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Bei Tee und Keksen für Vielfalt und Frieden

26/02/2017 14:56 CET | Aktualisiert 26/02/2017 14:56 CET
PeopleImages via Getty Images

Eines Tages, in der Stube von Freunden, im Gespräch mit der Mutter, der Gastgeberin. Jener Tag, das mein Denken über die deutsche Identität stark beeinflusst hat.

Zwei Tassen Tee. Bio-Zucker und Kekse. An der Wand hängen Bilder von Fachwerkhäusern. "Das sind aber tolle Bilder!", musste ich sagen. Ich meinte es auch so. "Ja, aber eine lange Zeit sehr befremdlich für mich gewesen, ich komme aus der Großstadt, Plattenbau und liberal. Hier ist alles so idyllisch, konservativ und manchmal auch anstrengend." Offensichtlich will sie auf ein Gespräch hinaus. Ich mag sowas.

Sie fährt ohne Gegenfrage fort: "Mein Mann ist katholisch. Zu der Zeit als wir geheiratet haben, war das ein Problem für meine Familie. Wir sind Protestanten, mein Vater orientiert sich stark nach den Werten der reformierten Kirche. Ehrenamtlich engagiert und offen für Neues." Ich staune. "Das war ein großes Thema damals, wenn man protestantisch ist und einen Katholiken ehelichen wollte. Aber die Liebe eben, wer hat das schon unter Kontrolle?" Gelächter. Ein Schluck aus der Tasse.

"Ich lerne, deutsch ist nicht gleich deutsch?" Wieder Gelächter. "Unabhängig von der konfessionellen Zugehörigkeit, spielt auch die Region aus der man kommt eine Rolle. Stadt, Dorf, Nord oder Süd?" Verwirrung bei mir. Region? "Deutschland ist Deutschland?" "Nein, nein, ich bin aus dem Osten.

Konfessionen haben bei uns ohnehin nie dieselbe Rolle gespielt wie im Westen. Lediglich als Widerstand zur Diktatur. Als Ventil, auch menschlich sein zu können. Die Kirche bedeutet uns sehr viel, aber als Ort der Zusammenkunft, Engagement und Plattform für die Opposition." Aha, aber wohin geht jetzt die Reise?

"Ahmed, so kompliziert ist das eigentlich nicht." Doch. "Deutsche sind früher evangelisch oder katholisch gewesen, das waren Unterschiede, die wir überwunden haben. Und heute sind viele Fremde hier, die meisten sind hier geboren und aufgewachsen, eigentlich also gar nicht so fremd, wie man so sagt." Ich hatte bis zu dem Moment den Gedanken gepflegt, dass wir schon anders sind. Überall anders. In der Türkei sind wir die "Almancı", in Deutschland der "Töörke" (sic!).

"Heute ist die Lage so, dass wir alle Deutsche sind. Aber genau wie es früher katholische und evangelische Konfessionen gab und weiterhin gibt, gibt es inzwischen auch muslimische Deutsche". Hmm. "Und der Begriff Migrationshintergrund?" Gelächter. Aber nur sie lacht, denn für mich ist das Wort "Migrationshintergrund" eine ernste Sache. Es begegnet mir überall. Selten positiv. "Ein Unwort. Deutschland ist ein postmigrantisches Land."

Verstehe ich nicht. Und das sieht man mir auch an. "Also, Amerika, Australien oder Kanada sind Länder, die praktisch durch Migration entstanden sind. In Deutschland scheuen wir uns noch vor dem Wort "Einwanderungsland" als wäre es eine Beleidigung. Mit dem Begriff "Migrationshintergrund" gehen wir aber inflationär um. Dabei sprechen die Fakten für sich:

Ohne Zuwanderung hätten wir 60 Millionen Einwohner, wesentlich schlechter dran in Wirtschaft und Sozialstaat. Würden alle Menschen, die vermeintlich fremd sind auswandern, würde das Kartenhaus zusammenbrechen."

"Ja, das liest man auch überall. Aber was ist dem Gefühl der Menschen?", will ich nicht wissen. "Was hatten denn meine Eltern für ein Gefühl als ich einen Katholiken geheiratet habe? Es wird überwunden. Und es wird auch bei dir überwunden werden. Ich bin Deutsche protestantischen Glaubens, mein Mann ist Deutscher katholischen Glaubens, du bist Deutscher muslimischen Glaubens!" Kurze Stille. Nachdenken.

"Und was uns verbindet ist eben nicht derselbe Glaube, sondern die Möglichkeit, an unterschiedliche Götter glauben zu können!" Sie lächelt. Ich muss etwas vergessen haben? "Natürlich, oder eben das Recht, an nichts zu Glauben!" Ein Schluck aus der Tasse, aber der Tee ist kalt geworden. Genau wie das politische Klima zurzeit. Es ist Zeit, wieder Tee zu kochen und an Tisch zu setzen. Auf ein Gespräch. Bei Tee und Kekse. Für ein Land in Vielfalt und Frieden.

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