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Türkei: Demokratie verteidigt

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TURKEY COUP
Getty
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In einem Bus in Hamburg. Freitag, 15.07.2016 um 22 Uhr. Plötzlich vibriert das Handy mit sämtlichen Eilmeldungen. Es heißt, dass das Militär in der Türkei geputscht hätte, die Macht übernommen hätte. Und die Erinnerungen werden wach, die Opa einem erzählt hat über den letzten Militärputsch in der Türkei mit tausenden von Toten, jahrelanger Diktatur und Unterdrückung.

Und selbst dieser Putsch, den Opa und mein Vater 1980 erlebt haben, war der dritte Putsch nach 1960 und 1971. Sollte sich dem noch dieser Versuch, gewaltsam eine Regierung abzusetzen, im Jahr 2016 einreihen? Sollte ich das noch erleben?

Die Verantwortlichen

Mehr als 250 Tote, die Hälfte davon die Putschisten selbst, 1400 Verletzte und über 2800 Verhaftungen von Putschisten. Es wird immer mehr. Wer ist verantwortlich für diese Bilanz? Das lässt sich noch nicht gewissenhaft bestätigen. Präsident Erdogan spricht davon, dass die Gülen Bewegung dahinter stecken würde. Dafür spricht herzlich wenig, angesichts der Serie von Verhaftungen der Gülen Sympathisanten seit 2013 und Einschüchterung.

Für so einen Akt hat die Gülen Bewegung schlicht zu wenig Sympathisanten, um mit Panzern Brücken und Zugangsstraßen zu sperren und mit Kampfflugzeugen das Parlament und andere wichtige Institutionen zu bombardieren. Wiederum andere behaupten, dass es sich hierbei um eine Inszenierung des Staates handeln würde. Auch dafür spricht wenig.

Es soll angeblich die Regierung Teile des Militärs zu einem Putsch veranlasst haben, nur damit er anschließend niedergeschlagen werden kann und Präsident Erdogan noch größere Vollmachten beschert. Nur: Selbige hatten auch schon vor dem Putsch behauptet, Erdogan herrsche wie ein Diktator völlig unbeschränkt. Wozu also mit vielen hundert Mitwissern einen fingierten Putsch inszenieren. Für den letzten Militärputsch waren radikale Kemalisten verantwortlich, sie werden auch heute verdächtigt.

Der Versuch ist gescheitert

Die Türken haben ein zweites Syrien verhindert. Sie sind auf die Straßen gegangen und den Versuch eines gewaltsamen Regimechanges aufgehalten. Leider haben dabei viele Menschen ihr Leben verloren. Hierbei Bemerkenswert: Größte Erdogan Gegner sind ebenfalls auf die Straßen gegangen und sagten, lieber Erdogan als eine Militärdiktatur, Polizeistaat und Unterdrückung.

Die gesellschaftliche Verantwortung wurde übernommen. Wir können der Türkei gratulieren, diese Nacht mit einem kleinen Nasenbluten überstanden zu haben. Sonst wäre ein Bürgerkrieg nicht mehr aufzuhalten gewesen und für die Region ein weiterer instabiler Staat. Wir können feststellen: Die Gefahr eines Umsturzes ist gebannt. Dank der Zivilbevölkerung.

Reaktionen aus aller Welt

Bundeskanzlerin Angela Merkel, US-Präsident Barack Obama und EU Ratspräsident Donald Tusk: Sie alle haben sich für die Demokratie, die gewählte Regierung und gegen die Putschisten positioniert. Das ist ein klares Bekenntnis, auch darüber, wie künftig damit umgegangen werden soll.

Jetzt sind die Bündnispartner gefragt, die Türkei bei der Aufarbeitung dieser Nacht von Freitag auf Samstag mit allen Mitteln behilflich zu sein und zu unterstützen. Beispielsweise fordert der Außenminister der Türkei, dass die griechische Regierung 8 Soldaten, die nach dem Scheitern per Hubschrauber nach Griechenland geflohen sind, auszuliefern. Dieser Bitte sollten die Griechen folgen, um dann eine rechtsstaatliche Aufarbeitung einzufordern.

Demaskierte Demokraten

Bedauerlicherweise haben führende Publizisten aus Europa, selbsternannte Demokraten, sich für den Putsch ausgesprochen. So schreiben einige von ihren auf Facebook, dass nur ein Putsch gegen Erdogan hilft und die Türken diese auch wollen würden. Die Bilder und das Ergebnis sprechen aber eine andere Sprache.

Auf allen Kanälen ist zu beobachten, wie die Zivilbevölkerung die Armee entwaffnet, sich vor die Panzer stellt und sich mit der Regierung solidarisiert. Die Satiriker von Extra3 fassen den Umstand sarkastisch so zusammen: "Danke Facebook! Wieder etwas dazugelernt: Der Demokrat von heute kann sich auch mal an einem Militärputsch erfreuen."

Wäre der Putsch gelungen, stünde die Türkei vor einer instabilen Zukunft. Die Flüchtlingssituation, die Wirtschaft und innere Sicherheit würden auf unabsehbare Zeit leiden. Diese Nacht war ein kritischer Wendepunkt über die Zukunft des Landes. Alles Grundsteine eines Bürgerkrieges, das verkennen die Freunde des Putsches und vermeintliche Demokraten.

Nein, ich sollte keinen Militärputsch mehr erleben. Nicht im Jahr 2016 und hoffentlich auch in Zukunft nicht. Und das habe ich der Zivilbevölkerung in der Türkei zu verdanken. Sie sind mutig auf die Straßen gegangen, ohne jede Verzögerung und haben das Militär entwaffnet. Diese historische Nacht hat vor allem den Zusammenhalt der Türken für ihr Land bewiesen.

Wenn ich an die Geschichten meines Opas denke, dann kann ich das auch sehr gut verstehen, weshalb sie so sensibel und so schnell darauf reagiert haben. Auch in einem Bus weit weg, in Hamburg, fühle ich mit und habe Angst um das Land meiner Eltern und Großeltern. Sie haben ihre Demokratie wahrhaftig verteidigt. Und das ist das beste Ergebnis nach all den Eilmeldungen gestern um 22 Uhr.

Der Putschversuch in der Türkei wird sehr kontrovers diskutiert. Es gibt die unterschiedlichsten Meinungen und Analysen zu den Hintergründen. Alle Beiträge dazu findet ihr hier.

So deutlich wie Martin Schulz hat noch kein deutscher Spitzenpolitiker Erdogan kritisiert

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