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"Hassparolen und abgetrennte Schweineköpfe": Muslime haben zurecht Angst in Deutschland

Veröffentlicht: Aktualisiert:
HOOLIGANS SALAFISTS
Fabrizio Bensch / Reuters
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Die meisten Muslime in Europa sind säkularisiert. Fragt man die Muslime in Deutschland, wird die Mehrheit angeben, sie sei religiös. Fragt man die gleichen Muslime danach, wie oft sie in eine Moschee gehen, wird die Antwort „unregelmäßig" am häufigsten Fallen.

Die meisten haben einen deutschen Pass und fühlen sich als Deutsche, manchmal auch mit einer zweiten Identität, wie Deutsch-Iraner oder Deutsch-Türke. Die meisten Muslime in Deutschland, die deutliche Mehrheit, sind aber nicht in Moscheen organisiert.

Der Islam besteht nicht aus Salafisten und DITIB-Vereinen

Vielfach sind es säkularisierte Muslime, die eher einer kulturellen Pflege nachgehen als der Befolgung von Riten und Vorgaben ihrer Religion. Sie sind bestens integriert, teilweise sogar assimiliert und fallen im Alltag so gut wie gar nicht auf.

Diese Fakten vergessen wir leider in der Islam-Debatte immer wieder, deshalb tut es Not, auch immer wieder darauf hinzuweisen. Der Islam in Deutschland, er besteht nicht aus Salafisten und DITIB-Vereinen. Der Islam in Deutschland ist vielfältig.

Dennoch werden diese Fakten ausgeblendet, wenn der nächste Anschlag geschieht und wir uns erneut um Schuld und Sühne streiten. Schnell kommen wir auf die Täter zu sprechen. Und wir streiten über Schuld. „Das waren doch Muslime!", heißt es dann.

Mehr zum Thema: Umfrage zeigt, was die Deutschen wirklich über den Islam denken

Wir vergessen, dass Muslime eben kein homogener Haufen sind, sondern vielfältig, wie die Sterne am Himmel. Deshalb ist es falsch alle Muslime über einen Kamm zu scheren, geschweige denn alle Muslime in Sippenhaft zu nehmen.

Nach jedem Anschlag machen sich Muslime jedoch große Sorgen. Es wirkt immer wieder so, als würde die Stimmung in Europa gegenüber Muslimen kippen. Doch freilich: Sie kippt nicht um. Die Menschen halten in diesen schweren Zeiten und Tagen mehr zusammen als sonst.

Wir lassen uns nicht auseinanderdividieren. Und auch die Muslime zeigen sich betroffen, genauso, wie jeder andere auch. Egal ob in Paris, in Berlin oder London, wir Muslime fühlen den Schmerz dieser Gesellschaft.

Auch wir Muslime sind Opfer

Wir sind aber auch zugleich Opfer. Denn nach jedem Anschlag nimmt der Hass gegen uns Muslime und unsere Einrichtungen deutlich und messbar zu.

Schaut man sich die Statistiken zu Übergriffen auf Muslime und ihre Einrichtungen an, wird deutlich, dass heute kaum ein Tag vergeht, an dem nicht eine Moschee angegriffen wird.

Nach Anschlägen nehmen diese Zahlen zu. Viele Fälle werden erst gar nicht publik. Die Fälle, die öffentlich bekannt werden, werden kaum beachtet.

Mehr zum Thema: Wahlkampf mit Islamgesetz: CDU will Spielregeln für den Islam in Deutschland

So hören wir vielleicht mal davon, dass irgendwelche Schweineköpfe auf einem Moscheegelände oder politische Parolen auf Moscheewände gesprüht worden sind. In anderen Fällen, wie beim Bombenanschlag in Dresden gegen eine Moschee, kurz vor dem Tag der Deutschen Einheit, sieht es hingegen anders aus.

Wir haben auch sicherlich alle über den gestrigen Anschlag auf Moscheebesucher in London gelesen. Und selbst, wenn es auch gleichgültig bleibt, das Thema NSU begleitet uns auch gefühlt schon ewig.

Auf der anderen Seite müssen sich Muslime ständig gegen Angriffe aus der Gesellschaft heraus verteidigen. Das liegt aber weniger an den Anschlägen, die höchstens zu Kurzschlussreaktionen von einigen Wenigen beitragen.

Der politische Rechtsextremismus ist europaweit erfolgreich

Es liegt vielmehr an einem geschürten Hass von politischen Institutionen und Bewegungen. Wir alle kennen sie, wir alle wissen, wer sie sind. Der politische Rechtsextremismus wird mittlerweile europaweit toleriert und er ist mancherorts sogar sehr erfolgreich.

Er mag sich nicht die Finger selbst dreckig machen, er liefert aber die Stimmung und die Leitmotive für den Hass auf Muslime. Manche Muslime haben deshalb durchaus und berechtigt Angst in Deutschland.

Doch diese Angst treibt die meisten Muslime nicht um. Vielmehr haben sie andere Sorgen. Ohne alle Muslime in eine Opferrolle stecken zu wollen, manche Dinge sind nun mal fakt: Muslime haben Angst, dass ihre Kinder in den Schulen nicht die gleichen Chancen haben, wie andere Kinder.

Sie haben Angst davor, dass man nach einer super erfolgreichen Ausbildung keinen Arbeitsplatz mehr findet. Sie haben Existenzangst.

Sie haben Angst vor dem Zahnarzt. Sie haben Angst davor ausgegrenzt und diskriminiert zu werden. Und Muslime haben Angst davor, selbst ein Opfer eines Terror-Anschlags zu sein, weil die islamfeindlichen Parolen politisch salonfähig geworden sind.

Muslime haben die gleichen Sorgen, wie andere auch

Im Grunde haben Muslime die gleichen Sorgen wie alle anderen auch. Dennoch müssen sie im Alltag mehr mit Diskriminierung kämpfen, als ihre Mitmenschen. Das ist aber ein Kampf, den nicht nur Muslime führen, sondern alle Minderheiten in diesem Land.

Wenn sie Jude, Schwarz, Schwul, Ausländer, Migrant oder Muslim sind, haben sie eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit mit Ausgrenzung in Berührung zu kommen, als Jemand der Europäer und weiß ist.

Deshalb verdient jeder Mensch, der einer Minderheit angehört, auch die Unterstützung von uns allen. Wir müssen den Kampf gegen Ausgrenzung und Benachteiligung gemeinsam führen.

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Dafür müssen wir uns alle darauf besinnen, was uns zusammenhält. Das sind auf jeden Fall nicht die plumpen Parolen von Politikern. Es ist vielmehr der unbedingte Wille in uns, der uns dazu verleitet sich gegen Ungerechtigkeiten auf dieser Welt aufzulehnen und Solidarität mit den Schwachen und Armen zu zeigen.

Gleichzeitig müssen wir Abstand nehmen von den trennenden Dingen und uns von denen distanzieren, die versuchen einen Keil in die Gesellschaft zu treiben. Gleichgültigkeit: Das ist eine Sünde für uns alle.

Wir brauchen mehr Engagement - von allen Seiten - für unsere Gesellschaft. Sonst verlieren wir sie womöglich an diejenigen, die sie verachten.

Der Autor arbeitet als Marketing & PR-Manager bei einem Träger der freien Jugendhilfe in Hamburg. In seiner Freizeit engagiert er sich in der muslimischen Community und schreibt auch Beiträge zum Thema Islam.

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