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An alle Deutsch-Türken, die im Referendum mit Ja gestimmt haben: Ihr befleckt die Türkei mit Blut

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Liebe deutsch-türkische Community,

ich will nicht verallgemeinern. 63 Prozent der in Deutschland lebenden Türken haben zwar für Recep Tayyip Erdogan und seine Alleinherrschaft gestimmt, aber die Wahlbeteiligung lag bei 48 Prozent (siehe Video oben). Und ein noch größerer Teil besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft und hätte mit Nein gestimmt, war aber nicht wahlberechtigt. So wie ich zum Beispiel.

Deswegen werde ich euch nicht alle in einen Topf werfen. Den Gefallen werde ich den Erdogan-Fans unter euch nicht tun. Allen, die mit Ja gestimmt haben, muss bewusst sein: Ihr seid nur eine Mehrheit in einer Minderheit. Und dennoch seid ihr zu viele.

Präsident Erdogan hat euch erreicht, indem er dem Land, in dem ihr seit Jahren friedlich lebt, Nazi-Methoden vorgeworfen hat. Die meisten von euch sind hier geboren und aufgewachsen, sie sind hier zur Schule gegangen und sind Zeuge geworden, wie ein Land sich mit seiner Geschichte auseinandersetzt. Ständig wird öffentlich die Frage gestellt, wie so etwas passieren konnte.

Mehr zum Thema: Erdogan will nicht mit den Nazi-Vergleichen aufhören

Ihr macht euch gerne über die Deutschen lustig und wenn ihr sie beschreiben wollt, lacht ihr darüber, wie sehr sie auf den Rechtsstaat setzen und auf korrekte Arbeitsweise, was sie eben für ein korrektes Volk sind. Ihr macht Witze, dass ein Deutscher vor Gericht sogar gegen seine Eltern aussagen würde, wenn sie schuldig wären.

Ihr selbst habt lieber jemandem vertraut, dessen Sohn 1998 in Istanbul eine Sängerin ohne Führerschein angefahren hat, anschließend Fahrerflucht begangen und für ihren Tod bis heute nicht vor Gericht zur Verantwortung gezogen wurde. Denn zu der Zeit war Erdogan Oberbürgermeister von Istanbul.

Die Propaganda hat euch gefesselt: "Wenn der IS dagegen ist, sind wir dafür!", sagte Erdogan. Dabei hatte der IS sich nie zum Referendum geäußert. Es waren nur eine Reihe von Spekulationen, durch die Angst geschürt und Verschwörungstheorien entfacht werden sollten: "Wenn Europa dagegen ist, sind wir dafür!" Oder: "Niemand will eine starke Türkei!" Dabei seid ihr es jetzt, welche die Türkei schwächen.

Ein Dieb, ein Lügner, ein Präsident

Ihr habt auf Erdogan vertraut, der im Verdacht steht, in einen Korruptionsskandal verwickelt zu sein und Millionen illegal auf die Seite geschafft zu haben. Anfang 2014 waren Telefonaufzeichnungen im Internet aufgetaucht, wie er seinen Sohn beauftragt, das ganze Geld verschwinden zu lassen, weil am Morgen des 17. Dezember 2013 die Polizei sämtliche Wohnungen und Häuser der Minister und ihrer Kinder durchsucht hatte.

Im Mitschnitt ist zu hören, wie nach drei Tagen der Sohn zu seinem Vater Erdogan sagt, dass "nur noch etwa 30 Millionen Euro" weggeschafft werden müssen. Bargeld, welches daheim liegt. Die ermittelnden Richter wurden alle entlassen, sie mussten ins Ausland fliehen. Ebenso die Polizisten im Einsatz an jenem Morgen.

Ihr vertraut einer Regierung, in der es keinen Minister gibt, der in den letzten 10 Jahren nicht Millionär geworden ist. Durch Korruption und illegale Geschäfte. Ihr wisst das und schenkt ihnen die Alleinherrschaft.

"Die Todesstrafe, die Todesstrafe!"

Im Wahlkampf betonte Erdogan immer wieder, dass er die Todesstrafe im Falle eines Sieges wieder einführen will. Seit dem sogenannten Putsch im Juli letzten Jahres (es gibt nach wie vor erhebliche Zweifel, ob es sich wirklich um einen Putsch gehandelt hat) regiert Erdogan per Dekret, entlässt hunderttausende Menschen und lässt tausende in Gefängnissen schmoren. Ohne Urteil, versteht sich.

Mehr zum Thema: Sieger wird zum Henker: Erdogan macht Todesstrafe zur "ersten Aufgabe"

Es gibt zurzeit nicht einen Türken, der keinen Freund oder Verwandten hat, der nicht im Gefängnis sitzt. Jede Familie ist mehr oder minder betroffen. Eine Million Familien sind unmittelbar betroffen, sie sind angewiesen auf die Hilfe von Freunden.

Es ist nur eine Frage der Zeit, wie lange das gut geht. Erdogan will mit einer Todesstrafe die Grundlage schaffen, um sie rechtzeitig loswerden zu können. Ihr wisst das. Ihr unterstützt das! Ihr ruft sogar danach, wie in Köln im letzten Jahr: "Die Todesstrafe, die Todesstrafe!"

Die Türken in der Türkei sind irritiert

Die demokratischen Kräfte in der Türkei müssen sich entsetzt fragen, was mit ihren Brüdern und Schwestern in Europa los ist, dass ihnen ihre Landsleute in der Diaspora aus sicherer Entfernung die Demokratie ruiniert haben. Dass sie dafür Verantwortung tragen, dass die Todesstrafe wieder eingeführt wird.

Denn die Entfernung ist sicher groß genug, um nicht davon betroffen zu sein. Die Entfernung ist leider auch gering genug, um an politischen Experimenten teilzunehmen. Aber das hier ist kein Experiment und kein Spiel. Das ist bittere Realität. Ihr befleckt das Land mit Blut!

Erdogans Ideale

Erdogan ist mal angetreten, um die konservative Mittelschicht zu repräsentieren. Tatsächlich wurde diese von Teilen der Elite unterdrückt, Frauen mit Kopftuch durften nicht studieren und religiöse Menschen wurden nicht in die gesellschaftlichen Prozesse eingebunden.

Erdogan traf den Zeitgeist, als er sagte, dass gleiches Recht für alle gelten soll und alle Menschen gleich behandelt werden müssen. Europa hat Erdogan gefeiert. Dafür, dass Islam und Demokratie vereinbar sind. Heute, wenn man sich in der Türkei als konservativ muslimisch bezeichnet, muss man befürchten, als grob, korrupt und verlogen wahrgenommen zu werden.

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Ihr habt dazu beigetragen. Denn Erdogan ist eines klar geworden: Er kann machen, was er will. Ihr werdet ihm fanatisch zur Seite stehen. Eure bedingungslose, fanatische Hingabe zu Erdogan hat ihm jetzt auch eine Verfassung beschert, durch die er sogar mehr Macht bekommt, als ein Sultan im Osmanischen Reich.

Er kann jetzt alles und jeden selbst bestimmen. Übrigens: Eine ähnliche Verfassung hat auch Aserbaidschan. Präsident Aliyev hat Erdogan bereits zum Sieg gratuliert. Und vor wenigen Monaten hat er auch seine Frau zu seiner Stellvertreterin ernannt und zur Vizepräsidentin gemacht.

Für so ein System, in dem das einfach so möglich ist, habt ihr gestimmt. Jede Wette, dass euch das noch nicht bewusst ist, wie sehr ihr der Türkei geschadet habt. Wenn euch das System so sehr gefällt, dann tauscht doch euren Platz in Deutschland mit jenen Türken in der Türkei aus, die mit Nein gestimmt haben und keine Lust auf die Todesstrafe, Autokratie und ein Unrechtsregime haben.

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Durch Einreiseverbote, Faschismus-Vorwürfe und Kritik am kommenden Referendum haben sich die diplomatischen Spannungen zwischen der Türkei und einigen EU-Staaten weiter verschärft.

Wie sollte Deutschland, wie die EU auf die neue Situation reagieren? Diskutiert mit und schreibt uns unter Blog@huffingtonpost.de

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