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"Du bist der Geist an der Klassenzimmertür": Brief einer Mutter an ihr Kind, das sie verloren hat

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Die sozialen Medien sind gerade voll mit unzähligen Bildern von kleinen Kindern, die lächelnd vor Schultoren stehen. Sie umklammern ihre nagelneuen Schultaschen und sie tragen blitzblanke Schuhe.

In meinem Facebook-Feed sehe ich stündlich neue Posts mit Tipps, wie Eltern am besten mit dem ersten Schultag ihres Kindes umgehen sollten, mit Statusmeldungen von Eltern, die diesen wichtigen Moment kaum erwarten konnten oder mit Geschichten von Eltern, die sich vor diesem Ereignis fürchten.

Eigentlich sollten wir beide - du und ich - auch dabei sein.

Als ich deine Schwester an ihrem ersten Tag nach den Ferien wieder zur Schule bringe, spähe ich mit einem mulmigen Gefühl in die Klassenzimmer der Schulfanfänger. Ich sehe das Klassenzimmer, in dem auch deine Schwester in ihrem ersten Schuljahr saß, zum ersten Mal in einem anderen Licht.

Ich sehe zum ersten Mal all die Freunde, die du niemals haben wirst

Das Wissen, dass wir beide uns jetzt eigentlich auch gerade mitten in diesem Trubel aus Fotos und Umarmungen befinden sollten, der vor dem Schultor herrscht, überschwemmt mich mit einer weiteren Welle von Traurigkeit. In all der Trauer, die ich wegen dir bereits durchgemacht habe, ist dies eine ganz neue Phase für mich.

Denn ich sehe zum ersten Mal all die Freunde, die du niemals haben wirst und die Mütter, mit denen ich mich niemals unterhalten werde. Bekanntschaften, die wir niemals machen werden. Einladungen bei anderen Kindern, an denen wir niemals teilnehmen werden.

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Witze, über die wir niemals gemeinsam lachen werden. Diese Freundschaften hängen in der Luft wie ein feiner Nebel. Sie sind wie ein unsichtbarer Vorhang aus abstrakten Worten und Erlebnissen, der über dem Spielplatz schwebt.

Bisher haben diese Menschen nur in meiner Vorstellung existiert - genau wie du. Doch plötzlich sind sie wirklich da. Ich kann sie tatsächlich sehen. Wenn das Leben es etwas besser mit uns gemeint hätte, würden wir jetzt an diesem ersten Schultag auch zu ihnen gehören und sie würden von heute an ein Teil unseres Lebens sein.

Ich bin wütend, weil dir schon wieder ein Platz weggenommen wurde

Ich kann die Kindergeburtstage, an denen du niemals teilnehmen wirst und die Schulaufführungen an Weihnachten, in denen ich dich niemals sehen werde, förmlich spüren. Es werden sich Freundschaften entwickeln, doch du wirst nicht daran beteiligt sein. Sie werden nie erfahren, dass du jetzt eigentlich auch dabei sein solltest.

Am liebsten würde ich zu ihnen laufen und ihnen allen sagen, dass du jetzt eigentlich auch dabei sein solltest. Ich möchte deine Lehrerin kennenlernen und mir den Platz auf dem Klassenzimmerteppich ansehen, auf dem du jetzt eigentlich sitzen solltest.

Ich bin wütend, weil dir schon wieder ein Platz weggenommen wurde, der dir eigentlich zustehen würde. Vor meinen Augen entfaltet sich ein Kaleidoskop aus verpassten Erfahrungen, die wie ein Fluss durch mein Herz strömen.

Ich würde natürlich wie eine Verrückte wirken, wenn ich da jetzt hingehen würde. An manchen Tagen macht die Trauer mich so wahnsinnig, dass es anderen schwerfällt, mich zu verstehen.

Als die kleinen Kinder sich nach und nach in ihre neuen Klassenzimmer begeben, frage ich mich, wie du dich wohl an deinem ersten Schultag verhalten hättest. Würdest du zu den Rabauken gehören, die ohne einen einzigen Blick zurück ins Klassenzimmer hineinstürmen oder würdest du dich an meinem Bein festklammern und mich partout nicht loslassen wollen?

Wäre dein Bruder denn überhaupt auf den Fotos zu sehen, wenn du mit drauf wärst?

Vielleicht wärst du wie deine Schwester, die an ihrem ersten Schultag eine Mischung aus beidem war. In den wenigen Stunden, die wir an dem einzigen Tag deines kurzen Lebens zusammen verbringen durften, habe ich auf diese und auf viele weitere Fragen keine Antworten gefunden.

Ich weiß nicht einmal, wie du in deinem königsblauen Blazer und deinem grauen Kleid aussehen würdest. Ich stelle mir vor, dass deine Haare und Augen dunkel wären, denn das waren sie in der kurzen Zeit deines Lebens. Ich male mir aus, dass du dich selbstbewusst und mit einem frechen Grinsen im Gesicht von mir verabschieden würdest.

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Und plötzlich bist du da. Der Geist in der Klassenzimmertür.

Du hast gefehlt, als an diesem Morgen die Einschulungsfotos der Erstklässler gemacht wurden. Denn eigentlich hättest auch du Arm in Arm mit deiner Schwester und deinem Bruder fotografiert werden sollen.

Wie so oft durchzuckt mich beim Gedanken an dich auch dieses Mal ein Gefühl der Schuld. Wäre dein Bruder denn überhaupt auf den Fotos zu sehen, wenn du mit drauf wärst? Würde er überhaupt existieren? Ich zwinge mich, diese mit Schuldgefühlen behafteten Fragen für den Augenblick auszublenden. Denn ich werde sie niemals beantworten können.

Heute bist du der Geist in der Klassenzimmertür

Auf jedem unserer Familienbilder gibt es eine Lücke, einen freien Platz, den eigentlich du einnehmen solltest. Wenn dein Bruder und deine Schwester gemeinsam lachen, fehlt eine Stimme. Und es fehlen zwei Beine, die kaum Schritt halten können, wenn die beiden zusammen herumrennen und miteinander spielen.

Bei allem, was wir tun, werden wir von einem Schatten in Form eines Menschen begleitet. Und je mehr wir uns wünschen, dass du bei all diesen Dingen dabei sein könntest, desto präsenter wirst du für uns.

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Heute bist du der Geist in der Klassenzimmertür. Gestern warst du der Geist bei unserer Klippenwanderung. Ich konnte spüren, dass du durch die Meeresbrise gesaust bist und dass du während unserer Wanderung durch das hohe Gras geflitzt bist. Dein Geist nimmt in unterschiedlichen Situationen immer wieder neue Formen an.

Du bist der Sonnenstrahl, der morgens durch mein Fenster blitzt. Und du bist der Windhauch, der nachts durch die Bäume fährt. Manchmal machst du dich groß und dann wieder ganz klein. Du veränderst immer wieder deine Form, während du uns mit ewiger Liebe und Trauer erfüllst.

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Ich beobachte die Lehrer der Erstklässler, die zwischen den Kindern und Eltern herumwuseln. Sie haben keine Ahnung, dass auf ihrer Liste ein Name fehlt. Eine Uniform, die gar nicht erst gekauft und mit einem Namensschild versehen wurde.

Wir werden nicht aufhören, uns dich vorzustellen

Eine Pausenbox, die nie gefüllt wurde. Eine Hand, die sich niemals melden wird. Ein Stift, mit dem niemals jemand schreiben wird. Deine Freunde begehen gemeinsam diesen Meilenstein, den du wieder einmal verpassen wirst - ebenso wie deine ersten Worte und deine ersten Schritte.

Wie immer existiert auch dieses gemeinsame Erlebnis mit dir nur in unserer Vorstellung. Doch wir werden nicht aufhören, uns dich vorzustellen.

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Ich frage mich, wie vielen anderen Müttern es an diesem Morgen genauso geht wie mir. Wie viele andere Kinder gibt es, die jetzt eigentlich auch ihren ersten Schultag haben sollten? Wie viele andere Herzen sind in diesem Moment ebenfalls erfüllt von Trauer? Eine Armee von Geistern im Klassenzimmer, die ihren ersten Schultag nicht erleben durften.

Vom heutigen Tag an werde ich dich immer da stehen sehen. Wie du lächelst und mir von der Klassenzimmertür aus zuwinkst, während du darauf wartest, dass der Unterricht beginnt.

Aimee Foster ist Mitgründerin der Mütter-Website Mum Amie. Sie schreibt dort auch Blogs über Erziehung und persönliches Wohlbefinden sowie über den Verlust eines Kindes.

Dieser Blog erschien ursprünglich bei der HuffPost UK und wurde von Susanne Raupach aus dem Englischen übersetzt.

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