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EU-Gipfel mit der Türkei: Etwas mehr Respekt, bitte

09/03/2016 15:52 CET | Aktualisiert 10/03/2017 11:12 CET
EPA

Der Journalist und Türkei-Korrespondent der Zeitung "Die Welt", Deniz Yücel, hat einen emotionalen und plakativen Artikel mit dem Titel "Der größte Auftritt seit der Belagerung von Wien" zu den auf dem EU Gipfel besprochenen Aspekten zwischen der Europäischen Union und der Türkei zur Flüchtlingskrise geschrieben.

Ich möchte nun auf seine Kritik und Einordnung eingehen und eine andere Sichtweise dem deutschen Leserpublikum bieten.

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Worum geht es?

Die Türkei ist von den Flüchtlingsströmen betroffen. Und das schon seit 5 Jahren und somit wesentlich länger als es Europa erreicht hat.

So lange wie sich die Türken, Nachbarland von Syrien mit über 900 Kilometer Grenze, um die Flüchtlinge gekümmert hatten und bis zu 2,7 Millionen Schutzbedürftige aufgenommen haben, hat man mal hin und wieder löbliche Worte aus Berlin, Paris oder London gehört.

Die Krise wurde erst zu einer Krise, nach dem die Menschen Europa erreichten. Das Thema des EU Gipfels war es nun, eine gerechte Lastenverteilung anzustreben. Die Türkei will weiterhin helfen, die Europäische Union muss seiner humanitären Verantwortung ebenfalls gerecht werden.

Dabei geht es selbstverständlich auch um Gelder, denn Flüchtlinge kosten zunächst erst einmal Geld, auch wenn das der Welt-Journalist Deniz Yücel nicht auf Anhieb glauben mag. Medizinische Versorgung, Unterbringung, Verpflegung, Kurse und vieles mehr.

Die Türkei leistet Unglaubliches und diesen Respekt sollten wir ihnen zu Beginn aller Verhandlungen zollen. Nun zum politischen Geschäft:

Wie viele Milliarden denn nun?

Deniz Yücel beschreibt das in seinem Artikel so: "Man nimmt, was man kriegt. Aber die Türkei ist nicht Burkina Faso. Und sie hat, glaubt man der türkischen Regierung, in den letzten Jahren fast neun Milliarden Euro für Flüchtlinge ausgegeben." Glaubt man der türkischen Regierung.

Was ist mit den Angaben des UN, UNHCR und den NGO`s vor Ort, fragt man sich. Die Türkei sachlich zu kritisieren ist das eine, aus emotionalen Dogmen heraus zum Teufel zu stilisieren das andere.

'Glaubt man der türkischen Regierung' ist die Wortwahl des vermeintlichen Türkei Experten. Glauben Sie nicht? Dann nehmen Sie die Anzahl der Flüchtlinge, rechnen Sie die Kosten für einen Menschen mit einem Taschenrechner auf 2,7 Millionen Menschen hoch und das auf 5 Jahre. Mehr als 10 Milliarden werden da rauskommen, aber versuchen Sie es selbst.

Jetzt aber bloß keine Verschwörungstheorien, dass der Taschenrechner manipuliert ist. So geht eben die Denkweise des ehemaligen taz Journalisten, frei nach dem Motto: "Ich bin links, fordere viel und das alles gibt es umsonst!". Nein, gibt es nicht.

Visafreiheit für Türken?

Das beschreibt Deniz Yücel, ausnahmsweise, richtig: Für jede türkische Regierung wäre es ein großer Erfolg, wenn die Visumspflicht wegfiele. Das ist korrekt.

Kurz darauf wird es wieder falsch: Wenn es die Visafreiheit nicht mehr gäbe, würden Millionen Kurden aus dem Südosten der Türkei nach Europa fliehen. Die Türkei wäre kein sicheres Herkunftsland.

Herr Yücel, möchte man ihm zurufen, wenn die Kurden fliehen, dann vor der Terrororganisation PKK in den Westen der Türkei, wo bereits Millionen von Kurden friedlich leben. Wenn sie nach Europa gewollt hätten, dann würden sie doch die aktuelle Lage nutzen und mit den Syrern nach Europa fliehen.

Die Schlepper und Schleuser sind doch seit Monaten professionell dabei, Menschen aus der Türkei nach Griechenland zu schleusen. Aber nein, es kommen keine Kurden, sondern Syrer.

Die Türkei ist ein sicheres Herkunftsland.

Die kurdischen Flüchtlinge sind sogenannte Binnenflüchtlinge innerhalb der Türkei, die vor dem Terror der PKK fliehen. Das Gegenteil ist eher der Fall: Über 200.000 kurdische Flüchtlinge aus Syrien sind in die Türkei geflohen. Offensichtlich ist die Türkei ein sicheres Herkunftsland.

Das sage nicht ich, sondern die Kriterien, wonach uns die Verfassung den Rahmen gibt, welcher Staat als sicher gilt.

Erst diese Woche ist bekannt geworden, dass die kurdischen Kämpfer zugegeben haben, dass die Waffen aus Europa in die Hände des IS geraten sind. Kurdische Kämpfer hätten diese auf dem Schwarzmarkt verkauft. Und genau vor diesen korrupten Terroristen fliehen die Menschen.

Perspektiven der Flüchtlinge in der Türkei

Des Weiteren kommt die Kritik zur Sprache, dass 400.000 der 700.000 syrischen Flüchtlingskinder in der Türkei keine Schule besuchen können. Das ist die Stelle, an der ich am lautesten gelacht habe.

Mit über 300.000 syrischen Kindern, die eine Schule in der Türkei besuchen, hat die Türkei bereits mehr getan als die 28 EU Staaten. Dass man sich ohne rot zu werden hinstellt und kritisiert: "Ja, aber es sind eben noch nicht alle!", da fällt einem nichts mehr ein.

So was braucht eben Zeit. Lehrer müssen eingestellt werden, die Infrastruktur muss aufgebaut werden. In der Vorstellung von Herrn Yücel funktioniert das alles über Nacht und kostet auch keinen Cent.

Die Türkei hat bereits mehr getan als die 28 EU-Staaten.

Noch einmal, nur damit es einem bewusst wird: Allein 700.000 Kinder! Ganz Europa hat etwas über eine Million Flüchtlinge aufgenommen, fast genauso eine hohe Zahl gibt es in der Türkei ausschließlich nur an Kinder, wenn wir die Gesamtzahl der Flüchtlinge nehmen, sind es 2,7 Millionen. Und ein Kolumnist kritisiert, dass davon 400.000 Kinder nicht die Schule besuchen können.

Ja, vielleicht deshalb, weil die Türkei es bisher geschafft hat, "lediglich" 300.000 Kindern diese Möglichkeit zu bieten. Das bedeutet nämlich auch, dass man Lehrkräfte dafür braucht, die auch die entsprechende Sprache sprechen.

An der Zahl ca. 10.000 syrische Lehrkräfte, die diese Kinder unterrichten sollen, hat die Türkei in den letzten Jahren eingestellt. Dann zweifelt derselbe Herr, das muss man mal intellektuell begreifen, dass eben nicht so viel Geld ausgegeben worden ist.

Fazit

Was sagte ein ehemaliger CDU Bundestagsabgeordneter, Ruprecht Polenz, über den Herrn Yücel so schön:

"Da hat sich der Türkei-Korrespondent der Welt, Deniz Yücel, mal so richtig Luft gemacht. Als "emotional" und "Meinung" gekennzeichnet, damit klar ist: sachlich ist er nicht, fair und ausgewogen auch nicht. Muss man als Journalist auch nicht sein. Informieren kann sich der Leser ja auch woanders.".

Zum Glück, Herr Polenz! Zum Glück.

Die Verhandlungen mit zwischen der EU und der Türkei sind richtig und wichtig. Die Beschlüsse werden die Zukunft Europas erheblich beeinflussen. Wir sollten den Türken mehr Respekt zollen, selbst Verantwortung übernehmen und an einer gemeinsamen Lösung arbeiten. Naivität und emotionale Dogmen helfen nicht weiter.

Eine Versachlichung und realistische Einschätzung über das Mögliche und Machbare werden die Krise lösen. Das hat auch Frau Bundeskanzlerin Merkel verstanden und arbeitet sehr hart daran. Ich begrüße ihre Anstrengungen hin zu einer Lösung dieser Krise im Interesse aller Beteiligten.

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