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Rezension: "Die Getriebenen" von Moral, Zwängen und Stimmungen

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REFUGEES BAVARIA
Michaela Rehle / Reuters
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Der Korrespondent der "Welt am Sonntag" Robin Alexander veröffentlichte sein Werk "Die Getriebenen" im März 2017 und beschreibt, auch für den Laien verständlich, die dramatischen Monate deutsch-europäischer Politik.

Die Hauptrollen sind nicht weniger spannend als das Phänomen selbst: Bundeskanzlerin Angela Merkel, der EU-Ratspräsident Donald Tusk, EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker, der bayrische Ministerpräsident Horst Seehofer und der Koalitionspartner Sigmar Gabriel. Also die Etablierten, wie es aus rechten Kreisen heißt.

Das Buch Alexanders wird dabei als Grundlage für ihre Kritik an Merkel und der Flüchtlingspolitik benutzt. Ich bin der Frage nachgegangen: zu Recht? Wie rechts ist das Buch von Robin Alexander?

Der Autor verzichtet in seinem Buch fast zu offensichtlich darauf, sich in etwaige Lager zuordnen zu lassen. Darum soll es ihm in seinem Buch auch nicht gehen. "Die Getriebenen" hätte sich auch mit der Finanzkrise beschäftigen können oder der Wiedervereinigung, wie auch andere große Ereignisse in Europa.

Im Mittelpunkt steht weniger die Frage, ob es richtig oder falsch ist, Flüchtlingen zu helfen.

Vielmehr beschäftigt sich der Autor mit grundsätzlichen Fragen der Politik: Wie setzt die Politik eine Agenda auf? Wie stark werden die kleineren Staaten in Europa eingebunden? Welche Strukturen gibt es in Europa zur Bewältigung von Krisen? Und, besonders im Hinblick auf das Merkel-Seehofer Verhältnis, wie menschlich ist unsere Politik?

Das Buch ist insgesamt spannend geschrieben. Es liest sich wie ein Krimi auf reale Gegebenheiten von der sogenannten Grenzöffnung bis zur faktischen Schließung der Balkanroute wie dem EU-Türkei-Deal. Was der Leser im Herbst 2015 und ein halbes Jahr danach nie erfahren hat, bekommt er nun in einem Buch gut berichtet.

Unvermeidlich hierbei sind die Vokabeln, die der Autor bedienen muss, um das Geschehen korrekt zu beschreiben. So geht es um die Entscheidung der Kanzlerin, die Flüchtlinge nach Deutschland zu holen.

Im Zuge dieser Entscheidung spricht Alexander von der Grenzöffnung. Die Unterstützer dieser Entscheidung sagen, dass die Grenzen nicht geöffnet wurden, sondern bereits offen waren. Physisch haben sie sogar Recht: Es stehen keine Zäune um Deutschland herum. Und für EU-Bürger ebenfalls, da sie legal nach Deutschland einreisen dürfen.

Aber der Grenzübergang über deutsche Grenzen ohne Papiere ist illegal. Mit der Entscheidung der Kanzlerin wurde eine Ausnahme gemacht, von der die Kanzlerin selbst spricht. Diese Ausnahme, wunderbar und nach unseren ethischen Vorstellungen bewältigt, darf sich nicht wiederholen, sagte die Kanzlerin ebenfalls.

Die Ausnahme dauerte sechs Monate, bis zwei Instrumente die Zahl der Flüchtlinge reduzierte. Die Schließung der Balkanroute und das EU-Türkei-Abkommen.

Diese Entscheidung kann man werten, wie man sich gerade verordnet. Das linke Lager kann das toll finden, das rechte Lager kann es kritisieren. Es wäre aber schade, wenn das Werk des Autors auf diese oberflächliche Frage, welchem Lager das Buch nun zuzuordnen sei, reduziert würde.

Viel wichtiger ist doch, wie Politik funktioniert. Und das ist dem Autoren sehr gut gelungen, zu beschreiben, vor welchen Entscheidungen unsere Politiker unter starkem Druck stehen und dass sie dabei immer noch Mensch sind.

"Die Getriebenen", so heißt das Buch nicht zufällig. Jeder wird von irgendwem getrieben. Von Umfragewerten, von der Stimmung im Land, von konkurrierenden Parteien und Interessen. Oder von unseren eigenen moralischen Vorstellungen. Die Mehrheit in Deutschland würde doch den Satz unterschreiben, dass wir gerne jedem Menschen auf dieser Welt helfen würden. Andererseits sind auch unsere Ressourcen begrenzt.

So helfen wir so weit, wie wir können. Das ist unsere Lehre vom Herbst `15. Wir bekämpfen jetzt aufmerksamer Fluchtursachen, helfen den Menschen vor Ort, unterstützen die Staaten in Bereichen der Entwicklung und im Kampf gegen Terrorismus, Armut und Umweltkrisen. Wir sind als Gesellschaft insgesamt weiter.

Wir wurden auch getrieben von der idealistischen Vorstellung, allen helfen zu können. Wir wurden wach von den realistischen Möglichkeiten, die uns tatsächlich zur Verfügung stehen. Und wir sind zur Erkenntnis gelangt, dass wir den Menschen vor Ort mehr helfen können, als wenn sie sich auf den gefährlichen Weg machen und sich in Europa nicht einleben können.

Unsere Gesellschaft hat verstanden, dass wir mehr Engagement in Krisen-Ländern aufbringen müssen. Und unsere Politik auch. An diesem Engagement müssen wir sie nun messen.

Denn, so stellt es der Autor in seinem Buch auch zum Schluss fest: Die Flüchtlingskrise ist noch nicht zu Ende.

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