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In Deutschland gibt es keine einzige Burka-Trägerin

24/05/2017 13:03 CEST | Aktualisiert 25/05/2017 14:07 CEST
dpa

Der Zentralrat der Muslime in Deutschland wurde 1987 gegründet und umfasst heute neben zahlreichen Zivilorganisationen rund 300 Moscheegemeinden in Deutschland. Sven Lilienström, Gründer der Initiative Gesichter der Demokratie, sprach mit dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland (ZMD) Aiman Mazyek über Demokratie, Vollverschleierung und Doppelmoral.

Herr Mazyek, Demokratie ist für viele Deutsche selbstverständlich. Sie sind selber in Deutschland geboren. Welchen Stellenwert hat Demokratie für Sie ganz persönlich?

Aiman Mazyek: Ich habe vor einigen Jahren in einem Interview gegenüber der Zeitung „Das Parlament" gesagt, dass die „Demokratie derzeit die beste Staatsform ist". Das gilt auch weiterhin. Für mich stellt Demokratie die Möglichkeit dar, frei, selbst- und mitbestimmend leben zu können.

Ich verstehe mich hierbei als Verfassungspatriot und stehe zu den Werten des Grundgesetzes ohne Einschränkungen. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland hat das vor mehr als zehn Jahren in einem langen Prozess mit seinen Mitgliedern über die sogenannte „Islamische Charta" ausgehandelt. Ich bin stolz, damals auch daran mitgewirkt zu haben.

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Die österreichische Regierung hat am 28. März 2017 ein Verbot der Vollverschleierung beschlossen. Die CSU in Bayern möchte nachziehen. Was halten Sie von solchen Verboten?

Mazyek: Diese Verbote sind überflüssig und die Gesetzesentscheidungen laufen Gefahr politisch instrumentalisiert zu werden. In Deutschland gibt es zum Beispiel keine einzige Burka-Trägerin und die meisten Nikab-Trägerinnen - wir rechnen in Deutschland mit mehr als insgesamt Einhundert - sind Besucher aus dem Ausland. Die Diskussion ist Wasser auf die Mühlen der Populisten und dient den Scharfmachern.

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Präsident Erdogan hat die Europäer mehrfach mit Nazis verglichen, die zukünftig nirgendwo mehr sicher seien. Wie sehr schaden solche Äußerungen den hier lebenden Muslimen?

Mazyek: Billige Nazi-Vergleiche gibt es leider nicht das erste Mal. Sie sind eine Schande; in erster Linie gegenüber den NS-Opfern und in zweiter Linie pauschal gegenüber uns Deutschen.

Köpfe und Herzen der Deutsch-Türken gewinnt man übrigens durch Überzeugung und Angebote und nicht durch Zwang und jahrzehntelanges Hinhalten, zum Beispiel in der Frage der Türkei-Mitgliedschaft in der EU.

Da braucht´s ein bisschen Ehrlichkeit, meiner Meinung nach auch was den Umgang mit unseren Deutsch-Türken angeht und die teilweise einfach hingenommene vorhandene Doppelmoral.

Wie kontrovers wurde unter den wahlberechtigten Mitgliedern Ihres Verbands über das Verfassungsreferendum in der Türkei diskutiert?

Mazyek: In erster Linie ist das jedem seine eigene, freie und individuelle Entscheidung. Wir haben weder eine Empfehlung ausgesprochen, noch daraus eine Verbandspolitik gemacht. Wir sind eine deutsche Religionsgemeinschaft und haben neben vielen unterschiedlichen Mitgliedern einen muslimischen deutsch-türkischen Verband.

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Nach der Silvesternacht 2016 in Köln gab es eine Vielzahl verbaler Anfeindungen gegen den Zentralrat der Muslime und gegen Ihre Person. Wie ist die Situation derzeit?

Mazyek: Die Situation ist im letzten Jahr noch prekärer geworden. Wir hatten im Jahr 2016 die Höchstzahl von Anschlägen auf Muslime und ihre Einrichtungen und berichten immer wieder von der steigenden Muslimfeindlichkeit bei uns im Land.

Der allgemeine „Extremismusvorbehalt" gegen alle Muslime schürt einen Generalverdacht und das wiederum lässt die Islamfeindlichkeit steigen. Rechtspopulisten spielt das in die Karten. Die Bürger sind verängstigt und misstrauen auch zunehmend den Muslimen - eine nicht ungefährliche Entwicklung.

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Welche Erwartungen haben Sie an das Wahljahr 2017?

Mazyek: In erster Linie hoffen wir natürlich, dass es den Radikalen nicht gelingen wird, den Keil weiter in die Gesellschaft zu treiben und sich die Gruppen gegenseitig entfremden. Ich hoffe und erwarte von allen Demokraten, dass sie sich ohne Wenn und Aber auf die richtige Seite stellen, nämlich auf die Seite der Demokratie!

Sie sind erst vor wenigen Tagen zum fünften Mal Vater geworden. Werden Sie in der nächsten Zeit als Vorsitzender des Zentralrats der Muslime in Deutschland ein wenig kürzer treten?

Mazyek: Ich habe ja schon drei fast erwachsene Kinder. Aber ich werde mich weiterhin auch der Familie zuwenden, eines der wichtigsten Dinge, die am Ende des Tages zählen.

Vielen Dank für das Interview Herr Mazyek!

Das Interview erschien zuerst auf der Website der Initiative Gesichter der Demokratie.

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