BLOG

Eine offene Plattform für kontroverse Meinungen und aktuelle Analysen aus dem HuffPost-Gastautorennetzwerk

Ahmed Agdas Headshot

Keiner von uns Muslimen braucht die Debatte um den Islamfeiertag

Veröffentlicht: Aktualisiert:
FAST BREAKING
Getty
Drucken

Seit Tagen verfolge ich die Diskussionen über islamische Feiertage intensiv. Bewusst habe ich mich als Politiker und Muslim zurückgehalten und nur zugehört. Insbesondere habe ich darauf geachtet, was denn andere Muslime dazu sagen. Witzig: nichts.

Eine kluge Entscheidung. Denn diese Diskussion braucht aus zwei Gründen keiner.

1. Die Islam-Debatten nerven, weil es keine Debatten sind

Man möchte über den Islam sprechen? Gerne. Dann aber bitte sachlich, auf Grundlage erkennbar qualifizierter Erkenntnisse. Und nicht gleich mit Schaum vor dem Mund und Wut im Bauch der nächsten geschürten Welle der Angst aufspringen.

Insbesondere CSU-Politiker tun gerade so, als würde jetzt jeder Muslim einen muslimischen Feiertag fordern. Abgesehen von Aiman Mazyek vom Zentralrat der Muslime kenne ich allerdings keinen, der das sagt.

Und wenn wir schon dabei sind: Die Muslime fordern auch nicht, Weihnachtsmärkte umzubenennen, Kirchenglocken abzuschaffen oder in jeder Straße Minarette aufzustellen.

2017-09-04-1504512891-8209760-CopyofHuffPost.png Young Urban Muslims - das Sprachrohr für alle jungen Muslime, die keine Lust haben, dass immer nur über sie geredet wird.


Wenn euch das Andreas Scheuer oder Markus Söder von der CSU in demagogischer Art und Weise auf Veranstaltungen der Jungen Union, dem Nachwuchs der Christdemokraten, entgegenbrüllen, so habt die eine Sekunde übrig, die Dinge richtig einzuordnen, bevor ihr mit Schaum vor dem Mund wie wild klatscht und euch einbildet, dadurch würde das Abendland gerettet werden. Nichts ist bedroht und nichts muss gerettet werden.

Außer die Rettung vor sinnlosen Debatten, das wäre doch etwas. Eine Obergrenze für dumme Ideen? Wir können es auch Richtlinie nennen! Kompromisse müssen sein.

2. Wir brauchen keinen muslimischen Feiertag - seid einfach mal pragmatisch

Als ich noch ein kleiner Junge war, bin ich einfach zu meinen Lehrern gegangen, um an einem hohen muslimischen Fest frei zu bekommen. Ich kann mich nicht erinnern, dass jemals auch nur einer der Lehrkräfte in meiner gesamten schulischen Laufbahn Probleme gemacht hätte.

Alle waren tolerant, haben eben dem einen Schüler einen freien Tag gegönnt, weil die Oma zu Besuch kam und dieser Feiertag für uns einen Stellenwert hat wie bei Christen das Weihnachten.

Das hat man ganz ohne Staatsvertrag mit Moscheen, ganz ohne große Debatten wie sie jetzt geführt werden hingekriegt. Warum auch nicht?

In Hamburg geht man einen anderen Weg. Die drei großen Feiertage im Islam sind bereits anerkannte Feiertage. Mit einem Staatsvertrag von 2012 gemeinsam mit Moscheen und islamischen Vertretern. Das bedeutet, dass zwar nicht alle Menschen einen bezahlten freien Tag haben. Aber Muslime haben das Recht, sich unbezahlt frei zu nehmen oder einen Urlaubstag zu bekommen. Auch schön.

Mehr zum Thema: In Deutschland leben viel weniger Muslime, als die meisten glauben

Später in der Ausbildung habe ich weiter die Erfahrung gemacht, dass ich meine Feiertage ganz pragmatisch regeln kann. Und wenn zum Neujahr oder Weihnachten Arbeitskollegen mit christlichen Glauben frei haben wollten, habe ich für sie gearbeitet.

Dafür haben sie für mich an meinen Feiertagen gearbeitet.

Diese Erfahrungen beobachte ich in kleinen Betrieben mit bis zu zehn Mitarbeitern und in Betrieben mit 15.000 Mitarbeitern. Alles möglich. Nichts muss.

So streng islamisch, wie Nicht-Muslime von Muslimen denken, sind viele Muslime gar nicht. Also bitte einfach mal pragmatisch sein.

2016-10-24-1477314417-8667323-image_1465815956.jpeg

Oft schauen wir auf gesellschaftliche Entwicklungen nur aus einer abstrakten Perspektive: Experten sprechen über Probleme anhand von Studien. Politiker loben, was gut läuft, anhand von grauen Statistiken - all das hat mit dem Alltag der Menschen, die von diesen Entwicklungen betroffen sind oder sie prägen, oft wenig zu tun.

Diese Menschen kommen jetzt in der HuffPost zu Wort. Denn wie fühlt sich Armut in einem reichen Land jenseits der Statistiken an? Wie sieht Deutschland aus der Perspektive eines Obdachlosen aus? Vor welchen Problemen steht ein gerade angekommener Flüchtling? Wer hat mit seiner Initiative ein gravierendes Problem gelöst? All das ist Thema in HuffPost-Voices.

Diskutiert mit und schickt uns eure Erlebnisse an Blog@huffingtonpost.de.