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Warum ich meinen türkischen Pass abgegeben habe

16/03/2017 13:04 CET | Aktualisiert 21/03/2017 10:29 CET
HANNIBAL HANSCHKE / Reuters

Ich wurde in Deutschland geboren, bevor es den Doppelpass gab. Meine Eltern hatten den türkischen Pass, in den Augen des Staates war ich also Türke.

Die Absurdität dieser Regelung wurde mir klar, als ich mich mit 18 einbürgern ließ. Obwohl ich in Deutschland geboren und hier zur Schule gegangen bin, musste ich tatsächlich nachweisen, dass ich gut genug deutsch spreche, um hier klarzukommen.

Versteht mich bitte nicht falsch, ich liebe die Türkei und ich habe dort auch Familie - trotzdem konnte der eine Urlaub dort mich nicht überzeugen, türkischer Staatsbürger zu bleiben.

Erdogan fuhr damals zwar noch einen demokratischen Kurs, aber für mich war die Türkei nie ein völlig freier demokratischer Staat - nicht so wie Deutschland, wie ich es im Sinne unserer Standards gelernt habe.

Ich habe großes Vertrauen in den deutschen Rechtsstaat und in die demokratischen Strukturen

Mir wurde sehr früh klar, dass ich nur die deutsche Staatsbürgerschaft haben wollte. Das ist in meiner ganzen Familie so. Sobald es ging tauschte auch mein Vater den türkischen Pass gegen einen deutschen, genau wie meine Geschwister.

Darüber gab es keine große Diskussion. Wir waren hier, wir wollten hier bleiben, wir wollten Deutsche sein. Und wir werden hier bleiben. Wir sind Deutsche und Teil dieser Gesellschaft.

Mehr zum Thema: Türkei hat Flüchtlings-Deal teilweise ausgesetzt - und droht mit vollständigem Stopp

Wir haben uns hier immer sicher und willkommen gefühlt. Natürlich gab es mal den typischen Nachbarschaftsstreit und ja, auch Probleme mit Rassismus, aber im Wesentlichen behandelte man uns in Deutschland immer fair.

Ich habe großes Vertrauen in den deutschen Rechtsstaat und in die demokratischen Strukturen.

Deswegen kann ich auch nicht verstehen, warum so viele Türken an ihrem Doppelpass hängen. Das einzige Argument für diese Form der Staatsangehörigkeit ist eine emotionale Bindung zur Türkei.

Die meisten Türken in Deutschland wollen nicht zurück in die Türkei

Zwar liebe ich auch Frankreich, Italien und England, aber ich würde nie auf die Idee kommen, die entsprechende Staatsbürgerschaft zu beantragen. Warum auch?

Ich war oft in vielen anderen Ländern als der Türkei, denn ich habe überall viele Freunde und fühle mich wohl - trotzdem: Ich habe mir ausgesucht in Deutschland zu leben. Wenn ich mich für ein anderes Land entscheiden würde, würde ich auch dort Staatsbürger werden und mich dort einbringen wollen. Der Doppelpass macht nur Probleme.

Zum einen ist es gegenüber den Menschen, deren Familie nicht aus einem anderen Land kommt, unfair. Niemand sollte das Privileg besitzen, in einem Land zu leben und gleichzeitig in einem anderen die politische Agenda mitzubestimmen.

Die meisten Türken in Deutschland wollen nicht zurück in die Türkei. Dennoch können sie durch den Doppelpass mitbestimmen, was in der Türkei passiert - und dabei müssen sie nicht einmal die Konsequenzen ertragen.

Der Doppelpass muss abgeschafft werden!

Warum sollte man die Zukunft eines Landes mitentscheiden, in dem man nur seine Sommerferien verbringt? Man stelle sich mal vor, Millionen Amerikaner könnten mitbestimmen, wie der Bundestag aufgebaut ist, weil sie Vorfahren aus Deutschland haben.

Die Stimmen von Menschen, die die Konsequenzen einer möglichen Verfassungsänderung nie spüren werden, haben einen riesigen Einfluss. Dass Erdogan gewinnt, ist nicht sicher. Die Auslandsstimmen könnten das Referendum allerdings zu seinen Gunsten entscheiden.

Es geht hier um eine Gesetzesänderung, die die demokratischen Grundwerte in einem Land aushebelt. Millionen Deutsch-Türken können mitentscheiden, ob in der Türkei die Todesstrafe eingeführt wird, während sie selbst davon verschont bleiben.

Der Doppelpass muss abgeschafft werden! Es gibt keinen praktischen Grund, ihn zu besitzen. Man kann nur in einem Land, nicht in mehreren gleichzeitig leben.

Die Bundesregierung und die EU müssen endlich Klartext reden

Viele Deutsch-Türken glauben, sie sitzen zwischen den Stühlen. Das verstehe ich. Gerade jetzt, da sich der Streit zwischen Berlin und Ankara weiter verschärft. Es wird oft der Anschein erweckt, man müsse sich jetzt für ein Lager entscheiden.

Die Realität sieht allerdings anders aus. Man kann problemlos mehrere Länder lieben und sich überall heimisch fühlen.

Wenn aber die Verfassungsänderung durchkommt und die Türkei zu einer lupenreinen Diktatur inklusive Todesstrafe wird, dann muss sich auch die EU entscheiden. Ich muss den Türken nicht vorschreiben, ob sie mit Ja oder Nein zur Verfassungsänderung stimmen. Das ist ihre Freiheit. Ich darf aber im Vorhinein sagen, wie ich mich dazu verhalten werde. Und das ist eben meine Freiheit.

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Es wäre nie zu Beitrittsverhandlungen mit der EU gekommen, wenn die Türkei vor 2005 eine solche Verfassung angestrebt hätte. Ohne Frage, es gab damals eine gewisse Grundlage. Diese ist inzwischen aber ausgehöhlt und untergraben.

Niemand kann mir erklären, wie die türkische Verfassungsänderung mit den europäischen Grundrechten vereinbar sein soll. Die Bundesregierung und die EU müssen endlich Klartext reden.

Das gilt genauso, wenn es darum geht, Solidarität mit den Niederlanden zu zeigen. Es ist Zeit, ein deutliches Zeichen zu setzen: Wer die Werte teilt, für die dieser Kontinent jahrhundertelang gekämpft hat, mit dem arbeiten wir auch eng zusammen. Wer diese Werte ablehnt, hat hier keine Chance.

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Durch Einreiseverbote, Faschismus-Vorwürfe und Kritik am kommenden Referendum haben sich die diplomatischen Spannungen zwischen der Türkei und einigen EU-Staaten weiter verschärft.

Wie sollte Deutschland, wie die EU auf die neue Situation reagieren? Diskutiert mit und schreibt uns unter Blog@huffingtonpost.de

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