden: Wir müssen die Neigung der Pädophilie im gesellschaftlichen Diskurs entkriminalisieren, wer an einer psychischen Störung leidet, ist nicht kriminell, sondern dem muss geholfen werden!

Dazu ist wichtig zu wissen: Pädophilie bezeichnet die sexuelle Neigung für Kinder vor der Pubertät. Nicht jeder Pädophile begeht Kindesmissbrauch und nicht jeder Sexualstraftäter ist pädophil. Die sexuelle Neigung sucht sich niemand aus wie im Supermarkt, sie ist quasi Schicksal. Gerade hierbei ist auffällig, dass viele dieser Menschen mit Präferenzstörung den Gedanken ebenso abstoßen, wie jeder Bürger, der diese Störung nicht hat. Laut internationalen Diagnosekriterien gilt die Pädophilie als krankheitswerte Störung, wenn sie mit Leidensdruck und/oder Fremdgefährdung einhergehen.

Alarmierende Zahlen

Auch die Zahlen hierzu sind erschreckend: Etwa ein Prozent aller Männer zwischen 18 und 70 Jahren gelten nach Hochrechnungen von Sexualwissenschaftlern und Schätzungen internationaler Wissenschaftler als pädophil. Das sind allein in Deutschland zwischen 250.000-290.000 Mitmenschen, was einer ähnlich hohen Zahl der Erkrankungen an Parkinson oder auch Schizophrenie entspricht.

Gleichzeitig registriert die Polizei jährlich in Deutschland rund 14.000 Missbrauchsfälle. Die Dunkelziffer wird weit höher geschätzt. Experten schätzen, dass diese Zahl mehr als das achtfache beträgt. 8,6 Prozent aller Mädchen und 2,8 Prozent aller Jungen werden nach repräsentativen Erhebungen zu Opfern sexueller Übergriffe. Diese Zahlen sind alarmierend, denn jeder einzelne Fall ist einer zu viel!

Für Pädophilie gibt es trotz dieser immens hohen Zahlen kaum Therapiemöglichkeiten. Einige haben bereits die Befürchtung geäußert, die Geldbuße gegen Edathy könne Pädophile nun beruhigen, dass es keine ernsthaften Folgen habe, Täter zu werden. Das Gegenteil ist der Fall.

Der aktuelle Fall Edathy trägt wie viele weitere zur Stigmatisierung pädophiler Menschen bei. Er trägt dazu bei, dass Pädophile sich isolieren und nicht offen mit ihrer Störung umgehen und sich helfen lassen können. Um es bewusst in dramatischen Tönen zu bespielen: Es verschlimmert unsere Gesamtsituation. Es wächst die Gefahr, dass sie ihre Neigung auch ausleben und verringert die Wahrscheinlichkeit, sie präventiv zu erreichen, um ihnen zu helfen.

Dabei sollte es doch im Interesse der Allgemeinheit sein, Menschen, die Hilfe suchen, Unterstützung zukommen zu lassen, damit sie nicht Gefahr laufen, Täter zu werden. Helfen, mit ihrer Situation fertig zu werden und niemals ein Täter zu werden - nicht hinter dem Schreibtisch am Computer einen Kinderporno anzusehen und schon gar nicht, wirklich mit dem Gedanken zu spielen, sich an unseren Kindern zu vergehen.

Weltweite Versorgungswüste, auch in Deutschland

Wie also helfen wir diesen Menschen? Menschen, die sich zum Teil selbst hassen und nicht selten Depressionen sowie Erfahrungen mit Suizidgedanken haben.

In Deutschland, wie auch weltweit, fehlen qualifizierte Therapeuten, die Pädophile behandeln können und auch wollen. Einige wenige Projekte konnten wir auffinden, wie beispielsweise die anonymen Therapien im Präventionsnetzwerk "Kein Täter werden", welche allerdings nur kurzfristig finanziert werden.

Jens Wagner von der Charité kritisiert: „Auch in der Ausbildung von Medizinern und Psychologen spielt das Thema Störungen der Sexualpräferenz und deren Behandlung keine große Rolle und Weiterbildungsmöglichkeiten für Therapeuten sind kaum vorhanden. Dadurch fehlt es an gut ausgebildeten Therapeuten."

Das Netzwerk "Kein Täter werden" will die Traumatisierung von Kindern und Jugendlichen verhindern und den Patienten helfen, mit ihrer Sexualität leben zu lernen. Auch wenn nicht jeder Täter sexuellen Kindesmissbrauchs gleichzeitig pädophil ist, können einige Übergriffe so verhindert und der Umgang mit der Neigung geschult werden.

Darüber hinaus ist es essentiell, auch denjenigen Hilfe anzubieten, die sich eigentlich sexuell zu Erwachsenen hingezogen fühlen, aber dennoch gefährdet sind, sexuellen Kindesmissbrauch zu begehen, beispielsweise aufgrund einer Persönlichkeitsstörung.

Eine ernsthafte Debatte zur Pädophilie muss sich mit der Frage auseinandersetzen, wie Pädophilen geholfen werden kann, ihre Neigung zu kontrollieren und wie dies finanziert wird. Die Arbeitsgruppe Gesundheit der CDU/CSU-Bundestagsfraktion schlägt in einem Positionspapier hierzu einen gemeinsamen Topf vor, in den Krankenkassen einzahlen, um anonyme Therapien zu finanzieren, ohne dass der Therapierte seine Identität über die Krankenkassenkarte preisgeben muss.

Wir brauchen eine Entstigmatisierung und -tabuisierung der Präferenzstörung der Pädophilie. Wenn Pädophilie und Kindesmissbrauch gleich gesetzt werden, führt das dazu, dass sich die betroffenen Menschen isolieren. Dadurch wächst das Risiko, dass sie ihre Neigung ausleben.

Denn nur wenn die betroffenen Personen sich ihrer Neigung selbst bewusst sind und sie sich eingestehen, dann können sie es zuverlässig kontrollieren, so der Psychologe und Mitbegründer des Präventionsprojekts "Kein Täter werden" an der Charité, Christoph Joseph Ahlers.

Quellen u.a.:
Die Zeit, 2005
Der Spiegel, 2006
Der Stern, 2015
Deutsche Welle, 2015

Video: Edathybook - Das skurril-unterhaltsame Facebook-Profil von Sebastian Edathy


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