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Das ist die wahre Bedeutung von Angela Merkels Mantra "Wir schaffen das"

Ver├Âffentlicht: Aktualisiert:
ANGELA MERKEL
MICHAEL KAPPELER via Getty Images
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Ein Jahr ist es her, dass sich Bundeskanzlerin Merkel dazu entschlossen hat zu sagen, dass wir das schaffen. Drei Worte, gro├če Wirkung. Und jeder wei├č damals wie heute, dass sie damit die gewaltige Herausforderung mit der vergleichsweise massenhaften Einwanderung meint.

Drei Worte, die zu Diskussionen und zur Spaltung der Gesellschaft gef├╝hrt haben. Ein kurzer Satz f├╝r Merkel, eine gro├če Herausforderung f├╝r Deutschland. Das war im September letzten Jahres auch soweit bewusst. Es ist Zeit f├╝r Definitionen.

Was bedeutet "Wir schaffen das!"?

Zun├Ąchst eine Analyse. Unter "Wir" sind, das scheint nicht jeder verstanden zu haben, alle Menschen gemeint. Du, ich, er, sie, es, einfach alle. Ganz Deutschland. Die ganze Nation steht vor der Herausforderung und nicht nur Merkel.

Die Zahlen sprechen f├╝r sich: Wenn die Integration gelingt und daf├╝r spricht viel, profitiert unser Land langfristig davon. Der demografische Wandel ist Realit├Ąt. Wir werden nicht nur ├Ąlter, sondern auch weniger.

Schlechte Voraussetzungen f├╝r eine Volkswirtschaft wie unsere. Ein Industrieland braucht Arbeitskr├Ąfte. Eine junge, dynamische Bev├Âlkerung wird die Wettbewerbsf├Ąhigkeit beibehalten. Sehr wichtig in Zeiten eines immer mehr aufstrebenden Chinas, st├Ąrker werdenden Amerika und ambitionierten Ost-Europa.

Aber bevor dieser Artikel so klingt wie eines meiner VWL Vorlesungen, ein kurzer Blick auf die Aufgabe der Gesellschaft. Das "Wir" soll uns verbinden, ein gemeinsames Ziel definieren und alle B├╝rgerinnen und B├╝rger dazu aufrufen, seine Aufgabe in dieser komplexen Frage zu erkennen und zu erf├╝llen. Das kann das gemeinsame Reparieren von Fahrr├Ądern sein, das Lehren der Sprache und die Integration in die Gesellschaft.

Das klingt alles so kompliziert, ist es aber nicht. Ja, der Florian hat viel geleistet und ihm geb├╝hrt unser Dank, wenn er den Ali mit zum Fu├čball nimmt. Und wenn der Ali dabei noch von weiteren Kollegen in der Mannschaft herzlich begr├╝├čt und er mit der deutschen Sprache konfrontiert ist, umso besser.

Was schaffen wir?

Schaffen kommt von etwas erreichen. Etwas bewegen. Das kann materiell sein, wenn man auf der Arbeit etwas schafft, einen Stuhl produziert. Wohl aber auch auf sozialer Ebene. In diesem Zusammenhang ist das Schaffen langfristig zu verstehen. Wann haben wir es denn geschafft? Einen Zeitraum wird niemand konkretisieren wollen, aber ein Ziel.

Wenn ein Fl├╝chtling von heute in Lohn und Arbeit kommt, die deutsche Sprache spricht und sich einbringt, haben wir es geschafft. Das ist zum gro├čen Teil die Aufgabe der Politik, denn ├╝ber 25.000 Lehrer werden ben├Âtigt sowie berufsbezogener Unterricht. Wer kennt es nicht, dass man f├╝r seine Leistungen motiviert werden muss? Das liegt in der Natur des Menschen.

Akzeptanz, Geduld und Mitarbeit sind die Aufgaben der Gesellschaft. Ich erlebe sehr viele Menschen, die das aufbringen. Ich erlebe aber auch Menschen, die das nicht schaffen. Weil sie es nicht schaffen wollen.

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Eine kurze Anekdote: Ein Freund, sein Name ist tats├Ąchlich Florian, spielt Fu├čball in einem Verein. Ich begleite ihn zum Spiel und gehe auch in die Kabine der Jungs. Kein Grund, auf irgendetwas sauer zu sein, denn das Spiel wurde zuvor nicht nur 2:0 gewonnen, sondern das sind auch alles junge Leute, die hier entweder studieren oder im Arbeitsleben sind. Und das nicht schlecht.

Einer von ihnen ist bei Polizei, werde ich sp├Ąter erfahren. Er wird mir besonders in Erinnerung bleiben, leider nicht positiv.

Ich gehe also in die Kabine, weil Florian zu lange geduscht hat und rufe ihn. Als ich wieder raus bin, kaum um die Ecke, ruft einer, der Polizist, zu Florian. Es gibt doch diese Momente, wo man meint, jetzt zuh├Âren zu m├╝ssen, kennt ihr diese Momente? So einer war das.

Ich bleibe stehen und lausche. "Letztens hast du so einen Fl├╝chtling mitgebracht, was h├Ąngst du immer mit f├╝r Leuten ab?", muss sich Florian die Frage anh├Âren. "Er ist ganz normaler Deutscht├╝rke, als ob du noch nie einen gesehen h├Ąttest."

Ich will meinen, dass ich gut genug Deutsch spreche, dass er ein Mindestma├č an Integration bei mir zu wissen glauben sollte. Das reicht ihm aber nicht. "Ja doch, aber mit denen h├Ąnge ich doch nicht ab!" l├Ąsst uns der junge Polizist wissen.

Rassismus auf ganzer Linie

Das ist Rassismus auf ganzer Linie. Nicht, dass es mich gro├čartig st├Âren w├╝rde, daf├╝r lebe ich schon zu lange in Deutschland, n├Ąmlich seit meiner Geburt 1991 in Osnabr├╝ck.

Aber ich frage mich, wenn jemand so intolerant gegen├╝ber deutsch t├╝rkischen Mitmenschen ist, der hier maximal einen Strafzettel bekommen hat, weil er sich nicht angeschnallt hat, der hier studiert, mit seinem Freund Florian auf besserem Deutsch mit ihm spricht als er selber, wie will so jemand einen frisch aus Syrien angekommenen Jugendlichen akzeptieren?

Ein Ding der Unm├Âglichkeit, will ich beinahe mein Urteil f├Ąllen und entschlie├če mich runter zu gehen zu den anderen Mannschaftskollegen, die gerade mit dem farbigen Mitspieler scherzen, ihn zu seinem Traumtor gratulieren und alle gemeinsam ein Bier trinken.

Ein Anblick der Hoffnung. Und das ist die Mehrheit in diesem Land. Nur die Kritiker schaffen es zu laut zu sein, weshalb sie eher auffallen.

Das Land kann gar nicht genug Florians haben. Der Lehramtsstudent aus meinem Studentenwohnheim und Borussia Gladbach Fan inspiriert mich. Er inspiriert mich fast schon so sehr, dass ich bald auch Gladbach Fan bin. Aber nur fast! ;)

Die Moderaten und Macher kommen zu kurz. Ihnen geb├╝hrt aber unser Dank f├╝r ihr t├Ągliches Engagement. Deshalb ist dieser Artikel zum Teil ├╝ber Tatsachen geschrieben und zum Teil als ein Dankesch├Ân zu verstehen, an diejenigen, die dem Aufruf der Bundeskanzlerin folgen, ihre Aufgabe verstehen und sie mit Bravour erf├╝llen. Danke an Florian, vielen Dank an alle anderen, die so sind wie Florian!

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