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"Mein Kind macht mich fertig!" - Wie du aus der Opferrolle aussteigst, ohne deine Macht zu missbrauchen

20/07/2016 09:14 CEST | Aktualisiert 21/07/2017 11:12 CEST
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Kennst du diese Gedanken?

"Ich mache alles für mein Kind, setze mich mit mir und einer liebevollen Begleitung auseinander, erfülle jeden Wunsch und trotzdem ist es so gemein zum Geschwisterkind und nimmt keinerlei Rücksicht auf mich!"

"Ich mache doch alles und trotzdem ist es nicht schön und gut!"

"Dieses Kind macht immer nur was es will und interessiert sich gar nicht für mich und meinen Bedürfnissen!"

"Ich kann einfach nicht mehr, ich komme mit meinem Kind nicht zu recht, es ist so fies, gemein und undankbar!"

Die Liste ließe sich wohl unendlich weiterführen.

Ich erlebe immer wieder Eltern, die sich als Opfer ihrer Kinder wahrnehmen. Gerade wenn die Kinder sich in der Autonomiephase befinden, zwischen dem 5. und 8. Lebensjahr sind oder auch später in der Pubertät. Die Eltern sind völlig verzweifelt und überfordert und wissen nicht wie sie mit ihrem Kind zurechtkommen sollen, das da haut, beißt, die Geschwister malträtiert, die Eltern mit Befehlston ansprechen, immer wieder Wutanfälle bekommen und Hauptsache dagegen zu sein scheinen.

Viele Eltern fühlen sich als Versager

Viele Eltern fühlen sich in der Situation als Versager, unfähig ihre Kinder zu begleiten, zweifeln an einen bedürfnisorientierten Weg und beschuldigen sich gegenseitig. Oder aber sie befürchten mit ihrem Kind sei irgendetwas nicht in Ordnung und sie als Eltern ganz besonders abgestraft. Nicht ohne Grund lesen wir so regelmäßig über Regretting Motherhood und angeblich tyrannischen Kinder.

Und das schlimmste daran: es werden tatsächlich in der Regel die Kinder "therapiert" und die Rufe nach einem harten Durchgreifen und Erziehung laut. Die Kinder werden an dieser Stelle durch ihre Eltern, Experten und der Gesellschaft zum Täter gemacht.

Es wird niemanden negieren können, dass die Begleitung von Kindern eine große Herausforderung ist und verdammt anstrengend noch dazu. Ich gerate täglich an meinen Grenzen. Zum Glück sind diese aber ja dehnbar und wir Menschen lernfähig. Denn genau das ist der Knackpunkt:

"Schmerz ist unvermeidlich, Leiden ist freiwillig." (M. Kathleen Casey)

Wir entscheiden uns, ob wir uns als Opfer fühlen. Es findet alleine in unseren Gedanken statt. So zynisch es auch klingen mag, schließlich wird vermutlich jeder sagen: "Ich will ja gar nicht leiden! Aber...", aber es sind unsere Urteile und Beschuldigungen im Kopf, die uns in die Falle der Opferrolle hineintappen lässt.

Das tyrannische Kind, die blöde Schwiegermutter, der gemeine Ehemann, der Arbeitgeber, die Unternehmenskultur, die Gesellschaft, die Politik... Sie sind Schuld am eigenem Schicksal und am eigenem Leid. So unser ganz persönlicher Film, wenn wir in der Opferrolle gefangen sind.

Wir geben dabei unsere Macht ab. An die Umstände, an die vermeintlichen Täter. Wir entmachten uns und werden Opfer. Unser Leid entsteht, weil wir keine Alternativen sehen und denken keine zu haben. Die destruktiven und limitierenden Gedanken nehmen immer mehr Raum ein: "Ich würde ja gerne, aber ich kann ja nicht..." oder "Ständig gibt es Konflikte, obwohl ich alles mache und gebe!". Verzweiflung, Überforderung und Hilflosigkeit machen sich breit.

Wenn wir uns in der Beziehung zu unserem Kind die Opferrolle zuweisen, entziehen wir uns unserer Verantwortung und machen unser Kind zum Täter. Eine Last, die einem Kind nicht zusteht und die auch gar nicht vom Kind getragen werden kann. Wir limitieren uns außerdem selbst, vergifteten dabei unsere Beziehung zum Kind und schaden nachhaltig unsere Kinder.

Warum aber begeben wir uns in die Opferrolle und machen es uns dort so bequem?

Weil es einfach ist. Wir können uns unserem angeblichen Schicksal fügen und die Verantwortung allen anderen überlassen.

Geteiltes Leid ist halbes Leid

Wir bekommen Zustimmung, werden bemitleidet und sogar getröstet. Manchmal erfahren wir auch echte Empathie. Wir dürsten nach Zuwendung und danach gesehen zu werden. Und dies erhalten wir dann scheinbar. Oft sogar durch Fremde, wie man immer wieder auf Foren und in diversen Facebook-Gruppen beobachten kann.

Wir empfinden uns zugehörig, schließlich ist geteiltes Leid, halbes Leid. Leiden ist in der hiesigen Gesellschaft anerkannt. Und Kinder als Tyrannen zu bezeichnen, gehört ebenfalls beinahe zum guten Ton.

Wir fühlen uns moralisch erhaben, in dem wir von den Gemeinheiten anderer sprechen. Wir gehören dann automatisch zu den Guten, schließlich sind die anderen die bösen Täter. Und das wiederum rechtfertigt unser erzieherisches gebaren.

Wir können eine Wiedergutmachung erwarten und der Täter gerät in unsere Schuld. Es ist immer einfacher von jemanden etwas zu erwarten, als die eigene Verantwortung zu tragen und womöglich auch noch in die Geberposition zu geraten und zu verbleiben.

Es entbindet uns von der Auseinandersetzung mit uns selbst, denn der Fehler wurde ja woanders gefunden.

Und trotzdem leiden wir. Immer mehr und immer weiter...

Es hilft nichts, wir müssen aussteigen! Raus aus der Opferrolle und hinein in die Verantwortung!

Wie geht das?

1. Werde dir deine Opferhaltung bewusst

Beziehung leben, bedeutet nicht ständige Harmonie. Konflikte gehören zum Leben dazu. Zwischenmenschliche Beziehungen erzeugen auch Reibung. Daran kann man wachsen. Die Frage ist, ob diese Konflikte unnötig sind und du lediglich aus dem Kampfring auszusteigen brauchst, ob sie eine neue Entwicklungsetappe einläuten und sich die im Konflikt befindenden Personen erst einmal neu zusammen justieren müssen oder ob du hier dir aus falschen Erwartungen und limitierenden Glaubenssätze selber im Weg stehst.

Der Wunsch nach einem schönen und harmonischen Familienleben kann sicherlich jeder nachvollziehen. Allerdings ist Familienleben nicht immer eine Freude. Sie ist oft sau anstrengend. Weil es um Beziehung geht und das ist nicht einfach. Gerade dann, wenn man auch noch in der Verantwortung ist und solch einen anspruchsvollen Job macht wie die Pflege von Kindern.

Nimm also den Druck raus und nehme an, was ist: Beziehung ist auch Arbeit und muss manchmal neu justiert werden. Das ist nicht die Schuld deines Kindes. Es sind deine Erwartungen, Glaubenssätze, verzerrte Bilder und vor allem Gedanken im Kopf, die dir - und deinem Kind - das Leben schwer machen!

Fühle dich ein, wenn dir wieder alles zu viel wird, die Welt gemein erscheint und du lauter Urteile im Kopf hast. Schaffe dir Bewusstsein!

2. Hör auf, dein Kind zum Täter zu machen und dich zum Opfer

Steige, aus der Opferrolle, aus. Du bist in der Verantwortung für eure Beziehungsqualität.

Indem du dich in der Opferrolle bequem machst, verurteilst du dein Kind zum Täter.

Hör sofort auf damit! Du allein bist verantwortlich. Du allein bist dazu in der Lage. Dein Kind ist abhängig.

Und ja, es klingt ziemlich hart und mir persönlich hat diese Erkenntnis den Boden unter die Füße gezogen. Das ist bis heute meine größte Baustelle. Ich verfalle da sehr schnell hinein. Und gerade deshalb kann ich da gut mitfühlen. Aber auch mit den Kindern, denn darunter habe ich als Kind sehr gelitten. Das ist ein tief anerzogenes und vor allem vorgelebtes Muster.

Daher in aller Deutlichkeit: sehe hin und hör auf! Du bist eine erwachsene, gestandene Person. Dir gegenüber steht ein Kind - dein Kind. Nicht der Feind. Dein Kind liebt und braucht dich.

3. Lerne die Bedürfnisse hinter deinen Gefühlen zu erkennen

Das ist genau die Aufgabe von Gefühlen. Schon einmal darüber nachgedacht?

Wenn du hungrig bist, dann will dir dein Körper sagen, dass du ein Bedürfnis nach Nahrung hast. Wenn du dich erschöpft, müde und gereizt fühlst, dann will dir dein Körper zeigen, dass du möglicherweise Ruhe brauchst.

Gefühle wollen gelebt werden. Beruhige und unterdrücke sie nicht. Sie sind der Zeiger der dahinterliegenden Bedürfnisse. Nimm sie wahr, höre ihnen zu und sorge für dich.

Lerne aber auch Gefühle zu unterscheiden. Wut zum Beispiel entsteht durch unsere Urteile: "meine Tochter tut ihrem Bruder absichtlich weh!" und verschleiert das tatsächliche Gefühl: Kummer, Angst, Frust. Und somit den Weg zur Bedürfnis: Ruhe, Harmonie, Zugehörigkeit, Geborgenheit.

Du bist reif genug das zu berücksichtigen. Dein Kind nicht. Es braucht deine Unterstützung mit der eigenen Gefühlswelt zurechtzukommen, also ist es wichtig, dass du dich mit deinen Gefühlen und Bedürfnissen auseinandersetzt.

4. Versuche die Bedürfnisse hinter dem Verhalten deines Kindes zu erkennen

Auch sie suchen nach Möglichkeiten die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Der Unterschied aber ist, sie sind dafür auf uns angewiesen! Dein Kind braucht dich und ist abhängig. Umso fataler ist es, wenn du deinem Kind die Verantwortung überträgst und es zum Täter machst.

Merke dir folgenden Satz und mache es dir zum Mantra: "Sie tun nichts gegen mich, sondern etwas für sich!"

Dein Kind tut nicht dir, dem Geschwister, der Freundin oder wem auch immer absichtlich weh. Es macht nicht etwas gegen jemand. Es macht etwas für sich! Aggressionen gehören zu uns Menschen. Wieder so ein Tabu. Kinder kommunizieren mit den Mitteln, die ihnen zur Verfügung stehen und manchmal ist sind diese sehr körperlich und impulsiv. Hör zu! Schau hin! Ohne Verurteilungen, sondern wohlwollend und neugierig.

Welches Bedürfnis ist unerfüllt und will gesehen werden?

Kleine Kinder haben eine innere Programmierung, die dafür sorgt, dass sie immer darum besorgt sind nicht übersehen zu werden. In ihrer vollkommenen, auch emotionalen Abhängigkeit sind sie auf uns angewiesen. Ein Geschwisterkind bedeutet potentielle Gefahr fürs Überleben. Sorge dafür, dass dein Kind nicht das Gefühl haben muss, kämpfen zu müssen, um nicht übersehen zu werden.

Es ist nicht wichtig, dass du meinst, dein Kind käme nicht zu kurz. Wichtig ist, was bei deinem Kind ankommt und was tatsächlich wahrgenommen und empfunden wird. Lerne die Sprache deines Kindes kennen. Wie fühlt sich mein Kind geliebt, gesehen, geborgen, zugehörig, berücksichtigt und wertgeschätzt?

Nimm die Gefühle und Wahrnehmung deines Kindes ernst! Gesehen, ernst und angenommen werden, sind wichtige Bedürfnisse aller Menschen. Ihre Erfüllung ermöglicht uns überhaupt erst zuzuhören und empathisch zu sein. Das gilt natürlich auch für dich und die Erfüllung deiner Bedürfnisse, nur kannst du es schlicht nicht von einem Kind erwarten. Du kannst es von niemanden erwarten. Beginne damit dich selbst ernst zu nehmen und deine Gefühle und Bedürfnisse zu erkennen und wahrzunehmen. Du bist dafür zuständig. Nicht dein Kind.

5. Stärke dein Selbstwertgefühl und arbeite an deiner psychischen Widerstandsfähigkeit

Kennst du deine Stärken? Weißt du, was dir gut tut und was du magst? Was sind deine Werte? Was ist dir wichtig im Leben? Woran glaubst du? Wohin willst du? Hast du eine Vision deines Lebens? Hast du Ziele? Ist all das miteinander im Einklang?

Lerne dich kennen und sorge für dich!

Was kann dir helfen, geduldiger, neugieriger, empathischer, wohlwollender, strapazierfähiger und flexibler zu werden? Was kannst du für dich tun, so dass du für dein Kind da sein kannst? Was kann dich entlasten?

Wenn du dich selbst wertschätzt, liebst und wahrnimmst, bist du nicht mehr darauf angewiesen, dass andere es für dich übernehmen. Du wirst unabhängig und frei. Das ermöglicht dir "selbstwirksam" zu werden und aus der Opferrolle auszusteigen. Das bedeutet für sich und sein Leben Verantwortung zu übernehmen. Die Antworten sind allesamt in dir, nicht bei deinem Kind oder jemanden sonst.

6. Wirf das Konzept von Schuld über Board und übernimm Verantwortung

Es gibt keinen Schuldigen. Es gibt Auslöser und Ursachen von Gefühlen. Der Auslöser kann das Verhalten unseres Kindes sein, aber die Ursachen sind immer in uns.

Schuld ist ein destruktives Konstrukt, es entfernt uns von unserem Ziel und lässt keine Verbindung zu. Oder wie geht es dir, wenn du verurteilt und in einer Schublade gesteckt wirst? Oder wenn dir ein Fehler, eine Schwäche oder eine fehlende Fähigkeit ständig unter die Nase gerieben wird?

Schuldzuweisungen hindern uns außerdem daran Probleme konstruktiv sowie nachhaltig zu lösen. Vielleicht erreichen wir kurzfristig unser Ziel und unser Kind macht das, was wir wollen. Die dahinterliegende Motivation ist allerdings Angst, Scham oder eben Schuld. Doch suchen wir nach Empathie und diese kann nur durch selbige gesät werden.

Zwischen dem zweiten und ca. achten Lebensjahr erfahren Kinder ihre Emotionen sehr intensiv und leben diese oft impulsiv. Nichts anderes passiert in der Pubertät. Sie sind mit sich, ihren Hormonen, ihrer Autonomiebestrebung, den Schutz ihrer Integrität und ihren überschäumenden Gefühlen bereits mehr als ausgelastet. Wenn wir Druck aufbauen, bleibt ihnen nichts anderes als dagegen zu halten. Haben sie kein authentisches Gegenüber, geraten sie in ein Vakuum und suchen nach Wege dieses selber zu fühlen.

Steige aus dem Kampfring aus. Nicht, indem du dich zum Opfer machst oder wie dann gerne schnell verlangt, indem du Grenzen setzt, Regeln aufstellst und deine Macht durch Erziehung missbrauchst. Das sind zwei Seiten derselben Medaille. Übernimm Verantwortung!

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Saluditos & Axé

Dieser Beitrag erschien zuerst auf elternmorphose.de.

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